Bankenwelt im Jahr 2 der Krise
Risikofreude auf beiden Seiten ist verflogen
23.06.2010, Wiesloch - Die dramatischen Nachwirkungen der Lehman-Pleite und die aktuelle Situation der Finanzmärkte beschäftigten dieser Tage die Wirtschaftsjunioren Heidelberg im MLP-Zentrum in Wiesloch.
Als Referent fungierte Herr Ewald Wesp, Vorstandsmitglied bei MLP (unser Bild). Er freute sich über den erneuten Besuch dieser Gäste auf dem Campus. Allerdings sei das Vortrags-Ziel, die Situation in den letzten beiden Jahren insgesamt zu beleuchten, zu hoch gesteckt. Er wolle sich lieber auf einige Bemerkungen aus persönlicher Sicht bzw. aus Sicht der Fa. MLP Finanzdienstleistungen AG beschränken.
Wesp ist seit fast 40 Jahren im Bankgeschäft tätig und hat alle Stadien der Ausbildung und der verantwortlichen Positionen durchlaufen. Er war am Aufbau des Geschäfts in den neuen Bundesländern beteiligt. 1996 wurde er von MLP gebeten, für die Firma eine Bank zu gründen, welche dann später mit MLP Finanzdienstleistungen verschmolzen wurde. Er ist im Vorstand des Baden-Württembergischen Bankenverbands sowie dessen Vertreter im Bundesverband der Banken. Außerdem ist er im Börsenrat in Stuttgart tätig und erhält auf diese Weise Einblick in das gesamte Derivate-Geschäft. (Es gibt mittlerweile 360.000 Arten von Derivaten!)
Besondere Freude bereitet ihm die Mitwirkung in der Bundesvertretung der deutschen Industrie- und Handelskammern (DIHK). Ausgangspunkt für seine aktuellen Ausführungen waren einige neuerdings entschiedene Rechtsstreite, bei denen den Anlegern bedeutet wurde, ihnen sei bewusst gewesen, dass sie wegen der allgemein zu niedrigen Zinsen für normale Geldanlagen sehenden Auges ausgesprochene Risikopapiere erworben hätten. Um die letzte Jahrtausendwende habe sich schon einmal eine Kreditblase aufgetan. Menschen jeder Altersstufe hätten damals Kredite aufgenommen und damit Aktien gekauft und seien dabei von Tag zu Tag immer reicher geworden, bis die Blase geplatzt sei. Die spontane Reaktion habe dann gelautet: „Die Bank ist schuld!“ Es dauerte etwa zwei Jahre, bis die Gerichte begannen, in den laufenden Entschädigungsprozessen die Schuldzuweisung intensiver zu hinterfragen. Heute weiß man, dass beim Kauf eines etwas schwierigen Produkts, wie es das Zertifikat darstelle, zwei Fragen aufzuwerfen sind: Worum handelt es sich und auf welches Risiko lasse ich mich ein? Hier muss die Bank aufklärend wirken.
Der Fall Lehman Brothers brachte eine ganz neue Erkenntnis: Es gibt das Emittenten-Risiko. Erwerben wir bei einer soliden Bank irgendwelche Wertpapiere, kann es sein, dass ein völlig unerwartetes Ereignis diese Bank nach zwei oder mehr Jahren hinwegfegt. Nichts ist unmöglich auf diesem Sektor! Lehman Brothers war z. B. einer der Stars in der Bankenwelt. Sie hat 30 bis 40 Jahre erfolgreich solche Produkte verkauft. Nach den jüngsten Erfahrungen zählt es zum Standard, den Kunden darauf hinzuweisen, dass es auch ein solches Emittentenrisiko gibt.
Im weiteren Verlauf umriss Wesp kurz die Position und Funktion der seit fast vierzig Jahren existierenden Firma MLP Finanzdienstleistungen mit ihren 80 Standorten in Deutschland. Firmen-Aufgabe ist es, das gewaltige Angebot auf dem Finanzmarkt für die Privatkunden sowie für die institutionellen Kunden zu prüfen und bei positivem Auswahl-Ergebnis an diese zu vermitteln. Die von Ministerin Aigner geforderte Produktinformation und Transparenz wird dabei angestrebt. MLP prüft auch die Risikotragfähigkeit des jeweiligen Kunden. Eine weitere Aufgabe sieht man in der Nachbetreuung der Kunden über viele Jahre, die einen erheblichen EDV-Aufwand erzeugt. Eines der wesentlichsten Anliegen der nächsten Jahre im gesamten Bankenwesen wird die Schaffung von Durchblick sein. Leider ist in den letzten beiden Jahren eine ganze Reihe von namhaften Investment-Banken und Sparkassen in den USA bzw. England (Sachsen-LB bei uns) entweder zusammengebrochen, von anderen übernommen oder verstaatlicht worden. Aber das Geschäft wächst wieder. Die Lehman-Krise und frühere Ereignisse haben eine Reihe von Regulierungsplänen erzeugt, die die Banken, wenn sie auf einen Schlag verwirklicht werden müssten, vor Probleme stellen würden. Wer auf Euro-Basis produziert und diese Produkte dann auf dem Weltmarkt auf Dollar-Basis anbietet, benötigt eine Langzeit-Absicherung, z. B. gegen Währungsschwankungen. (Fraglich ist aber, ob man mit diesen Absicherungsprodukten spekulieren sollte.- Eine mittelbare Steuerungsmöglichkeit bietet sich hier über die Börse an.) Die Wirtschaft benötigt somit das Instrument der Termingeschäfte. Man sollte sogar von ihr eine solche Absicherung verlangen.
Was die Konjunktur anbelangt, darf man wohl von einer weiteren leichten Erholung in diesem Jahr ausgehen. Der Exportwirtschaft kann in diesem Zusammenhang einiges zugetraut werden. Etwaige Probleme in Spanien werden die deutsche Wirtschaft nicht so sehr tangieren.
Auch von einer Kreditklemme könne zurzeit kaum die Rede sein. Die Banken sind bei der Kreditvergabe etwas vorsichtiger geworden und verlangen (in Abwendung von den für sie teilweise ruinösen Konditionen in den letzten Jahren) auch einen etwas höheren Preis. In diesem Zusammenhang empfiehlt Wesp, die Vorhaltung eines höheren Eigenkapitals gesetzlich zu verankern. Die Aufsichtsgremien, denen die Banken alle maßgeblichen Unterlagen schon in der Vergangenheit vorgelegt haben und zu welchen die Vertreter der Politik Zugang hatten, sollten sich unbedingt ihrer Verantwortung stärker bewusst werden. Im Übrigen wünscht sich Wesp das Berufsbild des hochqualifizierten, völlig unabhängigen, selbständigen Finanzberaters.
Grußworte des Bundesvorstands überbrachte Steffen Friedl-Schneider als Vertreter der Wirtschaftjunioren Heidelberg. Er sprach auch die Dankesworte.
kob