23. Mai 2012

Klöster & Kirchen

Weltkulturdenkmal Kloster Lorsch

WebCode: Kloster1000

04.04.2012, Lorsch - Als die UNESCO 1991 das ehemalige Kloster Lorsch als „Kulturerbe der Menschheit“ auszeichnete, würdigte sie eine Kulturstätte, deren bauliche Überreste die einstige Bedeutung der Abtei des Heiligen Nazarius kaum mehr nachvollziehen lassen. Gäbe es nicht die so genannte „Königshalle“, einen der besterhaltenen karolingerzeitlichen Repräsentationsbauten aus dem 9. Jahrhundert, wäre den meisten Menschen das Kloster an der Hessischen Bergstraße wohl unbekannt.

In vergangener Zeit jedoch war das Kloster Lorsch, das zum Jahr 764 ein erstes Mal erwähnt wird, als Abtei des Königs (seit 772), später des Erzbischofs von Mainz (seit 1232), eines der bedeutendsten kulturellen Zentren Europas vor der ersten Jahrtausendwende. In Klöstern wie Lorsch wurde entschieden, welches Wissen der lange zurückliegenden Zeit der Antike die eigene Gegenwart erreichte und der Nachwelt überliefert werden sollte und was nicht. „Das Lorscher Arzneibuch“ ist so ein Werk – es enthält neben antiken Rezepten eine Rechtfertigung der antik-heidnischen Heilkunde aus christlicher Sicht; in Europa um 800 ist das noch alles andere als eine Selbstverständlichkeit. Auch klassische Autoren (z.B. der römische Dichterfürst Vergil) wurden in Lorsch kopiert und gelesen, ebenso die Kirchenväter, aber auch zeitgenössische Autoren. Mit dem „Lorscher Bienensegen“ und der „Lorscher Beichte“ haben sich in Lorsch rare Zeugnisse althochdeutscher Sprache erhalten. Rund 300 erhaltene Handschriftenbände, heute weltweit verstreut, bezeugen die herausragende Bedeutung der Lorscher Bibliothek und des klösterlichen Skriptoriums.

Und dann war Lorsch natürlich auch ein wirtschaftlich bedeutsamer Ort: Tausende von Besitzungen – von den heutigen Niederlanden bis in die Schweiz, in heute fünf europäischen Nationen – verschafften dem Kloster des Heiligen Nazarius umfangreiche Einkünfte. Sie sind in dem zwischen 1170 und 1200 entstandenen „Lorscher Codex“ verzeichnet, der auch gern als „Grundbuch der Region“ bezeichnet wird. Gerade im Rhein-Neckar-Raum gibt es kaum einen Ort, dessen urkundliche Ersterwähnung nicht auf eine Lorscher Urkunde zurückginge. Das Kloster hatte das Recht, an drei verschiedenen Orten eigene Münzen zu prägen, Märkte abzuhalten, es verfügte über wichtige Handelsplätze, einen eigenen Rheinhafen und einige wichtige Privilegien. Der Reichtum des Klosters und sein Status als Königsabtei war aber auch mit Pflichten verbunden. So hatte Lorsch über einige Jahrhunderte seinen Beitrag zum militärischen Aufgebot des Herrschers ebenso zu leisten wie jährliche Abgaben und den Gebetsdienst für den König und seine Dynastie. Der „Lorscher Rotulus“, eine der umfangreichsten frühmittelalterlichen Litaneien und zugleich die älteste erhaltene liturgische Buchrolle des Abendlandes, mag ebenso als Beleg für die Nähe Lorschs zu seinen Herrschern gelten wie das prachtvolle „Lorscher Evangeliar“. König Ludwig der Deutsche († 876), der Enkel Karls des Großen, erwählte sich Lorsch schließlich zur Grablege für sich und seine Familie.

Heute erheben sich die Königshalle und der Torso der karolingisch-romanischen Abteikirche, teilweise umrahmt von der alten Klostermauer, in einem Parkareal mit zwei Kräutergärten und schattigen Plätzen unter altem Baumbestand, die vor allem im Sommer zum Verweilen einladen. Ein bisschen Phantasie muss man schon mitbringen, um sich ein lebendiges Königskloster vorzustellen. Mit der Einrichtung eines nahe gelegenen Museumszentrums, den 1998 wieder aufgenommenen archäologischen Grabungen, Ausstellungen und Erforschung wertvoller Lorscher Handschriften und wissenschaftlichen Kolloquien wird versucht, der vergangenen Bedeutung des Klosters nachzuspüren.

