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Zukunft des gedruckten Buchs

Das Buch wird nicht aussterben, es wird nur anders genutzt

Eine Frau liest in weihnachtlicher Atmosphäre ein Buch.

Milan Jovic/GettyImages

Dabei wird dem gedruckten Buch seit Jahren der Niedergang prophezeit. Wie ist es um die klassische Buchform bestellt? Nimmt das Leseverhalten der Deutschen zu oder ab? Verdrängen E-Books gedruckte Ausgaben? Um diese und noch mehr Fragen zu erörtern und beantwortet zu bekommen, hat sich Redakteurin Christine Schwab mit Thomas Michael getroffen, der seit vielen Jahren als Bibliothekar tätig ist, aktuell in der Großen Kreisstadt Wiesloch.

Michel sieht sich selbst als Vielleser, was nicht zuletzt sein Beruf mit sich bringt. Bereits im jugendlichen Alter stand sein Berufswunsch zum Bibliothekar fest. „Ich war schon früh ein begeisterter Leser und interessiere mich für alle Genres, angefangen von historischen Krimis, über Sachbücher aber auch Mittelalterlektüre können mich begeistern. Ich höre auch schon mal Hörbücher; besonders beim Autofahren ist diese Form sehr unterhaltsam.“

Lesen als soziales Handeln

Lesen ist eine Form des sozialen Handelns, das in den unterschiedlichen Lebensphasen verschiedene Funktionen und Bedeutungen hat. Die Eltern spielen bei der Lesesozialisation eine entscheidende Rolle, denn die Kinder übernehmen das von ihnen gezeigte Verhalten. In diesem Alter spielt das Buch auch noch eine besondere, wenn nicht gar Vorreiterrolle. „Klein- und Grundschulkinder sind die mit Abstand größte Gruppe, die alleine oder mit ihren Eltern in eine Bücherei kommen, um sich Kinderbücher auszuleihen. Sie sind die zukünftige Kundschaft, die wir unbedingt binden sollten.“

Beim Kaufverhalten sieht es ähnlich aus, die Zahlen an gekauften Büchern im Kindergarten- und Vorschulalter sehen relativ gut aus, wenn auch hier ein geringer Rückgang zu verzeichnen ist. Doch in diesem Alter lesen die Eltern noch gerne Geschichten vor, und motivieren dabei ihren Nachwuchs, später selbst zu lesen.

Veränderung im Leseverhalten

„Klar hat sich das Leseverhalten drastisch geändert, in Zeiten von Social Media und dem Internet. Klassische Rechtsratgeber oder sonstige Ratgeber finden sich heute so gut wie nicht mehr in einer Bücherei. Da nutzen die Menschen das Internet, wo sie sämtliche Gesetzesvorlagen nachlesen können. Reiseführer hingegen sind das ganze Jahr über sehr stark gefragt. Mittlerweile haben sich auch die Verlage auf das neue Leseverhalten eingestellt und produzieren fast jede Ausgabe im Printformat, aber auch als E-Book. Das Angebot an meinem Standort hat sich in den letzten drei Jahren verdoppelt, wurden 2015 ‚nur‘ 10.000 E-Books ausgeliehen, waren es 2018 bereits 20.000“, so Thomas Michael. „Und dieses Angebot kann noch gesteigert werden, wenn der Leser Mitglied in einer Verbundbücherei zwischen mehreren Großstädten ist, wie z.B. die Metropol BIB in der Metropolregion Rhein-Neckar. In dieser ‚onleihe‘ sind 34 Bibliotheken vertreten, deren Angebot mehr als 50.000 Titel umfasst“, so Michael weiter.

