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Kloster Hirsau

Abt Wilhelm setzt die Hirsauer Reform durch

Kloster Hirsau

SSG

Fries am Eulentrum im Kloster Hirsau

Um 1050 begann in Europa eine Zeit des Aufbruchs. Die Bevölkerung vermehrte sich rasant, Handel und Produktion florierten, neue Städte entstanden. Die Auswirkungen dieser außerordentlichen Dynamik sollten vieles verändern: Wenige Jahrzehnte später kam es zum ersten Kreuzzug, zur Gründung der Universitäten in Paris und Bologna und zum tiefgreifenden Konflikt zwischen Kirche und König. Abt Wilhelm von Kloster Hirsau war ein Kind dieser Zeit. Um 1030 wurde er in Bayern geboren. Er sollte zu einer der einflussreichsten Personen der hochmittelalterlichen Klosterreform werden. Unter seinem Wirken entwickelte sich Kloster Hirsau zu einem der bedeutendsten Reformzentren seiner Zeit. Am 5. Juli 1091, heute vor 930 Jahren, starb der berühmte Abt.

Aus Regensburg nach Hirsau

Über die Herkunft des späteren Hirsauer Abts ist wenig bekannt. Wilhelms Ausbildung zum Mönch erfolgte im Benediktinerkloster St. Emmeram in Regensburg. Dort lebte er seit frühester Jugend nach der Ordensregel des heiligen Benedikt und erhielt eine umfassende Bildung. Er wurde zum Priester geweiht, war Lehrer und verfasste Schriften über Astronomie und Musik. 1069 wurde Wilhelm zum Abt von Kloster Hirsau berufen – den ersten Abt des Klosters, Friedrich aus Einsiedeln, hatte Graf Adalbert von Calw als Kirchenherr zuvor abgesetzt. Mit der Berufung Wilhelms begann die Blütezeit des Klosters Hirsau.

Radikale Kirchenreform

Abt Wilhelm von Hirsau war ein Anhänger der Kirchenreform. Das Kloster Cluny in Frankreich gilt als deren Initiator. Die Mönche Clunys füllten das mönchische Ideal wieder mit neuem Leben. Sie interpretierten die Benediktsregel neu: Askese, Disziplin, Armut und unbedingter Gehorsam bestimmten ihr Leben in brüderlicher Gemeinschaft. Damit begeisterten die Mönche ihr Umfeld. Zahlreiche Menschen forderten daher eine Reform: Entschieden sprachen sie sich gegen die Heirat von Priestern und den Kauf von Kirchenämtern aus. Kaiser Heinrich III. war einer der bedeutendsten Unterstützer der Reform, die seinem Sohn Heinrich IV. fast zum Verhängnis wurde. Denn die Bewegung wandte sich allmählich gegen ihre weltlichen Unterstützer. Die Kirchenreformer wollten die Einflussnahme von Königen und Fürsten in kirchlichen Dingen, vor allem bei Bischofs- und Abtsernennungen, zurückdrängen.

Die Freiheit von Kloster Hirsau

Abt Wilhelm setzte sich schon kurz nach seiner Wahl für die Freiheit von Kloster Hirsau ein. Wahrscheinlich kam es zum Konflikt mit der Stifterfamilie des Klosters, den Grafen von Calw. Das „Hirsauer Formular“ von 1075 löste die Auseinandersetzung der beiden Parteien. Die Urkunde des Königs Heinrich IV. garantierte die freie Wahl des Abts und des Vogts. Immer wieder gab das Dokument Anlass zur Diskussion unter Historikern. Die heute noch vorhandene Urkunde stammt, so die Mehrheitsmeinung der Forschung, aus späterer Zeit. Sie ist inhaltlich jedoch korrekt und schildert die 1075 gefundene Lösung.

Ein Zentrum des Papstes in Süddeutschland

Im sogenannten Investiturstreit stellte sich Abt Wilhelm entschieden auf die Seite des Papstes. Er unterstützte die Gegenkönige Rudolf von Schwaben und Hermann von Salm. Hirsau entwickelte sich zu einem der wichtigsten Stützpunkt der Papstanhänger. Das Kloster und sein Reformabt entfalteten eine unglaubliche Strahlkraft: Mit den Hirsauer Gewohnheiten („Constitutiones Hirsaugienses“) reformierte Wilhelm das Kloster. Disziplin und Gehorsam nach dem Vorbild der ursprünglichen Ordensregeln bestimmten fortan das Leben. Ein voller Erfolg! Über 100 Klöster schlossen sich an und wurden von Hirsau aus reformiert. Bald lebten, arbeiteten und beteten über 150 Mönche in Kloster Hirsau. Zur Entlastung der Mönche von körperlicher Arbeit wurde bald die Institution der Laienbrüder ins Leben gerufen. Sie waren sogenannte Konversen, Brüder ohne Weihe. Sie stammten zumeist aus einem niedrigen gesellschaftlichen Stand und verrichteten die körperlichen Arbeiten in der Klostergemeinschaft. Am Eulenturm von Sankt Peter und Paul ist ein solcher Laienbruder, gut erkennbar an seinem Bart, abgebildet.

Von Aurelius zu Peter und Paul

Das alte Aureliuskloster wurde wegen des Zulaufs neuer Mönche bald zu klein – ursprünglich war es für gerade einmal zwölf Mönche konzipiert worden. 1082 legte Abt Wilhelm daher den Grundstein für ein neues Kloster. Architektonisch war die Anlage äußerst eindrucksvoll. Das Herzstück bildete eine dreischiffige Basilika mit einer Länge von 70 Metern, an deren Westseite ab 1120 zwei Glockentürme standen. Sorgfältig geplante und angelegte Wohngebäude für die Mönche und die Laienbrüder gehörten ebenso zu dem Komplex wie verschiedene Wirtschaftsgebäude. Der Abt erlebte noch die Weihe der neuen Kirche im Mai 1091, den Umzug der Mönche im darauffolgenden Jahr jedoch nicht mehr. Abt Wilhelm von Hirsau starb am 5. Juli 1091. In der Reformation wurde im Kloster eine Klosterschule eingerichtet. 1692 zerstörten Truppen des französischen Königs Ludwig XIV. im Pfälzischen Erbfolgekrieg das Peter- und Paulskloster. Von der mittelalterlichen Bausubstanz hat sich nur die gotische Marienkapelle und der Eulenturm, der nördliche Turm der Peterskirche, vollständig erhalten.