3. Abonnementkonzert der Kunst
Das Phänomen Dejan Lazic
04.11.2009, Wiesloch - Die Mythologie kennt das Motiv, dass ein Held in der Gestalt eines anderen kämpft und siegt. Bei Dejan Lazic aus Zagreb, aufgewachsen in Salzburg, war es kein Kampf, eher ein reiner Sieg. Das Kämpfen, das heißt das Einüben dieser kniffligen, durchweg hochvirtuosen Figuren, zeigt bei ihm keine Spuren mehr. Er wirkte von Anfang bis Ende ausnehmend lebendig und präsent, auch durch die lebhafte Körpersprache. Man hatte eher den Eindruck, hier spielten Meister Scarlatti (1685 -1757) und ein sehr vitaler Bartók (1881-1945) höchstpersönlich. Es fehlten nur noch Kostüm und Maske. Dabei setzen wir voraus, dass das erstaunliche kompositorische Werk des Abends den genannten Komponisten so flüssig aus der Feder glitt, wie Lazic es darbot. Aber auch ohne die bei den Kunstfreunden nicht üblichen Zutaten der Kostümierung war die Imagination schlechthin überwältigend.
Sicherlich halfen dazu auch die erhellenden Ausführungen von Dr. Thomas Schlage über das Wesen des Tanzes, das sich als roter Faden durch das Programm des Abends zog. Es steht eben hinter dem bekannten Gattungs-Begriff der „Sonate“ letzlich eine Tanzform, zu der auch der Marsch gehört. Fesselnd war das Geflecht der erkennbaren Verbindungslinien: Bei Scarlatti zu Bach und zu den andalusischen Gitanos, aber auch zu Figuren des frühen Jazz, sowie bei Bartók, dem sonst so monolithischen Block, zu Scarlatti, aber auch zu Gershwin. Schließlich bei Frédéric Chopin, den wir als dritte Programmsäule noch nicht erwähnt haben, zu dessen Freund, Franz Liszt.
Die Programmfolge des Abends war einigermaßen ungewöhnlich. Sie bot im ersten Teil 2 mal 3 Sonaten von Domenico Scarlatti, bei welchen die erste Dreiergruppe noch fesselnder war als die zweite. Es folgten (im Wechsel mit Scarlatti) von Béla Bartók sechs Tänze im Bulgarischen Rhythmus, der Trauermarsch aus der sinfonischen Dichtung „Kossuth“ und drei Rondos über slowakische Volksweisen. Hier agierte dieser jung wirkende Zauberer Bartók, bei welchem kein Ton, keine dynamische Wendung , keine tänzerische Geste oder deren abruptes Ende vorausahnbar sind. Atemlose Spannung herrschte da im Saal angesichts der sibyllinischen Hintergründigkeit der Musik, die die bulgarische Folklore nur sehr entfernt ahnen lässt. Nach der Pause wieder diese rasende Fingerfertigkeit bei gleichzeitiger überzeugender Phrasierung und subtiler dynamischer Ausgestaltung durch ein Pianisten-Genie. Diese Musik wirkte, wie schon zu Beginn, ungemein lebendig, spontan und leidenschaftlich. (Der Rundfunk war deshalb gut beraten, in Wiesloch präsent zu sein.)
Für die engagiert mitgehenden Zuhörer ergab sich eine winzige Entlastung: Es waren den Musikfreunden vertrautere Kompositionen wie das Andante spinato et Grande Polonaise brillante Es-Dur op. 22 (1830/31), die Ballade Nr. 3 As-Dur op. 47 (1841) und die Sonate b-Moll op. 35 (1837 - 39). Über Chopins Biografie wurde schon viel berichtet, aber die unmittelbare Vorstellung, etwa davon, wie sein Klavierspiel in den Salons geklungen haben mag, bleibt der individuellen Phantasie überlassen. Nur eines ließ sich klären: Chopin hatte keinen Steinway oder Bösendorfer Flügel zur Verfügung, sondern ein Hammerklavier nach Wiener Bauart. Scarlatti wiederum spielte auf dem Cembalo.
Das Publikum verabschiedete den jungen Pianisten und Komponisten Dejan Lazic mit langem Beifall und Bravos. Er bedankte sich mit zwei Zugaben von Chopin.
kob