Gemeinsame Aktionen

Auf die Frage, ob er glaubt, dass die Menschen auch in Zukunft den Buchhändler oder die Bücherei vor Ort aufsuchen werden, antwortet Michael optimistisch: „Da bin ich mir ziemlich sicher, gerade, wenn gemeinsame Aktionen wie Lesungen mit bekannten Autorinnen oder Autoren beworben werden. Das passt perfekt zusammen. Wir müssen an beiden Standorten die Aufenthaltsqualität erhöhen, die die Leser an unsere Einrichtungen binden. Oder wenn ich an persönliche Beratung denke, wenn es um Bücher im Allgemeinen oder Neuvorstellungen geht, besonders in den Wochen vor oder nach den Buchmessen bzw. vor Weihnachten sind wir Anfragen der Leser bestens vorbereitet. Für mich und meine Kolleginnen und Kollegen ist es selbstverständlich die neuesten Schmöker zu kennen, um darüber wissenswerte Auskünfte geben zu können.“

Beliebtes Weihnachtsgeschenk

Laut einer Statistik aus dem Jahr 2017 waren Bücher mit 35 % das beliebteste Geschenk unter dem Weihnachtsbaum. Diese Zahl ist im abgelaufenen Jahr noch gesteigert worden, denn nach Aussage des scheidenden Vorstehers des Deutschen Börsenverein Heinrich Riethmüller ist die Zahl der Buchkäufe um 300.000 gestiegen und weiter sieht er „die Abwärtsspirale aufgehalten“, es gehe langsam wieder aufwärts in der Branche.

Der geschätzte Umsatz aller buchhändlerischen Betriebe in Deutschland (ohne Schul- und Fachbuch, aber mit E-Book und Hörbuch) lag bei satten 9,13 Milliarden Euro, der Umsatz mit Büchern in Baden-Württemberg schlug 2017 mit 506 Millionen zu Buche. Der Umsatz der baden-württembergischen Verlage wird mit 1,65 Milliarden Euro angegeben.

Bücher in einem Regal der Bibliothek

khp/Archiv

Beliebte Krimis

Eine weitere repräsentative Umfrage im Jahr 2018 (Splendid Research) unter etwas mehr als 1.000 Befragten hat ergeben, dass 61 % der Deutschen regelmäßig lesen, 22 % davon sogar täglich. Genutzte Medien waren demnach 91 % Printmedien, 41 % E-Books und 24 % Hörbücher. Die drei beliebtesten Genres waren mit 50 % Krimis, 46 % Thriller und 24 % Ratgeber. Das lässt sich auch an den Lesegewohnheiten von Männern und Frauen nachweisen. Demnach lesen Frauen am liebsten Kriminalromane oder Psychothriller; Männer hingegen greifen eher zu wissenschaftlichen oder technischen Büchern.

E-Book versus Gedrucktes?

Um die Eingangsfrage noch einmal aufzugreifen, wie es um die Zukunft des Buches bestellt ist, bleibt festzuhalten, dass bestimmte Inhalte nicht über das Buch geholt werden, sondern über das virtuelle Angebot. Das Buch als „Hardware“ wird aber nach wie vor von Schülern und Studenten genutzt werden, um Referate, Hausarbeiten oder wissenschaftliche Arbeiten auszuarbeiten und niederzuschreiben. „Wir alle müssen uns darauf einstellen, dass sich durch die aktuelle Schnelllebigkeit auch das Leseverhalten ändern wird. Stellen Sie sich vor, sie können an jedem Ort der Erde auf das Angebot von E-Books zurückgreifen, es herunterladen und sofort können Sie sich in da Buch vertiefen.“

Wie bei vielen anderen Aspekten bleiben die Menschen jedoch ihrem Leseverhalten treu. Für viele spielt die Haptik des Buches eine große Rolle, es bleibt nicht aus, dass man sich Notizen macht oder besonders interessante Stellen markiert, um sie später noch einmal nachzulesen. Und was gibt es Schöneres, als den typischen Geruch eines neuen Buches? Über die Seiten zu streichen und den Geruch des Papiers einzusaugen, ist eine Erfahrung, die ein E-Book nicht bieten kann.

Buchhandel stärken

Abschließend bleibt festzuhalten, dass das gedruckte Buch weiterhin seine Daseinsberechtigung behalten wird, auch wenn die Konkurrenz durch das E-Book und Hörbuch nicht unerwähnt bleiben darf. Die technische Entwicklung kann nicht aufgehalten werden, doch wenn es gelingt, dass die Leserschaft ihre Bücher von ortsansässigen Buchhandlungen bezieht - direkt im Geschäft oder beispielsweise über den Online-Marktplatz kaufinBW - kann dem Wegbrechen von Ladengeschäften, verbunden mit dem Verlust zahlreicher Arbeitsplätze, entgegengewirkt werde.