30.01.2012, Mannheim - Quelle: Landwehr, Marion. Mit Kindern unterwegs. Kurpfalz und Kraichgau. (2008) Fleischhauer & Spohn/Silberburg Verlag
Durch den Mannheimer Waldpark auf die Reißinsel
„Sehen wir heute auch Krokodile, die in das schlammige Wasser kriechen?“, war die Frage unserer jungen Wanderer beim Betreten der Reißinsel, die ringsum fast völlig von Wasser umschlossen ist. Kein Wunder, dass die Kinder mitten in diesem Urwaldgebiet an Afrika denken. Die Reißinsel ist das älteste und sicherlich das bekannteste Naturschutzgebiet in Mannheim. Sie gehört zu den bedeutendsten Auenschutzgebieten am Oberrhein und liegt in einem Rheinbogen westlich vom Stadtteil Neckarau. Unser heutiger Weg ist sehr vielfältig. Die oft stark bevölkerte Rheinpromenade und das gut besuchte Strandbad stehen im Kontrast zu dem einsamen Naturpfad auf der Reißinsel und den Trampelpfaden, die dorthin führen. Wegen dieser Pfade auf der Reißinsel ist die Tour auch nicht kinderwagengeeignet.
Die Wanderung beginnt am
Parkplatz beim Strandbad. Der Weg führt zunächst durch den Waldpark zur Kuckucksinsel. Hier befindet sich der einzige gestattete Zugang zum Naturschutzgebiet. Der Weg quert auf einer Brücke eine oft trockenliegende Hochwasserrinne, kurz danach geht es an einer Weggabelung nach links. Das
Naturschutzgebiet Reißinsel hieß bis 1881 noch Fasaneninsel. Dann erwarb sie der Konsul Carl Reiß. Nach dessen Tod wurde die Insel der Stadt Mannheim vermacht, aber mit der Auflage versehen, sie auf ewige Zeiten in ihrem ursprünglichen Zustand zu belassen. Heute ist die Insel zwar frei zugänglich, hat sich aber den Urwald- Charakter bewahrt. Von März bis Juni ist die Insel sogar geschlossen, damit die brütenden Vögel nicht gestört werden. Denn hier leben etwa 60 Vogelarten, darunter Graureiher, Blässhühner und Wildenten. Weiter geht unser Weg durch die größte Mannheimer
Streuobstwiese mit Hunderten von Apfel-, Birnen- und Zwetschgenbäumen. Die Obstbäume hier müssen gegen Hochwasser unempfindlich sein, denn das Gebiet wird wegen seiner Naturbelassenheit nicht selten komplett überflutet. Auf einer Tafel lernen wir wohlklingende Namen für die hier wachsenden Apfelsorten wie „Roter Trierer Weinapfel“ oder „Winter-Goldparmäne“. Außerdem erfahren wir, woher der Begriff Streuobstwiese kommt – er kommt einfach daher, dass die Bäume verstreut auf der Wiese stehen. Und beim Anblick der leckeren Obstsorten läuft uns sowieso schon längst das Wasser im Mund zusammen. Am links an die Wiesen angrenzenden Waldrand fällt den Kindern sehr schnell die Waldrebe ins Auge: Diese herrliche Liane erinnert uns wirklich allzu sehr an Tarzan und fast meint man, ihn zusammen mit Jane von Baum zu Baum schwingen zu sehen.
Wo der Weg links abbiegt, folgen wir halbrechts dem schmalen, als Rundweg ausgeschilderten Pfad in einen Auenwald. Langsam können wir an den frischen Sand- und Lehmablagerungen auf dem Waldboden erkennen, dass es hier öfter mal Hochwasser gibt. Nach wenigen Metern ist das Rheinufer erreicht, dem der Pfad nun auf etwa zwei Kilometer Länge folgt. Dieser Streckenabschnitt, der sehr fremdländisch wirkt, wird „Kilometerbahn“ genannt. Große, alte Silberweiden säumen das Ufer, nur diese Baumart erträgt die lang anhaltenden und hohen Überflutungen bis zu 120 Tagen. Nach der Christianisierung wurden Silberweiden als Geister- und Hexenbäume betrachtet. So entstanden Geschichten über Baumfrauen, die in den Weidebäumen wohnten und manchmal mit Menschen zusammenlebten. Vielleicht sehen wir wegen dieser Geschichte plötzlich überall bizarre Baumgestalten, die uns im ersten Moment recht geisterhaft vorkommen, vor allem, wenn sie sich im Wasser spiegeln. Das kommt daher, dass die Baumart so widerstandsfähig ist, dass auch umgestürzte Bäume neue Wurzeln schlagen können. Und abgebrochene Bäume wirken von Weitem und in entsprechendem Licht wie Urweltwesen.
