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Gemeindevertreter tauschten sich aus

Dem Volkstrauertag ein neues Gesicht geben

Schwetzingen: Workshop Volkstrauertag

jr

Produktiver Konsens: Die Workshopteilnehmer zogen ein positives Fazit.

Volkstrauertag. Da denken die meisten an Menschen, die mit ernster Miene Kränze vor Kriegerdenkmälern niederlegen, während ein Männerchor oder eine Blaskapelle „Ich hatt’ einen Kameraden“ intoniert. Ritualisiertes Gedenken an die, die vor 80 Jahren oder länger Kriegen zum Opfer fielen, die heute vielen fern scheinen.

Wechselhafte Geschichte

Die Geschichte des Feiertags ist wechselhaft: 1919 eingeführt, um an die Toten des Ersten Weltkriegs zu erinnern, von den Nazis zum sogenannten „Heldengedenken“ missbraucht, 1952 neu aufgelegt und auf den zweiten Sonntag vor dem ersten Advent festgesetzt. Heute scheint der Tag zwiegespalten: Zwar lädt die Bundesregierung alljährlich zur symbolträchtigen zentralen Gedenkfeier mit Prominenz aus Politik und Gesellschaft, auf dem Land bleiben die Friedhofskapellen, Kirchen oder Gedenkstätten hingegen immer öfter leer. Wie also dem begegnen? Diese Frage stellten sich am Donnerstag im Palais Hirsch rund 30 Vertreter der Kommunen und aus dem Ehrenamt im Rhein-Neckar-Kreis im Dialog mit dem Volksbund für Kriegsgräberfürsorge.

Brandaktuell

Denn eigentlich ist das Thema hochaktuell. Volker Schütze, Volksbund-Geschäftsführer in Nordbaden, belegt das mit einem Beispiel, das gleichzeitig auch die Problematik zeigt: Am 13. November 2015 erschütterten die Bataclan-Terroranschläge Paris. Zwei Tage später, am Volkstrauertag, blieben die Kirchen und Friedhofskapellen nur mäßig besucht, während sich einen Tag danach überall in Deutschland Menschen in spontanen Gedenkstunden versammelten. Das, so Schütze, habe ihn doch beschäftigt.

Zwar hätten vielerorts damals die Redner am Volkstrauertag in ihren Beiträgen spontan auf die aktuellen Ereignisse Bezug genommen, dass der Tag in Deutschland seit vielen Jahren aber ganz allgemein den Opfern von Krieg, Gewaltherrschaft und Terrorismus gewidmet ist, wussten damals wie heute viele nicht. Kurzum: „Es gibt leichtere Themen als Krieg, Gewalt und Tod“, das weiß auch Volker Schütze. Umso erfreuter sei er, dass an diesem Morgen rund 50 % der Gemeinden im Kreis vertreten sind. „Das zeigt, dass Ihnen das Gedenken wichtig ist“, so sein Fazit. Denn: „Der Volkstrauertag ist kein Datum, an dem man nur zurückschaut, er schaut auch auf die Gegenwart.“ Und das trifft in der Tat zu, denn während wir in Europa seit 70 Jahren in Frieden leben, tobt vier Flugstunden weiter seit Jahren ein schwerer Krieg. Und seit Deutschland wieder Soldaten in Kriegsgebiete schickt, gibt es auch heute wieder Gefallene zu betrauern.

Schwetzingen: Workshop Volkstrauertag

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In den Workshopgruppen wurde vertieft diskutiert.

