Ernstfall geprobt
Trümmersuchhunde im Einsatz
30.08.2010, Schwetzingen - Für den dreijährigen Labrador Jerry hat diese Situation Premierencharakter. Noch nie zuvor war er auf den Rücken seiner Besitzerin Monika Sauer geschnallt, in gut fünf Metern Höhe auf einer Leiter, auf dem Weg in ein ihm unbekanntes Gebäude, in dem nur kurze Zeit später sein ausgeprägter Geruchssinn gefragt sein wird. Und eigentlich hätte Jerry schon jetzt eine Belohnung verdient, denn er erträgt diese für ihn außergewöhnliche Situation ganz augenscheinlich mit großer Gelassenheit.
Knapp 20 Teams der Trümmersuchhundestaffel Baden-Württemberg haben sich an diesem Wochenende zum Spezialtraining angemeldet. Im ehemaligen Ausbesserungswerk wird der Ernstfall geprobt, "und das leer stehende Gebäude eignet sich ganz ausgezeichnet dafür, Mensch und Tier vor außergewöhnliche Aufgaben zu stellen", sagt Günther Körner als Leiter der Rotkreuzdienste im Kreisverband Mannheim, der den Kontakt zur Bahn hergestellt und deren Einwilligung eingeholt hat. Alleine die Teilnehmer über die Leiter in den ersten Stock schicken zu können, ist eine alles andere als alltägliche Herausforderung. Und die Teams, die zum Teil einen mehrstündigen Anfahrtsweg auf sich genommen haben, wurden überhaupt ganz bewusst im Unklaren gelassen.
"Das war schon sehr nahe an der Realität", meint auch Almuth Schaefer, die gerade mit ihrer dreijährigen Maroon das Training erfolgreich absolviert hat. Denn sie hatte keinerlei Informationen, wusste nicht, was auf sie zukommt, sie musste sich im Gebäude erst einmal zurechtfinden und dringend ihre Ansprechpartner ausfindig machen, um weitere Anweisungen zu erhalten. Alleine die Tatsache, dass einem Hund von völlig fremden Menschen das Geschirr umgelegt wird, bedeute Stress, "und meine eigene Aufregung hat sie natürlich auch gleich wahrgenommen", so Schaefer.
Im Ernstfall dann noch wie gewohnt der originären Aufgabe, also dem Suchen von Menschen, nachgehen zu können, ist das Ziel eines solchen Trainings. Trümmerhunde werden im Katastropheneinsatz von der Leine gelassen. Sie suchen frei in den Trümmern nach lebenden Menschen - noch am Leben oder bereits tot, auch diese Unterscheidung können sie treffen - und wenn sie fündig geworden sind, zeigen sie dies durch ihr Bellen an. Wichtig, betont dabei Ralph Strecker als Leiter der landesweiten Trümmergruppe, sei das Funktionieren von Mensch und Tier. Der ideale Suchhund ist dabei mittelgroß, mit einem guten Körpergefühl und einem ausgeglichenen Wesen, vor allem aber ausgestattet mit Gehorsam und einem vollkommenen Vertrauen zu seinem Besitzer. "Beide müssen sich für den Katastropheneinsatz eignen", ergänzt er. Darauf wird in den regelmäßigen Sichtungen immer größten Wert gelegt. Voraussetzung für die Trümmerarbeit ist, aktives Mitglied einer Rettungshundestaffel zu sein. Wer sich für diese lebensrettende Arbeit interessiere, ob Hundebesitzer oder nicht, sei bei jeder Staffel vor Ort herzlich willkommen, sagt Strecker und er hat zum Spezialtraining im Ausbesserungswerk seinen jungen Berli, einen Entlebucher-Sennenhund, mitgebracht, mit dem er künftig ein Team bilden wird und der sich schon einmal an die ungewohnte Situation und seine Artgenossen gewöhnen soll.
Dass Mensch und Tier in einer Suchhundestaffel viel Zeit zum Üben verbringen und dabei zum verschworen Duo heranwachsen, wird an diesem Morgen beim Spezialtraining überdeutlich. Umso wichtiger sei es, dabei nicht aus den Augen zu verlieren, dass dem eigenen Hund auch einmal etwas passieren kann. "Unsere Arbeit ist eben nicht ungefährlich", weiß Almuth Schaefer ganz genau. Aber im Ernstfall rettet sie Menschenleben und Hündin Maroon, die eben noch gelassen, doch mit hellwachen Augen da lag, springt auf ein kurzes Zeichen hin auf und scheint sich ganz offensichtlich schon auf die nächste Trainingseinheit zu freuen.
km