Gianni Caravaggio (geb. 1968, IT) geht es um das Potenzial von Kunst, unbewusste Bilder als Verhältnisse zwischen Materie, Raum, Zeit und handelndem Subjekt wach zu rufen. Darin sieht er ihre Essenz und bezeichnet seine eigenen Werke dementsprechend als essenzialistisch. In seinen Skulpturen und Installationen treffen stets drei Ebenen aufeinander: die physischen Eigenarten des Materials, einige daran vollzogene Handlungen sowie metaphorische Titel. Oft werden typische Materialien der Bildhauerei – Bronze, Aluminium, Marmor, Terrakotta oder Holz – mit eher ungebräuchlichen wie etwa Talkpuder, Zucker oder dem Samen von Hülsenfrüchten kombiniert. Nicht nur durch das Zusammenspiel von alltäglichen mit symbolisch aufgeladenen Stoffen und Dingen lassen sie an die Arte Povera der 1960er und 70er Jahre denken. Auch der Umstand, dass sich die überschaubaren Arbeiten in der Regel auf dem Boden manifestieren und nicht mit Sockeln im Kunstraum isoliert werden, trägt dazu bei.

Alle Werke von Caravaggio wollen imaginär skaliert werden, sowohl hinsichtlich ihrer räumlichen, als auch ihrer zeitlichen Dimensionen. Sie gehen weit über das Gesehene hinaus, etwa wenn sie Formationen aus der Frühzeit der Erdgeschichte als ferne Ausgangspunkte allen Seins aufrufen, als Zeugnisse ursprünglicher Prozesse, die weitergedacht werden wollen. Caravaggios poetisch gleichnishafte Skulpturen und Installationen sind Aufstellungen, die unsere Einbildungskraft animieren. Ihr Material ist einerseits autonomer Teil der Welt und zeigt andererseits Spuren einer aneignenden Geste –und der zugehörige Titel verweist auf Konstellationen jenseits gewohnter menschlicher Maße. Die Werke sind zeitlos, weil sie keine Bezüge zur gesellschaftlichen Gegenwart, Vergangenheit oder Zukunft aufweisen, besonders aber, weil sie etwas Kosmisches, genuin Natürliches im Zusammenspiel von Materie, Raum und Zeit adressieren und deswegen auch als vierdimensionale Bildhauerei bezeichnet werden könnten. In einer zersplitterten, opaken Gegenwart wagt sich Gianni Caravaggio – wie der italienische Philosoph Federico Ferrari formulierte – „zum Ursprung der kreativen Geste vor“ und sucht nach dem Absoluten.

‚Natur‘ und ‚Landschaft‘ – die Schlüsselbegriffe im Œuvre – werden von Caravaggio nicht repräsentiert, sondern als „reine Empfindung“ (Kasimir Malewitsch) gesucht: Die Kunstwerke wollen sinnlich-kognitive Beobachtungen ermöglichen, mithilfe derer man sich an eigene komplexe, zeiträumliche Erlebnisse in Landschaften und in der Natur erinnern kann, zum Beispiel an Gefühle angesichts aufsteigenden Nebels, der untergehenden Sonne oder des am Himmel nachvollziehbaren Laufs von Planeten. Unbewusste Spuren solcher essenziellen Eindrücke sollen reanimiert werden – und zwar mittels einfacher künstlerischer Gesten, die etwas andeuten und durch Einbildungskraft zu Erkenntnissen werden können.

Kurator: Holger Kube Ventura

Zur Eröffnung erscheint der zweisprachige Katalog Gianni Caravaggio. Als Natur jung war / Gianni Caravaggio. When Nature Was Young mit Beiträgen von Nike Bätzner, Gianni Caravaggio, Linda Carrara, Daniela Ferrari, Holger Kube Ventura.

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  • 11:00 Uhr