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Mosbacher Ratsherrenweckfeier

Die Veranstaltung geht mit der Zeit

Der Politikwissenschaftler, Friedensforscher Dr. phil. habil. Hans Günter Brauch war als Festredner zur Ratsherrenweckfeier nach Mosbach gekommen.

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Der Politikwissenschaftler, Friedensforscher Dr. phil. habil. Hans Günter Brauch war als Festredner zur Ratsherrenweckfeier nach Mosbach gekommen.

Die Mosbacher Ratsherrenweckfeier, die jedes Mal einem traditionellen Ablauf folgt, wie  etwa der Trinkspruch auf den Stifter Pfalzgraf Otto I. oder die Überreichung der Ratsherrenwecken, befand sich, was die Aktualität der Festrede angeht, einmal mehr auf der Höhe der Zeit. Politikwissenschaftler, Friedensforscher und -ökologe Dr. phil. habil. Hans Günter Brauch, beleuchtete in seinem Vortrag „Global denken und lokal handeln im Anthropozän“ den vom Menschen verursachten Klimawandel und dessen Auswirkungen.

Gerade unter dem Eindruck des Dürresommers im vergangenen Jahr stimmten die Betrachtungen den einen oder anderen doch sichtlich nachdenklich. Denn zum ersten Mal in der Erdgeschichte, so deutete es die Epochenbezeichnung „Anthropozän“, ist „der Mensch zu einem wichtigen Einflussfaktor auf die biologischen, geologischen und atmosphärischen Prozesse auf der Erde geworden ist“. Noch bevor sich Festredner Brauch den globalen Folgen des menschlichen Tuns und der Frage widmete, wie man lokal gegensteuern könne, hatte das „Quartetto Raddoppiamento“ den Abend eingestimmt. Susanne Schneider und Simone Marienfeld (Violinen), Thomas Schunk (Viola) und Andreas Schunk (Cello) hatten mit einer ihrer Eigenkompositionen mit dem bezeichnenden Namen „Let`s fetz“ die Richtung vorgegeben.

Eröffnung

Eröffnet hatten die Feier Pfarrer Dr. Stefan Rencsik und Pfarrerin Ruth Lauer in der Mosbacher Stiftskirche, die den ökumenischen Gottesdienst zelebrierten. Daran anschließend begrüßte Oberbürgermeister Michael Jann die versammelte Festgesellschaft im Rathaussaal zu „diesem Highlight im städtischen Veranstaltungskalender“, die mit einer Schweigeminute für den einen  Tag zuvor verstorbenen ehemaligen Stadtrat Hans Bühler begann. Bühler hatte fast drei Jahrzehnte lang für die SPD-Fraktion Sitz und Stimme im Stadtrat. Er wirkte u. a. als Oberbürgermeisterstellvertreter und war wegen seiner Verdienste mit der Ratsmedaille in Gold ausgezeichnet worden.

Geburtstag

Ehrengast Friedemann Weber, Bäckermeister aus Fahrenbach konnte dieser Tage seinen 70. Geburtstag feiern. Ein besonderer Willkommensgruß seitens des Oberbürgermeisters galt den Trägern der Pfalzgraf-Otto-Plakette willkommen geheißen. Das Stadtoberhaupt wies darauf hin Jann daraufhin, dass sich aufgrund der im Mai diesen Jahres anstehenden Kommunalwahl die Zusammensetzung des Gemeinderates in jedem Fall verändern werde und man deshalb so in dieser Runde vielleicht zum letzten Mal zusammen sei.

Der gebürtige Mosbacher Dr. Brauch brachte zum Ausdruck, dass er es als Ehre empfinde in diesem  Kreis sprechen zu dürfen. Er hat seine familiären Wurzeln in Mosbachs Ortsteil Reichenbuch. Sein Cousin Jürgen Brauch, Reichenbuchs Ortsvorsteher, ist seit drei Jahrzehnten im Stadtrat vertreten und sein Cousin Friedbert ist Gemeindeältester der ev. Kirchengemeinde Reichenbuch. Der Großvater des Referenten war dort Bürgermeister gewesen und sein Vater Buchbindermeister. Bücher haben in Brauchs Leben einen ganz besonderen Stellenwert. Als Leser, Autor und Herausgeber u. a. beim Wissenschaftsverlag Springer Nature in Heidelberg gilt sein Wirken dem gedruckten Wort. Das Rüstzeug dafür erwarb er sich auf zahlreichen akademischen Stationen, wie etwa an den Universitäten in Heidelberg, Harvard, Stanford, Darmstadt, Tübingen und Stuttgart.

Das „Quartetto Raddoppiamenteo“.

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Das „Quartetto Raddoppiamenteo“.

Inhalt

Eine Kernbotschaft seines Vortrags lautete, dass „wir Menschen durch unser politisches, ökonomisches und gesellschaftliches Tun für den Klimawandel verantwortlich sind und nur wir die Folgeprobleme auch lösen können“. Der Politik komme dabei eine entscheidende Rolle zu. Doch nach der Phase des schnellen Lernens und Umsetzens in den zwei Jahrzehnten von 1971 bis 1992 hätten sich die USA unter dem Einfluss ökonomischer Interessen vom Führer in der Ozonpolitik zum Bremser der Klimapolitik gewandelt.

Auch Bundeskanzlerin Merkel, die in den beiden großen Koalitionen als Vorreiterin des Klimaschutzes galt, habe es im Wahlkampf 2017 vermieden, ökologische Zukunftsfragen anzusprechen. Dabei mahnten auch Institutionen wie die europäische Kirchen die „Verantwortung für die Schöpfung“ an. Doch von einstmals rechtlich bindenden Verpflichtungen, die bei Klimakonferenzen in der Vergangenheit ausgehandelt wurden, sind die Resultate der aktuelleren Zusammenkünfte zumeist nur noch als Absichtserklärungen formuliert. Der Klimawandel ist aber, so Brauch, mitverantwortlich für blutige Kriege und damit einer oft einhergehenden Massenmigration besonders im globalisierten Süden.

Brauch schlägt deshalb auf kommunaler Ebene „die Einsetzung eines lokalen Beratungsgremiums aus Vertretern der Wirtschaft, Wissenschaft, des Bildungssektors und der Gesellschaft sowie der Politik“ vor, um die Diskussion über „eine ökologische Transformation der Industriegesellschaft in Gang zu setzen“.