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Steigende Zahl von Obdachlosen

Caritas kämpft gegen Wohnungslosigkeit

Das öffentliche „Zimmer für alle“

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Das öffentliche „Zimmer für alle“ machte auf die Situation von wohnungslosen Menschen aufmerksam.

Für dieses Jahr erwartet die Caritas einen weiteren dramatischen Anstieg. Einer der Gründe: Ein Mangel an bezahlbarem Wohnraum in der Zweiburgen-Stadt.
Michael ist Anfang 40 und vor gut zwei Jahren in die Wohnungslosigkeit abgerutscht. Probleme im Job, die Trennung von seiner langjährigen Lebensgefährtin, der Auszug aus der gemeinsamen Wohnung. Dazu die Scham Sozialleistungen zu beantragen. In der Not beschließt er übergangsweise im Elternhaus zu leben, doch das geht nicht lange gut. Am Ende steht er ohne Wohnung da und wendet sich in seiner Verzweiflung an die Stadt. Doch die kann ihm nur ein Zimmer in der umstrittenen Not-Unterkunft in der Viernheimer Straße anbieten. Sieben Quadratmeter, kaum Privatsphäre - für Michael keine Option. Ein Freund rät ihm sich bei der Caritas zu melden.

Leben auf acht Quadratmetern

Seit einem Jahr lebt er nun in einer WG mit drei Männern. Zwar auch nur acht Quadratmeter, aber immerhin eine Tür, die er schließen kann, um etwas privaten Freiraum zu haben. „Wir arbeiten in Weinheim mit 50 Menschen zusammen, die in die Obdachlosigkeit geraten sind“, erzählt Benjamin Weis, der sich bei der Caritas Rhein-Neckar für die wohnungslosen Bürger einsetzt. Wie viele Menschen tatsächlich ohne Dach über dem Kopf in Weinheim leben, ist für ihn schwer einzuschätzen, da die Betroffenen kaum auszumachen sind. „Die Dunkelziffer ist sehr hoch“, merkt Weis an. Um auf dieses Tabu-Thema aufmerksam zu machen, hat die Caritas am Dürreplatz an diesem Tag ein „Zimmer auf der Straße“ aufgebaut. Eine Couchgarnitur mit Beistelltisch und Kommode lädt zum Verweilen ein. Der deutsche Dachverband der Caritas hat dieses Jahr den Kampf gegen die Wohnungsnot in den Mittelpunkt ihrer Bemühungen gestellt und bundesweit die Kampagne „Jeder Mensch braucht ein Zuhause“ gestartet. Im Jahre 2017 lebten 860.000 Menschen ohne Wohnung in Deutschland, wie aus einer Statistik der Wohnungslosenhilfe (BAG W) hervorgeht.

Dramatischer Anstieg

Die Prognose für dieses Jahr liegt bei 1,2 Millionen Menschen, ein Anstieg um fast 300 Prozent im Vergleich zu 2014. Die Zuwanderung wirkt zwar verstärkend, spielt dabei allerdings nur eine Nebenrolle. Die wesentliche Ursache für die grassierende Wohnungsnot liegt vielmehr am ständig schrumpfenden, bezahlbaren Wohnraum in den Städten. Ein Umstand der auch Benjamin Weis bewusst ist - der Caritas geht es nämlich nicht anders. „Es ist unheimlich, schwierig Wohnungen in Weinheim anzumieten“, erklärt er. „Wir sind da zumeist auf wohlgesonnene Vermieter angewiesen. Auch über die Kirchenverbände oder die Baugenossenschaft kommt mal ein Deal zustande“, so Weis. Allerdings kosten die sozialverträglichsten, neuen Wohnungen der Baugenossenschaft in der Händelstraße neun Euro pro Quadratmeter. Da sind für eine 80 Quadratmeter große Wohnung schnell 1.000 Euro Warmmiete fällig - zuviel für sozial benachteiligte Familien. Im Odenwald wiederum gibt es Leerstände, allerdings ist die Anbindung zum Nahverkehr unzureichend, der Weg zur Arbeit wird so zur Tortur. Auch die Einstellung vieler potentieller Vermieter hat sich in den letzten Jahren verändert. „Früher war es ein Faustpfand an sozial schwächere Menschen zu vermieten, da meistens das Arbeitsamt die Miete bezahlt hat. Die Einnahmen waren garantiert“, sagt Weis. Heute hingegen heben viele Eigentümer die Miete auf über 390 Euro an – das ist die Höchstgrenze die Hartz-IV-Beziehern zusteht – und sorgen so dafür, dass dringend benötigter Wohnraum unerschlossen bleibt.

Alle Altersgruppen betroffen

Das Thema Wohnungslosigkeit zieht sich derweil durch alle Altersgruppen. Da sind junge Menschen, die ohne Perspektive auf einen Beruf von einem Kumpel zum nächsten ziehen, um dort übergangsweise zu wohnen. Couch-Hopping wird das sich verbreitende Phänomen im Fachjargon genannt. Auf der anderen Seite stehen die Rentner in Altersarmut, die sich den eigenen Wohnraum aufgrund der steigenden Mietpreise nicht mehr leisten können. Mietrückstände häufen sich an, am Ende droht die Räumungsklage. „Wer einmal in die Wohnungslosigkeit gerutscht ist, der hat es sehr schwer, wieder den Weg zurück in die Gesellschaft zu finden“, fasst Herr Weis seine Erfahrungen zusammen. Für Michael aus der Männer-WG brechen nun bessere Zeiten an. Mit Hilfe der Caritas widmet er sich seiner Berufsfindung. Sobald diese abgeschlossen ist, geht er die Umschulung an. Dann hofft er Arbeit zu finden, um sich seinen Traum von einer eigenen Wohnung zu erfüllen. „Die Caritas hat mir in dieser schweren Zeit geholfen“, sagt er und blickt dabei Herrn Weis an. Für einen kurzen Moment lächeln die beiden Männer.

Mitarbeiter der Wohnungslosenhilfe klärten über Obdachlosigkeit auf.

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Kerstin Schmid, Mario Rudloff, Benjamin Weis und Stefanie Edinger von der Wohnungslosenhilfe der Caritas klärten über Obdachlosigkeit auf.