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Gedenken an Euthanasieopfer

„Organisierte Selektion zum Tode“

06.02.2011, - „Hinhören – Hinschauen – Handeln“, die allen Redner mehrmals wiederholten Worte galten an diesem Abend dem Erinnern an die Befreiung des Konzentrationslagers Auschwitz-Birkenau am 27. Januar 1945 beim Mahnmal des PZN ebenso wie der anschließenden Veranstaltung in der PNZ-Festhalle zum Gedenken an die Opfer der NS-Diktatur mit Erinnerungen an die NS-Zeit 1933 bis 1945, mit Erinnerung an die ermordeten Kinder sowie der Aufführung „Elses Geschichte“ durch Jungs und Mädchen des Walldorfer Werkraumtheaters.
Gedenken am Mahnmal
Mit dem gemeinsamen Lied „Im Dunkel unsrer Nacht, entzünde das Feuer, das nie mehr erlischt“ sowie dem gemeinsam gebeteten Psalm 10 stimm-te die Pastoralreferentin Nadine Brechmann, seit September 2010 katholische Klinikseelsorgerin am PZN, die gut  vier Dutzend Teilnehmer auf die diesjährige Gedenkfeier ein.
Das von der Stuttgarter Künstlerin Susanne Zetzmann entworfene und am 24. April 1994 eingeweihte Mahnmal, das an die große Gruppe von Menschen, die in der NS-Zeit aus dem Kreis der mitmenschlichen Gemeinschaft ausgeschlossen und deren Leben zerstört wurde, befindet sich zwischen der Festhalle und dem PZN-Hauptgebäude und besteht aus einem „zerstörten Ring und einem herausgeschleuderten, kopfüber stehenden Segment“. Es erinnert an die über 2.000 Patienten, die von der 1905 gegründeten Großherzoglichen Heil- und Pflegeanstalt in Vernichtungslager und damit in den Tod geschickt wurden. Sie gehörten zu den mehr als 200.000 Patienten, die von 1939 bis 1945 wegen ihrer psychischen Krankheit oder Behinderung als „unwertes Leben“ eingestuft und damit Opfer der Vernichtungsaktionen des NS-Regimes wurden.
Ermordet
Fortgesetzt wurde die Gedenkveranstaltung in der PZN-Festhalle, wo die Ärztliche Direktorin Dr. Barbara Richter auf die Worte „die Erinnerung darf nicht enden, sie muss auch künftige Generationen zur Wachsamkeit mahnen“, des Bundespräsidenten Roman Herzog hinwies. Seit 1996 würde jeweils am 27. Januar, dem Tag der Befreiung des Vernichtungslager Auschwitz, den Opfern gedacht. Wie in vielen anderen Gemeinden werde an diesem Tag auch in Wiesloch an die Gräueltaten des NS-Regimes erinnert, wobei sich die Stadt und das PZN jährlich abwechseln. Nach einem kurzen Grußwort durch Stadtrat Jürgen Adam im Namen der Stadt, der auch an seine eigenen Jugenderlebnisse erinnerte, zog Dr. Richter Bilanz für die Jahre des Nationalsozialismus 1933 bis 1945. Auch „hier auf diesem Grund und Boden, der eigentlich dem Rückzug und der Heilung dienen sollte, wurden mehr als 2.000 Erwachsene von Ärzten als nicht heilbar und damit lebensunwert klassifiziert, in grauen Bussen nach Grafeneck und Hadamar transportiert und dort systematisch getötet“. Als „noch ergreifender als diese Gräuel“ sei die Geschichte von zwölf behinderten Kindern, „die ihren Eltern weggenommen wurden, hier zur Behandlung in einer Kinderfachabteilung untergebracht wurden, nur um sie systematisch zu töten“.
Vielen Opfern hätten bereits in den 1980er Jahren der damalige ärztliche Direktor Dr. Hans Dieter Middelhoff sowie sein Kollege Dr. Franz Peschke und der Psychiater Dr. Frank Janzowski „einen Namen gegeben und sie vor dem Vergessen be-wahrt“. Begonnen hatte es 1938 auf einer Tagung für das Irrenwesen, als ein SS-Mann die „einfachste Lösung der Irrenpflege“, nämlich die „Beseitigung“ der Betroffenen andeutete und damit den Boden für die mit Kriegsbeginn eintretende Ausgrenzung und systematische Tötung von Menschen bereitete. Die Geburt eines behinderten Kindes habe bei manchen Eltern auch Schuldgefühle gegenüber der Gesellschaft hervorgerufen, so dass sie sich an den Führer mit der Bitte wandten, „das Leben des Kindes zu beenden“.
In Wiesloch wurde eine Kinderfachabteilung (wahrscheinlich im Haus 59) von Dezember 1940 bis August 1941 eingerichtet. Dem damaligen Leiter der Heil- und Pflegeanstalt Dr. Wilhelm Möckel wurde mit dem 62-jährigen Dr. Josef Arthur Schreck ein für die Kinderfachabteilung zuständiger Stellvertreter beigegeben, der von zwei aus Berlin beorderten Krankenschwestern unterstützt wurde. „Parallel,“ so Dr. Richter, „wurden Erwachsene zur Tötung verlegt und Wiesloch zum Reservelazarett der Wehrmacht.“
Erinnerung an die Kinder
„Walter Heid wurde am 5.6.1939 in Langensebold geboren. Seine für Februar 1941 vorgesehene Aufnahme in die Wieslocher Kinderfachabteilung verzögerte sich, da er an Keuchhusten litt. Er wurde am 29.4.1041 dort aufgenommen. Seine Mutter erkundigte sich schriftlich nach seinem Befinden. Walter Heid starb am 6.8.1941 im Alter von zwei Jahren. Er wurde auf dem Wieslocher Anstaltsfriedhof beigesetzt. Seine Oma schickte noch zwei Jahre später Geld für die Grabpflege.“ Im Dezember 1940 kamen aus Baden fünf Kinder in die Abteilung; sieben weitere von außerhalb Badens folgten. Für alle, neben Walter Heid für Georg Schlick, Rosemarie Walburga Jochim, Martin Heck, Doris Ueberrhein, Ursula Haug, Doris Mader, Helmut Rilling, Anna Felicitat Schilling, Friedrich Herrmann, Ingrid Porschitz und Waltraud Buck verlasen Schüler der Pflegedienstschule Schicksalsangaben und zündeten eine Gedenkkerze an. Im Februar 1941 kam noch ein 7-jähriges Mädchen aus Baden hinzu. Alle diese Kinder wurden bis August 1941 getötet.
„Herrn Dr. Janzwoski und seiner Arbeit ist es zu verdanken“, so Dr. Richter, „dass den Namen und der Geschichte dieser Kinder jetzt gedacht werden kann“.


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