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50 Jahre Christian-Wagner-Gesellschaft (Teil 13)

Fortsetzung der Serie über die Anfänge der Christian-Wagner-Gesellschaft, heute:

1974: ein Fund auf dem Stuttgarter Flohmarkt
Die Christian-Wagner-Gesellschaft zog nach ihrer Gründung auch junge Menschen an. Eins dieser jungen Mitglieder war der 26-jährige Rolf Jente aus Kirchheim/Teck. Ihm verdankt die CWG sieben Fotos von Christian Wagner, die den Dichter nicht in gestellten Atelieraufnahmen, sondern im Umkreis seiner Wohnung und seines Gartens zeigen. Ein großer Fang war es, den Jente auf dem Stuttgarter Flohmarkt machte. Das Datum hat er nicht vergessen: Am 11. Mai 1974 – damals fand der Flohmarkt nur zweimal im Jahr statt – stöberte Jente auf dem Schillerplatz in alten Fotoalben. Plötzlich stutzte er, schaute genauer hin. „Wie erstaunt war ich“, schrieb Jente 1980 in einer Jahresschrift der CWG, „als mir beim Durchblättern der Alben auf verschiedenen Aufnahmen das unverkennbare Antlitz Christian Wagners entgegenblickte.“ Für ein paar Mark erstand Jente mehrere dieser Fotobücher, fuhr nach Warmbronn und schaute sich das Geburtshaus des Dichters an, um ganz sicher zu gehen. Das Haus war zwar eingerüstet und stand vor der Renovierung; aber Jente konnte es mit seinen Fotos vergleichen. Danach gab es keinen Zweifel mehr. 
Drei der sieben Aufnahmen aus der Sammlung Jente gehören heute zu den bekanntesten des Dichters: Christian Wagner, aus dem geöffneten Fenster seiner Wohnung schauend – in der 2018 neugestalteten Ausstellung im Christian-Wagner-Haus klebt eine Vergrößerung genau in der Fensteröffnung. Christian Wagner in seiner Stube am Ess- und Schreibtisch sitzend; zwischen drei Schalen mit Speiseresten arbeitet der Dichter in seinen Manuskripten. Und drittens das vielleicht interessanteste Foto: Christian Wagner, auf dem Rücken einer lebenslustigen „Gärtnerin“ eins seiner Bücher signierend. Die junge Dame steht auf einem anderen Gruppenfoto mit derselben karierten Bluse und derselben Harke neben dem Dichter und lächelt ihn an. Jente glaubt, dass die Fotoalben aus dem Nachlass des Stuttgarter Schriftstellers Richard Ungewitter, einem Pionier der Freikörperkultur, stammen. Recht hat er wohl: Ungewitter besuchte den Warmbronner Dichter mehrmals, korrespondierte mit ihm, und seine Frau liebte die Gedichte Christian Wagners. Bevor Ungewitter sich der Schriftstellerei zuwandte, arbeitete er übrigens als Gärtnereigehilfe – ob die flotte Dame mit der Harke wohl seine Frau war?