Zum Gedenken an die Opfer
Sinti und Roma
03.02.2012, Wiesloch - Abwechselnd lesend erinnerten Schülerinnen der Oberstufe des Ottheinrich-Gymnasiums an Schicksale von „Zigeunern“, wie Angehörigen der Sinti und Roma jahrhundertelang bis ca. 1980 bezeichnet und damit auch diskriminiert sowie ausgegrenzt wurden. Als Beispiel wird auf das von Lena und Hanna vorgetragene Schicksal der Heidelbergerin Anneliese Franz näher eingegangen: Im Folgenden wurde die von den Leserinnen benutzte Bezeichnung „Sinti und Roma“ durch den damalig benutzten Begriff „Zigeuner“ ersetzt.
Anneliese Franz, geb. Steinbach, wuchs in Heidelberg in der Pfaffengasse auf. Als junge Frau fand sie eine Stelle in der Füllerfabrik König, wo sie 20 Jahre lang arbeitete; zuletzt als Vorarbeiterin in der Reparaturabteilung. Mit der Machtübernahme der Nationalsozialisten veränderte sich auch das Leben der jungen Frau. Sie musste wie ein Verbrecher ihre Fingerabdrücke bei der Heidelberger Verwaltung hinterlassen, bekam eine Personalkarte, die sie als Zigeunerin auswies, während ihre normalen Arbeitspapiere eingezogen wurden. Trotz bester Zeugnisse wurde auch bald ihr Lohn gekürzt. Später musste sie zusätzlich eine so genannte Rassensondersteuer von 15% zahlen.
Als 1939 die meisten der in Heidelberg lebenden 95 Zigeuner aufgrund der andauernden behördlichen Drangsalierungen Heidelberg verließen, blieb Anneliese Steinbach in ihrer Heimatstadt. 1944 wollten Anneliese Steinbach und ihr Verlobter Waldemar Franz heiraten. Ein Jahr zuvor war der Unteroffizier aufgrund seiner Rassenzugehörigkeit aus der Wehrmacht entlassen worden. Aufgrund seines kriegswichtigen Arbeitseinsatzes und seiner hohen Kriegsauszeichnungen war Waldemar Franz – so der zuständige Heidelberger „Zigeuner Kommissar“ – von den Deportationen, die viele „fremdrassige“ Soldaten direkt von der Front nach Auschwitz gebracht hatten, verschont geblieben. Der Heiratswunsch erwies sich jedoch als verhängnisvoll. Da beide von den nationalsozialistischen „Rassehygienikern“ als „Zigeunermischlinge“ eingestuft worden waren, wurde nun als Voraussetzung für eine Heirat die Unfruchtbarmachung eines Ehepartners verlangt. Ein Zurück gab es nicht mehr. Die Behörden waren auf die Verlobten aufmerksam geworden. Wie allein in Heidelberg Zwangssterilisierten, wurde auch Anneliese Steinbach zu einer schriftlichen Einverständniserklärung genötigt. Hätte sie sich geweigert, wäre sie in ein Konzentrationslager eingewiesen worden. Die Sterilisation, die schwere dauerhafte Verletzungen zur Folge hatte, wurde am 14. Januar in der Heidelberger Universitätsfrauenklinik durchgeführt.
Als Anneliese Steinbach und Waldemar Franz nach der Sterilisation heiraten wollten, wurde ihnen dies im Februar 1945 von der Karlsruher Zigeunerpolizeistelle ausdrücklich verboten. Ein Heidelberger Beamter und Freund der Familie Steinbach setzte sich über das Verbot hinweg und genehmigte die Eheschließung. Als die Karlsruher Behörde das erfuhr, wurde der Beamte wie auch Anneliese und Waldemar Franz die Einweisung in ein Konzentrationslager angedroht, die Ehe wurde annulliert.
hen