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Schloss Schwetzingen

1898 wird jüdischer Betsaal im Schloss eingerichtet

Nordzirkel in Schwetzingen

Petra Schaffrodt / ssg-Pressebild

Nördlicher Zirkelsaal des Schwetzinger Schlosses. Hier befand sich von 1898 bis 1933 ein jüdischer Betsaal.

Am 22. Januar 1898, vor genau 123 Jahren, bezog die jüdische Gemeinde in Schwetzingen einen Raum im nördlichen Zirkelbau der ehemaligen kurfürstlichen Sommerresidenz, den sie als Betsaal nutzte. Zunächst war der Umzug als Provisorium gedacht, um die Zeit bis zum Bau einer Synagoge zu überbrücken. Letztendlich konnte die Jüdische Gemeinde Räume im Schloss mit einer kurzen Unterbrechung im Ersten Weltkrieg bis 1933 nutzen. Dann nahmen die Nationalsozialisten den jüdischen Bürgerinnen und Bürgern alle Rechte, die sie seit dem Beginn des 19. Jahrhunderts zugesprochen bekommen hatten. 2021 wird mit einem großen Jubiläumsprogramm deutschlandweit an „1700 Jahre jüdisches Leben in Deutschland“ erinnert. Der Betsaal der Jüdischen Gemeinde im Schloss Schwetzingen ist ein Teil dieser Geschichte.

Ein Betsaal im Schwetzinger Schloss

So manches Provisorium dauert länger als von den Beteiligten gedacht: Am 22. Januar 1898 weihte die jüdische Gemeinde Schwetzingen feierlich ihren Betsaal im nördlichen Zirkelbau der ehemaligen kurfürstlichen Sommerresidenz ein. Geplant war, dass der Raum den Gläubigen für ein Jahr Obdach gewähren sollte – solange, bis eine neue Synagoge bezogen werden könnte. Da mit dem Neubau nie begonnen wurde, arrangierte sich die Gemeinde mit diesem Ort. Erst nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten 1933 wurden die Gläubigen aus ihrem Betsaal im Schloss vertrieben.

Der alte Betsaal wird zu klein

Ihren ersten Betsaal hatte die Jüdische Gemeinde Schwetzingen 1864 in der Invalidenstraße beziehen können, die bis zur erneuten Umbenennung 1934 Synagogenstraße genannt wurde. In den drei Jahrzehnten bis zum Ende des 19. Jahrhunderts wuchs die Glaubensgemeinschaft an, sodass der Betsaal an seine Kapazitätsgrenzen stieß: Ein eigenes Gebäude, eine Synagoge, sollte gebaut werden. Für die Zeit bis zu ihrer Fertigstellung hatte die Gemeinde mit dem Großherzoglichen Oberhofmarschallamt in Karlsruhe 1897 vereinbart, einen Raum im nördlichen Zirkelbau von Schloss Schwetzingen nutzen zu können. Nicht ohne Stolz meldete die „Allgemeine Zeitung des Judentums“, dass der Betsaal nun am „Eingang des weltberühmten, vielbesuchten Schwetzinger Schlossgartens“ liege. Die besondere Situation sollte kaum zwei Jahre nach Einweihung des Betsaals 1898 zum Problem werden. Da sich während der Gottesdienstzeiten immer wieder auch einfache Gartenbesucher freien Zugang zum Schlossgarten verschaffen konnten, drängte die Schlossverwaltung auf einen erneuten Umzug. Für eine Jahresmiete von 200 Reichsmark konnte die Jüdische Gemeinde fortan den ehemaligen „Militär-Vereins-Saal“, ebenfalls im nördlichen Zirkel, nutzen – und der ließ sich durch einen Seiteneingang von der Zeyherstraße aus, betreten. Bis zum Beginn des Ersten Weltkriegs blieb der Betsaal hier bestehen.

Emanzipation der Juden in Baden

Bis zum Beginn des 19. Jahrhunderts lebten nur wenige Menschen jüdischen Glaubens in Schwetzingen. Als „Schutzjuden“ waren sie dazu verpflichtet, den kurpfälzischen Herrschern Zahlungen zu leisten. Erst nachdem Schwetzingen 1803 Teil Badens geworden war, verbesserte sich die rechtliche Lage der jüdischen Einwohner allmählich. Mit dem „Badischen Judenedikt“ von 1809 bekamen sie staatsbürgerliche Rechte zugesprochen und konnten zahlreiche Berufe ergreifen, die ihnen bis dahin verwehrt worden waren. Dennoch dauerte es bis 1862, ehe Personen jüdischen Glaubens in Baden vollständig ihren christlichen Nachbarn gleichgestellt waren. Bemühungen der Schwetzinger jüdischen Gemeinde ab 1800, eine eigene Synagoge zu errichten, scheiterten. Trotz positiv verlaufender Verhandlungen mit den großherzoglichen Behörden fehlten letztendlich die finanziellen Mittel. Die Einrichtung eines größeren Betsaals im Schloss Schwetzingen im Januar 1898 war daher ein wichtiger Schritt für die örtliche Gemeinde.

Der Betsaal zwischen 1914 und 1933

Mit Beginn des 1. Weltkriegs wurde im Schloss ein Lazarett eingerichtet, weshalb die jüdische Gemeinde ihren Betsaal räumen musste. Doch bereits 1917 konnten die Gläubigen wieder den Raum im Zirkelbau beziehen. Weiter ohne Erfolg blieben hingegen die Bemühungen um die Errichtung einer eigenen Synagoge. Mit der Machtübernahme der Nationalsozialisten 1933 begann die vollständige Entrechtung der jüdischen Bürgerinnen und Bürger. Die Gemeinde verlor ihren Betsaal im Schloss. Einen Höhepunkt der Verfolgungen stellt das Pogrom vom 9./10. November 1938 dar, als NSDAP-Mitglieder und Mitglieder der SA den damaligen Betsaal in einem Privathaus in der Heidelberger Straße verwüsteten und die Thora-Rolle verbrannten. 21 jüdische Bürgerinnen und Bürger aus Schwetzingen wurden bis zum Ende der NS-Diktatur in Konzentrations- und Vernichtungslagern umgebracht. Seit 1978 erinnert ein Gedenkstein vor dem Betsaal in der Zeyherstraße an die ausgelöschte jüdische Gemeinde.

1700 Jahre jüdisches Leben in Deutschland

In einem Edikt des römischen Kaisers Konstantin aus dem Jahr 321 findet sich die erste Erwähnung von Juden, die im Gebiet des heutigen Deutschlands leben, in der damaligen römischen Stadt Köln. Im Jubiläumsjahr 2021 soll auf vielfältige Art an das jüdische Leben in Deutschland erinnert werden: Zahlreiche Monumente in Baden-Württemberg bieten Gelegenheit dazu, sich auf Spurensuche von 1700 Jahren gemeinsamer Geschichte zu begeben.