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Wildschweine pflügen durch Gärten

„Die Intensität, wie in diesem Jahr, hatte es noch nie“

Der Garten wurde durch Wildschweine fast komplett umgegraben.

cs

Bettina Hahne, Günter Breiling und Günther Hahne (v.l.) im Garten des Ehepaars Hahne, der durch Wildschweine fast komplett umgegraben wurde.

Da, wo noch vor kurzem alles grün war, ist jetzt nur grau-brauner Mutterboden zu sehen. „Wir haben im letzten Herbst nach dem Hauskauf alles angelegt“, sagt Bettina Hahne. Es blüht im Frühling. Dann kommt der Sommer – und mit ihm die Wildschweine. Jetzt sind die Tiere Dauergäste im Vorgarten im Hegelweg.
Ihr Lebensdomizil haben die Wildschweine im angrenzenden Grundstück. Das ist verwildert, zieht sich den Hang hoch und bietet mit tiefen Büschen und Bäumen einen idealen Unterschlupf für die Tiere. „Wildschweine sind Vagabunden. Sie ziehen von Gebiet zu Gebiet auf der Suche nach Futter“, erklärt Dietmar Fischer, zuständiger Jagdpächter des Gebiets. Futter gibt es in dem wilden Wuchs viel – von Bucheckern über Eicheln bis zu Äpfeln. Doch in diesem Sommer nicht genug. Die Hitze, die schlechte Ernte, beides Faktoren dafür, dass auch die Wildschweine neue Futterstellen suchen. Etwa in Gärten, um junge Wurzeln auszugraben und Kleinlebewesen in und auf dem Boden zu finden. „Was sie dann machen, das machen sie gründlich“, sagt Günter Breiling mit Blick auf die Verwüstung im Garten des Ehepaars Hahne. Denen wird die Intelligenz der Tiere zum Verhängnis. Die Wildschweine merken sich, wo sie Futter finden – und kommen zurück.

„Es explodiert“

Günter Breiling ist direkter Nachbar, er lebt hier seit 30 Jahren. „In den ersten zehn Jahren hatten wir keine Probleme mit Wildschweinen“, erinnert er sich. Dann hatte er sie im Garten. Auch in den letzten Jahren sieht oder hört er sie. „Aber in der Intensität, wie diesen Sommer, war das nicht“, ist er sich sicher. Das bestätigt auch Dietmar Fischer: „Es explodiert.“ Das sei nicht nur im Bereich des Wachenbergs so. Der Jagdpächter sieht die gleiche Problematik im Philosophenviertel. Doch die Hoffnung einer jägerlichen Problemlösung gibt es nicht. „Das ist alles befriedetes Gebiet“, winkt er ab. Sprich: Ein Gebiet, in dem wegen Wanderwegen, Schrebergärten, der nahen Wohnbebauung und dem daher zu hohen Risiko von Unfällen etwa durch Querschläger nicht gejagt werden darf. „Wir würden eine Sondergenehmigung sofort unterschreiben“, sagt Günter Breiling. Aber diese Möglichkeit gibt es nicht. Die Statuten des Kreisjagdamts sind eindeutig: Eine Erlaubnis zur Jagd im befriedeten Gebiet gibt es nur für Kaninchen, Füchse und Steinmarder – per Fallenaufstellung. Für andere Tiere ist sie ausgeschlossen.

Zaun als einzige Hilfe

Günther Hahne zeigt auf eine Dose im Hausflur. „Das soll helfen“, erklärt er. „Repelan“ heißt der organische Stoff, der die Wildschweine fernhalten soll. Eine Hoffnung, die auch die Hahnes hatten. Doch spätestens, als Günther Hahne nach Hause kommt und sich ein Wildschwein zwischen ihm und seiner Haustür befindet, ist diese Hoffnung dahin. Die Hahnes helfen sich mit Lärm – in die Hände klatschen, rufen. Es vertreibt die Tiere. Noch. Die Tiere werden lernen, dass ihnen nichts passiert – eine reine Frage der Gewöhnung, ist sich Dietmar Fischer sicher. Und auch das Vertreiben über eine „Duftbarriere“ werde nur einige Tage für Abhilfe sorgen. Er zeigt durchaus Verständnis für die Anwohner: Es sei eine unbefriedigende Situation, an der man kaum etwas ändern könnte. „Ein Zaun ist das einzige, was auf Dauer hilft“, sagt der Jagdpächter – vorausgesetzt er ist 1,50 Meter hoch und ca. 40 Zentimeter tief in den Boden einbetoniert. Günter Breiling weiß das aus Erfahrung. Er stellte in der Zeit der Zerstörung seines Gartens durch die Wildschweine einen Scherenzaun auf. In der Tat hält der die ausgewachsenen Tiere ab „Die Frischlinge finden aber ein Schlupfloch.“

Population steigend

Einen Zaun haben jetzt auch die Hahnes bestellt, sie hoffen, dass er noch in diesem Jahr aufgestellt wird. Günther Hahne lächelt etwas verkniffen, als er sagt, dass beide noch nie hinter einem Zaun gelebt hätten. „Wir wollten das auch hier nicht.“ Doch die zehn Kästen, in denen Bettina Hahne die von den Wildschweinen ausgegrabenen aber immerhin geretteten Pflanzen vorerst untergebracht hat, der Anblick des zu einem Acker verkommenen ehemaligen Grüns hat die Meinung des Ehepaars verändert - oder den Willen resignieren lassen. Bettina Hahne steht in ihrem Garten und schaut sich um: „Da steckte so viel Herzblut drin.“
Eine Entspannung der Situation ist nach Einschätzung von Dietmar Fischer übrigens nicht zu erwarten. Im Gegenteil: Das Gleichgewicht der durch eine Leitbache geführten Rotte, die auch die Fortpflanzung reguliert, ist laut seiner Aussage außer Kontrolle. Die Folge: „Die Population der Wildschweine wird wohl steigen.“ Er hält auch den Weg der Tiere in die Stadt, wie es etwa Berlin erlebt, durchaus für möglich. In Bio-Tonnen finden die Tiere Futter. Das gelte nicht nur für Wildschweine. Auch Füchse und Dachse könnten dadurch angelockt werden.