08. Februar 2012

Alpenverein Weinheim:

Auf pfundigen Pfaden im Pfaffenwinkel

13.06.2010, Weinheim - In der schönen oberbayerischen Landschaft zwischen Starnberg und Füssen, die sich Pfaffenwinkel nennt, hat einst König Ludwig einen Wanderweg vorgegeben, den 30 Teilnehmer der Weinheimer Sektion des Deutschen Alpenvereins in voller Länge nachvollzogen haben.  

Das Wetter war sicher zu Ludwigs Zeiten besser; man wurde die ersten fünf Tage der Wanderwoche mit viel Regen und Kühle bedacht, was Walter Hebling in seiner Planung nicht voraussehen und in der Durchführung nicht ändern konnte. Täglich wurde von Einheimischen ver­sprochen: „morgen wird´s besser!“. Die letzten zwei Tage waren dann doch endlich schöner, sonnig, warm und trocken. Insgesamt waren es über 120 km in sieben Tages­etappen.  

Untergebracht war die Weinheimer Gruppe in einem Hotel  in der Nähe von Peißenberg. Von dort startete man jeweils morgens mit gemieteten Bussen zum Endpunkt des Vortages, um abends nach 16 – 25 km Tagesleistung wieder abgeholt zu werden. Im Ort Böbing gibt es drei Wirtschaften, zwei Banken, eine Kirche. Also das Nötigste. Während der Fronleichnamszeit gab es auch noch ein Festzelt, echt bayerisch. Einige Teilnehmer, die nach dem Abendessen noch dazu fähig waren, besuchten es und stemmten die Maßkrüge zu zünftiger Blasmusik und Trachtentanz. Sonst wurde abends Rommé und Skat gespielt, einmal gekegelt, einmal zur Gitarre gesungen, fröhliche Unterhaltung gepflegt. Fernsehen dagegen kam nicht zur Geltung.  

Die Gebietsbezeichnung „Pfaffenwinkel“ lässt darauf schließen, dass hier die Kirche und die Religionsausübung eine besondere Rolle gespielt haben. Das dokumentiert sich durch die zahlreichen Kirchen und vor allem Klöster in dieser Region. Diese waren auch die ausgesuchten Highlight der Wanderungen. Schon am Ankunftstag traf man nach einer 16-km-Wanderung im Kloster Andechs ein. Das Andechser Bier hat allen pfundig geschmeckt. Das Kloster selbst wurde am nächsten Vormittag besichtigt. Fast eine Stunde lang berichtete eine versierten Führerin über die Klosteranlage und ihre wechselhafte Vergangenheit. Imposant war die Geschichte von der Maus, die den neuen Klo­sterherren das Versteck der vergrabenen Reliquien verraten haben soll. Der brutale Umgang der Andechser Fürsten mit der bürgerlichen und daher nicht standesgemäßen Braut Agnes Bernauer lässt einen immer wieder erschauern.  

Nicht weniger imposant ist die Klosteranlage von Wessobrunn. Auch hier war eine ausführliche Besichtigung organisiert. Berühmt ist das „Wessobrunner Gebet“ aus dem 9. Jahrhundert als ältestes Zeugnis deutscher Sprache in Schriftform. Ein weiteres Hi-Lite von Wessobrunn ist eine über 1000 Jahre alte Linde mit einem Stammumfang von 14 m, die Tassilo-Linde. Dann ist noch besonders die „Wesso­brunner Schule“ für Stuckateure zu nennen: In ganz Europa wurden etwa 4500 Kunstwerke - vor allem in kirchlichen Bauten - von Stuckateuren dieses Gebiets geschaffen.  

Der andauernde Regen hatte dem König-Ludwig-Weg zugesetzt. Wenn auch längere Strecken auf asphaltierten Wegen verlaufen, gibt es genug schmale Pfade, auf denen man hintereinander gehen muss. Auf dem Weg war am vierten Tag mehrfach der Bodenbewuchs von neugebildeten Wasserrinnen fortgespült und damit auch jeweils ein Stück Weg. Wäre der freigelegte Untergrund Fels, hätte man wenig Probleme. Es war aber glitschiger Lehm mit kaum Halt für Tritte. Auch Um­gehungsversuche – höher oder tiefer – blieben erfolglos. Also durch und nicht abrutschen! Der Pfad war jetzt weniger pfundig, aber alle sind gut durchgekommen (einige sogar mit aufgespanntem Regenschirm). Natürlich war auch der Besuch der Wieskirche am Folgetage ein Erlebnis der besonderen Art.

Ein Besuch der Königsschlösser war nicht vorgesehen, aber ein kurzer Aufstieg über die Pöllatschlucht zur Marienbrücke über Schloss Neuschwanstein konnte noch eingelegt werden. Am Abreisetag war noch Zeit für einen schönen Weg um den Alpsee und am imposanten Lechfall vorbei nach Füssen. Dort folgte eine kurze individuelle Besichtigung der Stadt, ehe die Wandergruppe per Schie­nenersatzbus nach Buchloe, mit dem Regio dann nach Augsburg und von dort mit dem IC direkt nach Weinheim heimfahren konnte.  

König Ludwig hatte einen schönen Weg gewählt, um seine Heimat auch ohne Kutsche kennenzulernen. Die Landschaft des Pfaffenwinkels ist lieblich, abwechselungsreich und grün. Grün durch die landwirtschaftliche Monokultur, die seit Jahrhunderten hier keinen Ackerbau zulässt, nur Weiden, Wiesen, Wälder und Seen. Grün wird in hunderterlei Farbtönungen geboten, oft mit weißen, gelben oder auch rosa Farbtupfern durchsetzt, und ist nie langweilig. Und schon gar nicht die Alpenkulisse im Hintergrund.  


uh/Foto: uh
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