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„Botschafterin" Anke Helfrich

Blauer Spirit, schwarze Seele und Kurpfälzer Dialekt

Anke Helfrich plauderte aus dem Nähkästchen.

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Ein bewegtes Leben: Helfrich plauderte aus dem Nähkästchen.

In der Gesprächsreihe „Botschafter für Weinheim“ plauderte die Musikerin vor mehr als 100 Besuchern aus dem Nähkästchen: über ihre Familie, über „Frauen im Jazz“ und über ihre Beziehung zu Weinheim. Nicht erst seit ihrem „Echo Jazz“, den sie 2016 in der Kategorie „Instrumentalistin des Jahres national“ im Bereich Piano erhalten hat, zählt Anke Helfrich zu den weltweit bedeutendsten Jazz-Pianistinnen der Gegenwart. Ihr intensives Spiel brachte ihr den Spitznamen „Der blonde Monk“ ein, eine Anspielung auf den afroamerikanischen Jazz-Musiker Thelonious Monk, der als einer der bekanntesten Vertreter des Modern Jazz gilt und dessen Kompositionen Helfrich zu Beginn ihrer musikalischen Laufbahn faszinierten.
An ihre Vorbilder reicht die Ausnahmemusikerin mittlerweile heran, wie sie im Rahmen der von VHS und Stadt initiierten Veranstaltungsreihe „Botschafter für Weinheim“ unter Beweis stellte. Mit dem Wechsel des Veranstaltungsortes in die Räume der Volksbank Weinheim wurde der richtige Rahmen geschaffen für die quirlige und authentische Frau, die auf dem bereitstehenden Klavier an diesem Abend drei Stücke zum Besten gab. Vor allem aber plauderte Helfrich im Gespräch mit der Redakteurin der Weinheimer Woche, Christina Schäfer, und dem Pressesprecher der Stadt Weinheim, Roland Kern, aus dem Nähkästchen eines bewegten Lebens.

Bewegtes Leben

Nach Stationen in Namibia, Sulzbach und Bensheim kommt Helfrichs Familie Mitte der 1970er-Jahre nach Weinheim. „Alles, was Anke anfing, hat sie mit Begeisterung gemacht. Und sie konnte sich für vieles begeistern“, erzählte ihre Mutter Lisa Helfrich-Wolf in einem Einspieler. Das Klavierspiel ist anfangs nur eine von vielen Leidenschaften. „Zwischendrin wollte ich sogar mit dem Klavier- spielen aufhören“, erzählte Helfrich. Doch sie beißt sich durch und entdeckt irgendwann die Liebe zum Jazz. Sie studiert Musik in Freiburg und Amsterdam, ein Stipendium führt sie nach New York. Eine Zeit, in der sie viele inspirierende Eindrücke sammelt.
Zu Hause in Weinheim findet sie mit dem weltweit bekannten Muddy‘s Club eine Quelle der Inspiration. Hier trifft sie unter anderem den legendären Jazz-Trompeter und Grammy-Preisträger Roy Hargrove, mit dem das Anke-Helfrich-Trio in den 1990er-Jahren die CD „Better Times Ahead“ aufnimmt. Und sie beweist sich auch international in einer männlich dominierten Jazz-Welt, die Frauen bisher eher als Sängerinnen, weniger aber als Pianistinnen kannte.

Christina Schäfer und Roland Kern im Gespräch mit Anke Helfrich.

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Christina Schäfer und Roland Kern im Gespräch mit der Ausnahmemusikerin.

Blauer Spirit und schwarze Seele

„Anke ist ein sensationell positiver Mensch, mit blauem Spirit und schwarzer Seele“, charakterisierte Muddy‘s-Club-Urgestein Ben Schmidt die Pianistin in einem Einspieler. Mehrere solcher Kurzfilme produzierte Sven Holland von den „Weinheimer Jugendmedien“ für die Veranstaltung. Sie gaben Weggefährten der Jazzerin Gelegenheit, sich zu Wort zu melden, zeigten Bilder aus dem Leben der Künstlerin, aber auch Studioaufnahmen und Konzertausschnitte, etwa aus ihrem wohl bekanntesten Album „Dedication“, auf dem sie Martin Luther Kings historische Rede „I Have a Dream“ musikalisch interpretiert und zeitgleich ein politisches Statement setzt. „Jazz-Musik hat schon eine Tradition als Protestmusik. Ich muss aber nicht unbedingt Jazz machen, um politische Statements loszuwerden“, stellte sie jedoch klar. Genauso wenig schreibe sie ihre Werke mit dem Publikum im Hinterkopf. „Ich schreibe Musik, die mich bewegt. Und der Höhepunkt ist es dann, wenn ich mit dieser Musik auch andere emotional erreiche.“

Raum fürs Erzählen

Dabei bleibt Weinheim ein Ankerpunkt – so waren neben interessierten Zuschauern auch viele alte Bekannte gekommen. Vor diesem Publikum fühlte Helfrich sich offensichtlich pudelwohl und sprudelte in feinem „Woinemerisch“ geradezu über vor Erzählfreude, so dass Roland Kern und Christina Schäfer immer wieder Mühe hatten, ihre Fragen zu platzieren. Das tat der kurzweiligen Veranstaltung aber keinen Abbruch, ebenso wenig wie die Tatsache, dass der Abend länger dauerte, als ursprünglich geplant. „Ich bin ja ein Nachtmensch. Jetzt werde ich erst wach und komme in Fahrt“, erklärte Helfrich nach knapp zwei Stunden und ließ den Worten Taten folgen.
Das Moderatoren-Duo tat gut daran, den Raum dann auch weitestgehend der Künstlerin zu überlassen, der dieser Abend gewidmet war. Denn, um es mit den Worten von Publizist Roger Willemsen zu sagen, den Volksbank-Vorstandsvorsitzender Klaus Steckmann in seinen Grußworten zitierte: „Jazz ist Improvisation und Improvisation ist Freiheit. Jazz ist immer ein großes Stück Unvorhersehbarkeit.“ In der Welt von jemandem, der Jazz wie kaum ein anderer lebt, haben starre Konzepte eben keinen Platz – weder in der Musik noch auf dem Podium.