23.04.2011, Wiesloch -
So etwas gibt es trotz der Demontage der Kleinkunstbühne des „Hornochs“ auch noch bei uns in Wiesloch: intimes und professionell gestaltetes literarisches Kabarett. In der Aula des Beruf-
schulzentrums präsentierte auf Einladung der Louise-Otto-Peters-Schule das Theaterensemble der Max-Weber-Schule Sinsheim unter dem Titel „Soll das Lyrik sein?“ Lyrik von Mascha Kaléko, Erich Mühsam, Bas Böttcher und Charles Bukowski.
Mascha Kaléko (1912-1975) wurde in Galizien geboren und emigrierte 1938 aus Berlin. Ihre Lyrik besitzt einen ganz eigenen Charme und leise Melancholie. Man findet bei ihr aber auch politischsatirische Schärfe und pointierte Sprachkunst wie den skurril-verstaubten „Anarchisterich“ (Heute bombt man effektiver), der von Eddi Tueser vertont wurde. Mascha Kalékos Rolle war an diesem Abend bei der zarten Heidi Osswald bestens aufgehoben. Erich Mühsam (geb. 1878) war Politiker und Schriftsteller, schrieb u.a. satirische, von radikalanarchistischer Gesinnung erfüllte Balladen, Dramen und Essays. Er wurde bereits 1934 von den Nazis in Oranienburg ermordet. Ihn vertrat Fabian Weitz
mit dem Ernst einer bemerkenswerten Gestalt. Der Amerikaner Charles Bukowski (1920 -1994) schildert in zum Teil krasser Sprache das Elend der sozialen Unterschicht. Ihm verlieh Mauritius Bianchi Gestalt und Stimme. Bas Böttcher mit seiner „ Slam Poetry“ hatte es gleich allen Vieren angetan, voran dem versierten Moderator Sven Klawitter, von welchem man vermuten möchte , dass ihm ganz allmählich Bühnenbretter unter den Schuhsohlen zu wachsen beginnen.
Großartige Umsetzung
Im Übrigen - man traute seinen Augen beziehungsweise Ohren kaum - gab es keinerlei Lesepulte. Alles wurde frei, manchmal rasend schnell vorgetragen und sehr gekonnt szenisch umgesetzt. Pulte gab es nur für die Noten und zu Beginn eine stilgerechte Einstimmung auf dem Klavier, später Begleitmusik und Geräuschkulissen zu den Szenen von Edi Tüser (Klavier), Heidrun Liermann, Klarinette, und Michael Dalgleish, Oboe.
Was kann man sich mehr wünschen? Ja, etwa eine Antwort auf die Frage, ob man gute Lyrik nicht oder nicht leicht verstehen darf. 1930, zu Zeiten Mascha Kalékos, galt es als modern, sich verständlich mitzuteilen. In den 60er-Jahren galt dann als angesagt, sich so unverständlich wie möglich auszudrücken, meinte jedenfalls Maschas jetzige Vertreterin. Vielleicht hat das Unverständliche viele Besucher aus dem Garten der Lyrik vertrieben. Auf andere ging gerade davon vielleicht eine eigene Magie aus. Aus der einleitenden Conférence von Sven Klawitter blieb u. a. Folgendes im Ohr: „Und lerne ich eine Sprache neu kennen, dann lehrt mich die Sprache, mich neu zukennen. Das macht die Sprache - die Macht der Sprache.“ (Bas Böttcher) Mascha Kaléko wirkt trotz allen Könnens von den Inhalten her wie eine Schneeflocke auf der Eisenfaust, etwa bei den Sätzen: „Am Abend schrieb ich manchmal ein Gedicht. Mein Vater meinte, das habe noch gefehlt.“ Sie qibt den guten Rat: „Jage die Ängste fort und die Angst vor den Ängsten.“ Sie schwärmt ein wenig von der jungen Liebe und geht genau so leise, wie sie auf der literarischen Bühne erschienen war: „ Schweigen ... hüllt mich ein. Ich werde gehen, wie ich kam - allein“. Nun tritt Erich Mühsam auf, er meint, die Dame Mascha zu kennen, aus den Kreisen um Tucholsky und Kästner. Mag sein.
Erich Mühsam bekennt: „Ich bin ein Pilger, der sein Ziel nicht kennt; der Feuer sieht und weiß nicht, wo es brennt; vor dem die Welt in fremde Sonnen rennt.“ Damit löst er mit seherischer Kraft ein ganzes Bündel von Assoziationen aus. Heute, d.h. aus der Sicht der Weltkriegs-und Holocaust-Geschädigten sowie der dem Atomzeitalter Unterworfenen, sind es entschieden zu viele offene Wunden. Charles Bukowski kommt aus dem Land unserer Befreier.
Er beschreibt u. a. einen heißen Abend, an welchem es seine einzige Beschäftigung ist, „nach kleinen Insekten zu schlagen und an die atomaren Arsenale zu denken.“ Und kurz darauf: „... mehr und mehr sieht es danach aus, als würden wir WARTEN auf NICHTS.“ Das „Nichts“ blieb allerdings aus. Das „Etwas“ wurde mittlerweile für uns alle eine Nummer zu groß und bedrohlich. Denken wir nicht daran! Hören wir Bas Böttcher weiter zu: „Zur Ware gibt‘s Werbung/zum Blondieren die Färbung/ zum Traum gibt‘s die Deutung/zum Glück die Täuschung. - also: Dran glauben! Kram kaufen! Augen schließen! Schwindel genießen!“ Zusammengestellt haben die bittersüßen Bonbons des Abends Ute Wissmann und Hubert Brandt.
kob