Rechts des Pfades verläuft eine Rinne, die meist mit Wasser gefüllt ist. An der Wasserfläche wächst Schilf. Im Schilf lebt der Teichrohrsänger, selten zu sehen, aber nicht zu überhören. Am Nordende der Reißinsel führt der Pfad über eine kleine Brücke zum „Kaiserwörthweg“. Von diesem nördlichen Uferrand aus wird der Fernmeldeturm am Mannheimer Luisenpark sichtbar.
Ab der Kehre treten wir auf dem „Kaiserwörthweg“ den Rückweg an. Es geht nun durch einen schönen Auenwald mit mächtigen Eichen vorbei am Bellenkrappen, einem alten Rheinebenen-Arm. „Belle“ ist ein pfälzisches Wort für Pappel, „Krappen“ bezeichnet einen gekrümmten Wasserarm. Der Bellenkrappen ist also ein von Pappeln gesäumter gekrümmter Flussarm. Auf diesem Teil des Weges kommt so richtig Urlaubsstimmung auf, vor allem, wenn im Wasser ein paar alte Nachen schaukeln!
Wenn wir an dem Rheinarm vorbei sind, nehmen wir direkten Kurs zurück zum
Strandbad. Nach dem Dschungel-Erlebnis kehren wir jetzt wieder in eine komplett andere Welt zurück. Im Schatten der alten Bäume finden fröhliche Feste statt und der sonnenbeschienene Teil der Wiese ist ein riesengroßer Tummelplatz für Spiel und Sport. Wer lieber Strandgefühle pflegen möchte, kann auch auf den Kieselstrand ausweichen. Das Strandbad wurde 1927 eröffnet und ist ein geschichtlich interessantes Plätzchen. Damals brachten noch Schiffe aus Mannheim die Badewilligen zum Strandbad. Die alten, mittlerweile zerfallenen Toilettenhäuschen erinnern an das Deutschland nach der Kaiserzeit. Mittlerweile ist die Wasserqualität hier wieder so gut, dass die Kinder ruhig eine kleine Abkühlung im Rhein suchen können. Allzu weit ins Wasser wagen sollten sie sich wegen der Strömung des Flusses allerdings nicht. Ein wenig am Ufer plantschen ist möglich, aber nur unter direkter Aufsicht.
Wer ohne Strömung und ohne sich in Gefahr zu begeben baden gehen möchte, kann dies auch in unmittelbarer Nähe zum Strandbad an der „Rheingoldstraße“ tun, dort befindet sich der Stollenwörthweiher. Das Naturfreibad ist ausgestattet mit einem Kinderplantschbecken, einer Spiel- und Liegewiese, einem Spielplatz und Tischtennisplatten. Es ist mit der Stadtbahn über die Haltestelle „Stollenwörthweiher“ auch direkt erreichbar.
Wie kommt man zum Waldpark?
ÖPNV/Bahn:
Vom Hbf Mannheim mit der Stadtbahn Richtung Neckarau bis zur Haltestelle „Rheingoldhalle“. Von dort aus fährt in der Sommersaison ein Bus bis direkt zum Strandbad. Zu allen anderen Jahreszeiten geht man die „Rheingoldstraße“ weiter, überquert den Rheindamm und geht weiter auf dem „Franzosenweg“ in den Wald hinein bis zum Strandbad.
Pkw:
A 6, Ausfahrt Mannheim/Schwetzingen (28), auf die B 36 Richtung Mannheim-Rheinau. Der B 36 bis Neckarau folgen, dann links abbiegen in die „Friedrichstraße“ und weiter geradeaus in die „Rheingoldstraße“. Dieser Straße nun immer folgen, bis sie in den „Franzosenweg“ mündet. Weiter geradeaus. Das Rheinstrandbad ist ausgeschildert.
Weglänge:
5,5 km
Infos:
Tourist Information Mannheim,
Willy-Brandt-Platz 3
68161 Mannheim
Telefon 0621 101012
www.tourist-mannheim.de
Stollenwörthweiher
Rheingoldstraße 204
68199 Mannheim
Geöffnet:
Mai bis September
witterungsabhängig
Infos:
Telefon 0621 852414
Einkehr:
Restaurant „Weiherklause“
Promenadenweg 4
68199 Mannheim
Telefon 0621 818294
www.weiherklause.de
Kartentipp: 1 : 24 500 Städte Verlag, Stadtplan Mannheim