Experten im Gespräch

Wie man den Tag auch in Zukunft ansprechend und zeitgemäß begehen kann, darüber diskutierten neben „Hausherr" Matthias Steffan als Bürgermeister der Gastgeberstadt auch Ehrenamtliche und Vertreter der Städte und Gemeinden Plankstadt, Hockenheim, Altlußheim, Edingen-Neckarhausen, Wiesloch, Meckesheim, Dielheim, Leimen, Ilvesheim, Hemsbach, Heiligkreuzsteinach, Malsch, Epfenbach, Gaiberg, Bammental, Mannheim, Angelbachtal und St. Leon-Rot. „Sie sind die Experten vor Ort“, appellierte Schütze an die Anwesenden. Die Aufgabenstellung: zu erörtern was gut und was schlecht läuft sowie darauf aufbauend Ideen zu sammeln, was besser laufen könnte. Dass das ein Balanceakt ist, wird in der anschließenden Gruppendiskussion mehr als einmal deutlich. Tradition einfach abzuschaffen, das kommt für viele nicht in Frage. Aber einig ist man sich auch, dass es so wie bisher auch nicht mehr weitergehen sollte.

„Bei uns hält der Bürgermeister die Rede“, ist in einer Gruppe zu hören, in anderen Gemeinden ist das nicht der Fall. Vielerorts wird die Zeremonie noch auf dem Friedhof oder an Kriegerdenkmälern gehalten. In Schwetzingen geht man dieses Jahr erstmals einen anderen Weg: Sabine Englert, Beauftragte des Volksbundes, hat sich die Anregung in der Partnerstadt Schrobenhausen geholt, wo man schon seit vielen Jahren den Gedenkakt in der Kirche stattfinden lässt. Eine gute Idee, wie viele finden, anderswo im Kreis wird das auch so gehandhabt. Aber während in manchen Gemeinden die Kirche mit zu den Hauptakteuren zählt, lässt sich anderswo der Pfarrer ungern in die Organisation einspannen. Manchen langjährigen Besuchern wiederum ist viel an der rituellen, traditionellen Durchführung gelegen, andere wiederum wenden sich eben deshalb ab. Kurzum: Es gibt viel zu beachten, da sind sich alle einig.

Schwetzingen: Workshop Volkstrauertag

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Jugend mit einbinden

Einig ist man sich auch in einem Punkt: Der Jugend gehört die Zukunft. Und so abgedroschen diese Phrase auch klingt, hier trifft sie zu. Denn, wenn es nicht gelingt, künftige Generationen in den Ablauf einzuspannen, wird der Volkstrauertag wohl mit denen aussterben, die ihn heute noch begehen. Schulen sind wichtige Partner, das ist Konsens an allen Tischen. Wie Kooperation konkret gelingen kann, wird in einigen Orten schon gelebt: Durch Miteinbeziehung von Konfirmanden, bei denen - zum Beispiel in Schwetzingen – die Beteiligung am Volkstrauertag zur Vorbereitung auf die Konfirmation gehört, oder durch den Kontakt mit den Schulen, die Beiträge zum Programm beisteuern. Auch konkrete Ideen wurden eingebracht. So könnten beispielsweise Schüler das Plakat zum Volkstrauertag gestalten, vielleicht sogar in einem kreisweit ausgeschriebenen Wettbewerb.

Geschichte lebendig machen

Eine weitere Anregung: Historische Authentizität erzielen. Das geht zum Beispiel durch Herstellen eines konkreten historischen Bezugs. Joachim Bösenecker, Bürgermeister von Epfenbach beispielsweise berichtete in seiner Gruppe von einer Aktion in seiner Gemeinde. Dort hatten die Enkel eines im Ersten Weltkrieg gefallenen Soldaten nach 103 Jahren das Grab ihres Großvaters ausfindig gemacht, dort einen Kranz niedergelegt und am Volkstrauertag davon berichtet. Seitdem wird nun jedes Jahr das Leben eines gefallenen Soldaten der Gemeinde exemplarisch beleuchtet. „Personifizierung macht alles greifbarer“, ist Böseneckers Amtskollegin Sieglinde Pfahl begeistert. Das kann Ulrich Moser nur unterstreichen. Der Hockenheimer engagiert sich beim Volksbund und bei der Reservistenkameradschaft und hat 2016 auf der Recherche nach dem Leben seines Großvaters ein Buch über die badischen 112er verfasst. In diesem Infanterie-Regiment waren die meisten badischen Soldaten im Ersten Weltkrieg organisiert. Moser hat die Daten der 3311 gefallenen Soldaten recherchiert und kann über Einzelschicksale auch detailliert Auskunft geben. Schicksale, die beim Volkstrauertag Zeugnis abgeben können. „Dann ist das alles nicht mehr so weit weg“, meint auch Leimens OB Hans Reinwald.