Das Angebot für den Besucher ist vielfältig. Neben Klosterführungen, die auch einen Einblick in die aktuelle Forschung liefern, stehen spezielle Kräutergartenführungen auf dem Programm. Mit ein bisschen Glück ist man zum richtigen Zeitpunkt da und kann den Archäologen bei ihrer Arbeit über die Schulter schauen oder sich vor Ort Rat und Information über die Heilkräuter der Lorscher Klostermedizin holen.

Ein besonderes Erlebnis ist das vielfältige Programm der Museumspädagogik:

Geschichte zum Anfassen und Ausprobieren ist das Ziel der museumspädagogischen Arbeit im Kloster Lorsch. Das Angebot richtet sich an Interessierte fast aller Altersstufen, (ab dem Kindergarten geht es los), kurzum an alle, die das mittelalterliche Kloster- und Alltagsleben in handwerklicher, spielerischer und kreativer Form erleben wollen.

Typisch klösterlich ist natürlich der Blick in die Schreibstube: Da schreiben die Besucher Urkunden und andere Texte aus der Blütezeit des Klosters mit dem Gänsefederkiel und rühren Farben aus bunten Mineralien an, die sie dann für die Initialenmalerei verwenden. Oder wie wäre ein Exkurs in die künstlerischen Techniken, die beim Bau des Klosters Verwendung fanden? Neben dem Gestalten von Mosaikbildern und ornamentierten Tonfliesen, steht in den Sommermonaten auch die Steinbearbeitung auf dem Programm.

Durch die archäologische Erforschung der Klosteranlage erschließen sich außerdem Themen zu Alltagskultur und Kunsthandwerk, das vor Ort betrieben wurde. Ein besonderes Highlight für die kleinen Gäste ist das „Brötchenbacken“ im steinernen Kugelbackofen, Erwachsene können ihr Geschick und ihre Geschmacksnerven bei mittelalterlichen Kochkursen auf die Probe stellen. Gekocht werden die Menüs mit bis zu sechs Gängen auf dem offenen Feuer mit authentischem Kochgeschirr und allerlei exotischen Gewürzen. Seit einiger Zeit gibt es auch wieder eine Imkerei im Kloster. Der hauseigene Honig findet bei den Kochkursen im Sommer Verwendung, das Kerzenziehen mit dem selbstgewonnenen Bienenwachs ist vor allem in der kalten Jahreszeit gefragt. Alle Angebote, natürlich auch das mittelalterliche Spielen, das Elfenbeinschnitzen, die Schmuckherstellung, das Zinngießen oder auch das Filzen und Färben, lassen sich für verschiedenste Alters- und Interessensgruppen variieren. Exklusiv für die Gäste bis 12 Jahren bietet die Museumspädagogik aber auch Rätsel-Lesenächte und eine interkulturelle Märchenreise nach einer wahren Begebenheit an.

Lust auf mehr? Dann schauen Sie doch einfach mal vorbei!
Das Team der Museumspädagogik freut sich auf Sie und Euch!

Nach Voranmeldung sind alle handlungsorientierten Programme an allen Wochentagen durchführbar.

Mit freundlicher Unterstützung von Claudia Götz (Leiterin Museumspädagogik)


Informationen/ Adresse
Museumszentrum Lorsch
Nibelungenstr. 35
64653 Lorsch

Tel: 0 62 51 / 5 14 46 (Sprechstunde)
Tel: 0 62 51 / 1 03 82 11 (Empfang)
Fax 0 62 51 / 58 71 40
E-Mail: muz@kloster-lorsch.de
Internet: http://www.kloster-lorsch.de 

täglich (außer montags) 10.00 - 17.00 Uhr, werktags ab 8.00 Uhr.


Ausführliche  Informationen und aktuelle Angebote finden Sie unter:
www.kloster-lorsch.de





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