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Trauerrednerin und Buchautorin

Andrea Edinger: „Man wird dankbarer und demütiger“

Trauerrednerin und Autorin Andrea Edinger

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Trauerrednerin Andrea Edinger hat zwei Bücher zur Trauerbewältigung geschrieben.

Zu diesem Thema hat jetzt Trauerrednerin Andrea Edinger zwei neue Bücher geschrieben und im Gespräch Einblicke in ihre Arbeit gegeben.
Es ist ein herrlich sonniger Frühlingstag. Andrea Edinger hat heute frei, denn es steht keine Beerdigung an. Sie arbeitet seit gut zehn Jahren als freie Trauerrednerin und hat sich einen guten Ruf erarbeitet. Die gelernte Buchhändlerin hatte zuvor eine Buchhandlung in Weinheim, ein besonderer Ort, an dem sie ihren Kunden auch Kuchen und Kaffee anbot. Doch durch die zunehmende Konkurrenz großer Online-Händler konnte sie ihr Geschäft nicht halten. Was dann folgte, kann man für Zufall oder Schicksal halten. Die quasi Arbeitslose chattete damals in einem Literatur-Treff mit einer Frau, die sich als Trauerrednerin aus Potsdam zu erkennen gab. Diese Chatterin animierte Edinger dazu, einen Nachruf über deren eigenen, gerade verstorbenen Vater zu schreiben und erkannte ihr Talent. Auf Zuspruch der Fremden wagte Andrea Edinger den Schritt ins Unbekannte und ist seitdem als freie Trauerrednerin aus der Region nicht mehr wegzudenken. Erst viele Jahre später hat sie ihre „Muse“ persönlich kennengelernt. Edinger erzählt: „Ich bin dieser Frau sehr dankbar. Sie hat mir ihr ganzes Wissen gegeben.“

Weg zur Autorin war nicht geplant

Andrea Edinger kann vor allem eins: gut zuhören. Und dann begegnet die Frau mit dem zerbrechlich wirkenden Gesicht den Menschen mit viel Empathie in einer ganz besonders ruhigen Art und Weise. Wenn jemand verstorben ist und sie gerufen wird, nimmt sie sich viel Zeit für die Hinterbliebenen. „Manche habe ich vor dem Ertrinken gerettet“, sagt Edinger leise, fast regungslos, und ergänzt dann voller Überzeugung: „Ich habe meine Berufung gefunden.“ Oft höre ihre Arbeit nicht mit der Beerdigung auf, viele Hinterbliebene suchten auch danach noch das Gespräch. Dass sie nun auch Autorin ist, war überhaupt nicht geplant. Nach einer Beerdigung in Weinheim hatten sich gleich mehrere beeindruckte Mitarbeiter des Weinheimer Beltz-Verlags bei Andrea Edinger gemeldet. Sie wurde konkret gefragt, ob sie nicht ein Buch schreiben wolle, doch sie hatte entgegnet, Trauerbücher gebe es „wie Sand am Meer“. Nach Recherche des Verlags wurde klar: Es gab noch keine Bücher, die sich mit der Trauerbewältigung der eigenen Eltern beschäftigten. „Ich war sehr froh, dass ich großartige Unterstützung eines Lektors bekam“, erzählt Edinger. Mit diesem hatte sie sich für lange Stunden auf der Wachenburg getroffen. „Er hat immer die richtigen Fragen gestellt und alles aus mir rausgelockt.“

Worum geht es in den Büchern?

Heraus kamen gleich zwei fast baugleiche Bücher mit den Titeln „Meine Mutter und ich“ und „Mein Vater und ich“. Sie enthalten jeweils 111 Fragen mit viel Platz zu deren Beantwortung, zum Beispiel: „Wer war meine Mutter für mich?“, aber auch „Hattest Du Beistand in der Familie?“. Auf dem dezent gehaltenen Deckblatt stehen außerdem die Worte „Erinnern, Aufschreiben, Bewahren“. Es ist Platz für alle persönlichen Gedanken und auch Fotos, denn die Trauer, so erklärt Edinger, gehe erst nach der Beerdigung los. Die Bücher sollen vor allem individuell helfen, „mit sich ins Reine zu kommen“. Dabei lässt die Autorin den Verbleib der Bücher nach deren Bearbeitung offen: „Vielleicht möchte man das Buch an seine Kinder weitergeben oder es bekommt einen ehrenhaften Platz in der Vitrine. Womöglich möchte man aber auch das Buch einfach entsorgen, wenn eine schlimme Geschichte abgeschlossen ist.“ Auch müsse natürlich nicht jede Frage beantwortet werden.

„Ich habe mit Lebenden zu tun“

Auf die Frage, ob man all die Gespräche und die intensive Begleitung von Trauernden verkraften kann, antwortet Edinger spontan: „Ich habe mit Lebenden zu tun, nicht mit den Toten.“ Um sich herum habe sie sich eine „große Schutzschicht“ aufgebaut. Mit einem fast traurigen Blick ergänzt sie: „Man wird persönlich dankbarer und demütiger.“ Ihre Kraft zieht Andrea Edinger aus der Natur, Spaziergängen, selbst aus kleinen versöhnlichen Momenten auf dem Friedhof, wenn etwa Eichhörnchen ohne Scheu ihren Weg kreuzen. Aber sie schöpft auch Energie aus Büchern, die sie nach wie vor gerne liest. Weitere Bücher seien zunächst nicht geplant, sagt Edinger. Doch danach gefragt werde sie nun häufiger.

Bücher

Die Bücher „Meine Mutter und ich“ sowie „Mein Vater und ich“ sind beim Beltz-Verlag erschienen und zum Preis von 14,95 Euro in allen Buchhandlungen und auch online erhältlich.

Die Bücher laden zur aktiven Auseinandersetzung mit der Trauer ein.

ib

Mit ihren Büchern lädt die Autorin zur aktiven Auseinandersetzung mit der Trauer ein.