Gegenwart mit einbeziehen

Auch der Gegenwartsbezug wird in der Diskussion immer wieder betont. Michael Thate, Amtsleiter in Plankstadt, fasst das so zusammen: „Das Aktuelle in die ritualisierte Form einbringen“ und „dem Ganzen Leben einhauchen“. Denn auch den Opfern von Krieg und Gewalt heute gilt der Volkstrauertag – und darunter fallen auch die, die auf der Flucht vor Krieg; Terror und Vertreibung nach Deutschland geflohen sind – auch wenn das viele Menschen oft nicht damit assoziieren oder assoziieren möchten. Diese mit einzubinden – aber auch andere soziale Einrichtungen könnten in die Durchführung mehr eingebunden werden, ist man sich in Schwetzingen einig. Auch die Einbindung der französischen Partnerstädte wird vielerorts schon praktiziert, kann aber auch noch intensiviert werden.

Schwetzingen: Workshop Volkstrauertag

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Am Ende standen konkrete Ideen auf dem Flipchart.

Viele Ideen

Zeitzeugen zu Wort kommen lassen, verschiedene Redner einbinden, die Ausweitung des Themas des Tages auf eine Woche im Vor- oder Nachfeld mit verschiedenen Veranstaltungen und Projekten, die bessere und ansprechendere Kommunikation des Termines über Soziale- und Printmedien – all das sind weitere Ideen, die die Gruppe zusammenträgt. Von vielen bedauert: Die Abwesenheit von Würden- und Mandatsträgern in Bund, Land und Kommune zum Festakt. „Nur wenn Wahlen anstehen, lässt sich jemand blicken“, ist vor allem von den Ehrenamtlichen zu hören. Aber auch die Uhrzeit wird in Frage gestellt: „Warum eigentlich immer Sonntagvormittags?“ Ein abendliches Konzert der beteiligten Chöre oder Blaskapellen, in dessen Rahmen der Trauerakt eingebettet ist, würde vielleicht mehr Menschen mobilisieren. Wichtig ist allen eines: Der Volkstrauertag soll keine politische Veranstaltung sein, sondern an diesem Tag sollen Menschen und ihre Schicksale im Vordergrund stehen. Alles in allem solle man versuchen, dem wichtigen Feiertag ein Stückweit die Schwere zu nehmen.

Positives Fazit

Das Fazit, das die Teilnehmer aus dem Vormittag mitnehmen, ist durchweg positiv. „Es war ein spannender Vormittag“, fasst Sibylle Würfel zusammen. „Ich nehme heute sehr viel mit, was die künftige Gestaltung des Volkstrauertages anbelangt“, ist die Malscher Bürgermeisterin überzeugt und erntet dafür die Zustimmung der Anwesenden. Gemeinsam wird man nun weiter „den Weg des Friedens gehen“, wie Christoph Schauder, Ordnungsdezernent des Rhein-Neckar-Kreises, eingangs Justizminister Guido Wolf zitiert hatte. Dass der nicht unbedingt gerade und bequem ist, und es einen langen Atem braucht, ihn zu gehen, das zeigte der Vormittag. Er zeigte aber auch, dass das kreative Potential im Rhein-Neckar-Kreis zur Genüge vorhanden ist, um den Tag auch in Zukunft würdevoll, angemessen und vor allem gut besucht zu begehen.