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Höher, schöner, weiter schauen

Schönbuchturm bei Herrenberg

Schönbuchturm bei Herrenberg

Andreas Sporn

Was ist wohl interessanter, die Sicht von oben auf den Naturpark oder der Turm selbst? Keine Frage, beides ist spektakulär. Der kürzlich eröffnete Schönbuchturm bei Herrenberg gleicht einem 35 Meter hohen Gesteck aus acht hölzernen Fingern, die sich spreizen und gen Himmel recken. Mächtige Stahlseile halten die vierkantigen Gliedmaßen an Ort und Stelle. Im Innern des gigantischen Mikados konkurrieren zwei schwerelos anmutende Metallspiralen mit insgesamt 348 Stufen um das Auf und Ab.

Mit der Bezeichnung „Schönbuchturm auf dem Stellberg bei Herrenberg“ trägt das gewagte Gebilde zwar einen schlichten Namen, Superlative ließen sich bei der Einweihung des ebenso filigranen wie wuchtigen Bauwerks am 9. Juni aber nicht ganz vermeiden. Denn das naturgegebene Umfeld des kühnen Entwurfs, der Naturpark Schönbuch, wurde 2014 vom Bund Deutscher Forstleute zum „Waldgebiet des Jahres“ geadelt. Der 156 Quadrat-kilometer große Forst zwischen Herren-berg, Waldenbuch und Tübingen mit seiner einzigartigen Flora und Fauna wird weithin gerühmt. So ist zuvörderst die Tierwelt bemerkenswert: Rotwild streift in einem 4000 Hektar weiten vergatterten Areal umher. Dachs und Siebenschläfer tummeln sich des Nachts. 16 verschiedene Fledermausarten sind hier heimisch, darunter das Braune Langohr und der Abendsegler. Seltene Eisvögel gehen auf Fischfang (siehe Mein Ländle, Ausgabe 5/2017).

Schönbuchturm auf dem Stellberg bei Herrenberg

Thomas Niedermüller

Die „Blaue Friedensherde“ des Blauschäfers Rainer Bonk war ein farbenfroher Hingucker am Tag der Turmeröffnung.
Schönbuchturm Herrenberg

Thomas Niedermüller

Schönbuchturm bei Herrenberg

Thomas Niedermüller

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Luftiges Gebilde, -wuchtiges Fundament

Die Idee, dieses grüne Juwel mittels Ausguck touristisch zu toppen, ergab sich quasi zwangsläufig aus den vortrefflichen Standortfaktoren: Wenn die westliche Schönbuchkante mit einer Höhe von 580 Metern über NN schon ohne Turm einen grandiosen Rundumblick bietet, wenn sich diverse Wanderwege kreuzen, wie der Fernwanderweg HW5 des Schwäbischen Albvereins, wenn sich just dort ein beliebtes Natur-freundehaus befindet, daneben ein Wildgehege, und wenn schließlich diese besucherfreundliche Adresse an die ÖPNV-Buslinie 782 angebunden ist, dann liegt doch die Installation eines überragenden Aussichtsturms auf der (öffentlichen) Hand. Und so wurde vom Gremium des Kreistags und des Landratsamtes Böblingen der Bau des vertikalen Hin- und Ausguckers nach einem vergleichsweise zügigen Auswahlverfahren im Jahr 2014 beschlossen und vom renommierten Stuttgarter Büro von Schlaich, Bergermann und Partner errichtet. Das hat 2001 auch den 40 Meter hohen Turm auf dem Killesberg gebaut, und der mittlerweile 84-jährige Seniorchef Jörg Schlaich genießt als Architekt weltweit Ansehen in Sachen Turm.

Die Frage nach der Wind- und Wetterfestigkeit an diesem exponierten Standort beantwortet sich bei näherer Betrachtung von selbst: Die luftige Konstruktion bietet dem Wind kaum Angriffsfläche und bei einem Fundament mit 400 Tonnen Masse ist Standfestigkeit garantiert. Die spiralförmigen Treppengewinde aus Stahlprofilen hängen an Masten und 28 Millimeter starken Stahlseilen. Die Holzmasten aus Schönbuch-eigenem Lärchenkernholz wurden gegen Staunässe abgeschottet, um Fäulnis zu verhindern.

Schönbuchturm auf dem Stellberg bei Herrenberg

Thomas Niedermüller

Ob von unten nach oben oder andersrum –der Blick ist atemberaubend grandios.
Schönbuchturm bei Herrenberg

Thomas Niedermüller

Am Eröffnungstag genossen zahlreiche Besucher den herrlichen Rundumblick von den drei Plattformen.
Schönbuchturm auf dem Stellberg bei Herrenberg

Andreas Sporn

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Andenken für die Ewigkeit

Private Geldgeber können sich durch die Patenschaft für eine Treppenstufe verewigen: Für 1000 Euro wird eine 17 mal 4 Zentimeter große Metallplakette mit Namensnennung an der gepachteten Stufe angebracht, auf der auch Platz ist für individuelle Sinnsprüche. Ein schönes Detail ist die „Zeitkapsel“ nach einer Idee des legendären Hecken-gäuer Metallkünstlers Lutz Ackermann. Die 30 Kilogramm schwere silberne Metallkugel, die im Innern des Turms schwebt, ist mit Zeugnissen des Jahres 2018 befüllt, darunter auch eine Flasche Lemberger „Turmwein“.

In jedem Fall verhilft der spektakuläre Aussichtsturm den Besuchern zu einer übergeordneten Perspektive. Der Überblick von drei Plattformen aus, abgestuft auf 10, 20 und 30 Meter Höhe, gewährt einen unverbaubaren 360-Grad-Panorama-Blick auf die Dörfer und Wiesen des Heckengäus mit ihren weidenden Schafen, die Baumwipfel des waldreichsten Naturparks, die Ausläufer des Schwäbischen Streuobstparadieses und die blaue Linie der Schwäbischen Alb. Bei guter Sicht reicht der Blick vielleicht sogar … Nein, das verraten wir nicht. Finden Sie es selbst heraus.

Turmerprobt - Die Fakten im Überblick

Standort: Nähe Naturfreundehaus Herrenberg (580 Meter über NN)
Höhe: 35 Meter
Stahlplattformen: auf 10, 20 (∅ ca. 9 Meter) und 30 Metern (∅ ca. 12 Meter)
Treppenstufen: 348
Stützen: 3 × 8, aus heimischem Lärchenkernholz
Gewicht: Fundament 400 Tonnen, Turm 110 Tonnen
Bauzeit: 7 ½ Monate
Kosten: 1,46 Millionen Euro

Anfahrt: nach Herrenberg, Nähe Waldfriedhof und Naturfreundehaus,
ausreichend Parkmöglichkeiten vorhanden; S-Bahn-Linie S1 bis Herrenberg, Citybus-Linie 782 zum Waldfriedhof; Fußweg ab Parkplatz bzw. Haltestelle rund 5 Minuten

Mehr Informationen und Details finden Sie unter www.schoenbuchturm.de.