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Ausstellung: „Geliebtes Holzspielzeug“

Es gibt viel zu entdecken: Zum Kaufladen gehört auch ein Telefon.

U.Geiger

Es gibt viel zu entdecken: Zum Kaufladen gehört auch ein Telefon.

- noch bis 17. April zu sehen

Im Mittelpunkt dieser Winterausstellung steht Holzspielzeug aus der städtischen Museumssammlung. Die allermeisten Spielwaren aus Holz haben etwas gemeinsam: Sie sind in der Regel robust und wenig zerbrechlich. Schaukelpferde, Baukästen, Kreisel, Kaufläden oder Puppenstuben, bunt lackiert, bemalt oder natürlich belassen: Holzspielzeug kann sehr vielfältig sein, für alle Altersklassen, für Jungen und Mädchen. Die gezeigten Spielwaren wurden als Bastelarbeit für die eigenen Kinder selbstgemacht, im Auftrag von einheimischen Handwerkern gefertigt oder im Handel gekauft.

Der Kaufladen von Else Brannaschk

Eines der besonderen Stücke der Ausstellung ist ein Kaufladen, der um 1890 hergestellt wurde. Sein hervorragender originaler Erhaltungszustand und die reichhaltige Ausstattung, sowie die interessante Geschichte des Spielzeugs, ist es wert mehr darüber zu erzählen.

Im Herbst 2021 wurde der hölzerne Kaufladen dem Ebersbacher Museum geschenkt. Lange schon war damit nicht mehr gespielt worden, für ein modernes Kinderspielzeug war dieser Kaufladen einfach zu alt, eine Antiquität von musealem Wert. In der Familie war niemand mehr an dem Stück interessiert. Aufgebaut ist der Kaufladen am besten in einer großen Vitrine vor Staub geschützt.

Gehen wir in der Zeit schrittweise zurück, dann entwickelt sich daraus eine spannende Besitzergeschichte und wir lernen die Kinder kennen, die damit gespielt haben.

Drei Jahre lang war die aus Gruibingen stammende Marie Ö. in Ebersbach als Hausangestellte in Stellung. Ihre Arbeitgeberin hieß Else Brannaschk. Diese wohnte zusammen mit ihrer Familie in einem großen Haus im Landhausviertel von Ebersbach. Das Haus hatte sie von ihrem Vater geerbt, der als Besitzer eines gut gehenden Kaufladens in Ebersbach zu Wohlstand gekommen war. Er hatte das Wohnhaus 1913 erbauen lassen. Weil die junge Hausangestellte heiraten wollte, bekam sie von ihrer Ebersbacher Arbeitgeberin neben Mobiliar auch diesen Kaufladen geschenkt. In jenen Jahren war so eine großzügige Schenkung etwas Besonderes, auch wenn es sich um Gebrauchtes handelte. Immerhin gehörte diese Ebersbacher Familie zur Oberschicht und damit waren auch diese gebrauchten Waren immer noch etwas wert. Die Hausangestellte Marie bekam während ihrer Ehe zwei Kinder und diese spielten in der Nachkriegszeit mit dem Kaufladen. Immer in der Weihnachtszeit wurde der Laden aufgebaut und es wurde „Einkaufen“ gespielt. Frage: „Wie ging damals einkaufen?“  – Antwort: „Ähnlich wie heute, wenn man in einem Spezialgeschäft etwas einkauft, dazu aber bedient werden muss“. Im Gemischtwarengeschäft stand die Kundin vor der Theke und die Bedienung suchte das entsprechende Produkt im Regal oder aus Schubladen heraus. Wog ab und verpackte. Das alles dauerte natürlich viel länger, wie heute im Selbstbedienungsmarkt. Es gab mehr Spielraum für Unterhaltung und Gespräche. So ein Einkauf dauerte dann auch entsprechend länger. Auch an der Kasse war mehr Zeit von Nöten.

Else Brannaschk hatte selbst vier Söhne gehabt, die zwischen 1914 und 1926 geboren wurden. Somit kann man rückschließen, dass diese Söhne wohl in den 1920er und 1930er Jahre mit dem Kaufladen gespielt hatten. Einige Objekte des Kaufladens stammen aus diesem Zeitabschnitt. Der älteste Sohn wanderte nach Brasilien aus, zwei Söhne fielen im Zweiten Weltkrieg, somit blieb nur noch einer seinen Eltern erhalten. Vom Baustil und den ältesten Inventarteilen zu beurteilen, ist der Laden noch älter. Stilistisch ist er dem so genannten Gründerzeitstil zuzuordnen. Es ist durchaus möglich, dass mit dem Kaufladen schon Else Brannaschk und ihre fünf Geschwister im elterlichen Haus in Ebersbach gespielt hatten. Elses älteste Schwester war 1877 geboren, sie selbst war die jüngste und 1888 geboren. Die Entstehung des Spielzeug-Kaufladens lässt sich deshalb auf die Zeit um 1890 datieren. Das Spielzeug wäre heute somit rund 130 Jahre alt.

Als Else und ihre Geschwister aufwuchsen, lebten sie im Elternhaus am Marktplatz, wo der Vater den Kaufladen „A. und P. Stübler“ führte. Die Brüder Adolf und Paul Stübler betrieben seit 1869 das gut laufende Gemischtwarengeschäft. Adolf Stübler zog später nach Stuttgart und überließ seinem Bruder Paul den Laden. Paul Stübler war in Ebersbach sehr engagiert und eine tragende Kraft in zahlreichen Vereinen. 32 Jahre lang war er Dirigent des Männergesangvereins „Liedertafel“, daneben war er auch bei der Freiwilligen Feuerwehr, deren Kommandant er zwei Jahre war. Auf einer um 1876 entstandenen Fotokollage sieht man das Geschäftshaus am Marktplatz an welchem damals die Feuerwehr eine Übung abgehalten hatte. Die Brüder Paul und Adolf sind hier auch abgebildet. Die große Fotokollage ist in der Ausstellung neben dem Kaufladen zu sehen. Die Feuerwehrleute wurden dazu in ihrer Feuerwehrkleidung fotografiert, dann aus dem Foto herausgeschnitten und auf ein gemaltes Bild aufgeklebt. So entstand das Gruppenbild. Diese Technik kam damals häufig vor, denn für ein so großformatiges Gesamtbild gab es einfach noch kein entsprechend großes Fotopapier. Heute befindet sich im Erdgeschoss des Gebäudes die Marktapotheke.

Der Hersteller des Kaufladens könnte ein einheimischer Schreiner gewesen sein, möglich aber auch, dass es eine Laienarbeit ist. Für die Schubladen wurden hölzerne Zigarrenschachteln wiederverwendet. Es handelt sich dabei um Tropenholz und vielfach sind Stempel auf dem Holz zu erkennen. Man hat also nicht einfach diese Holzverpackungen im Ofen verbrannt, sondern sinnvoll wiederverwendet. Die Schauseiten des Kaufladens bestehen aus dunkel gebeiztem Eichenholz. Auf den Schubladen verweisen weiße Porzellanschilder auf den Inhalt.

Vielleicht haben diese Kinder einmal mit dem Kaufladen gespielt? Genau wissen wir es nicht mehr. Die Aufnahmen befinden sich im Fotoalbum der Else Brannaschk und entstanden um 1880.

U.Geiger

Vielleicht haben diese Kinder einmal mit dem Kaufladen gespielt? Genau wissen wir es nicht mehr. Die Aufnahmen befinden sich im Fotoalbum der Else Brannaschk und entstanden um 1880.
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