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Auf einem guten Weg

Ein halbes Jahr Schwetzinger Fahrradwerkstatt

jr

Schwetzingens Integrationsbeauftragter Markus Liu-Wallenwein und Rita Erny (v.l.) sind ebenso begeistert von der Arbeit von Philipp Jörres (r.) und Markus Geier (dahinter), wie die Kunden der Radwerkstatt.

Gut sichtbar prangt ein großes Fahrrad auf dem weißen Garagentor. Radwerkstatt steht darüber. Sechs Monate ist es her, seit die kleine Werkstatt in der Garage des städtischen Anwesens Luisenstraße 18 (ehemals Kaiser Friedrich), Ecke Schulstraße ihr Tor geöffnet hat. Im Hof wird indes eifrig geschraubt, daneben spielen die Kinder aus dem benachbarten Wohnhaus, es herrscht emsiges Treiben.

Ruhe vor dem Sturm

Anfang des Jahres sah das noch anders aus. Die ersten drei Monate nach der Eröffnung im Januar verliefen für Markus Geier und seine Mitstreiter noch ganz entspannt. „Wir hatten unsere Ruhe“, erinnert sich der ehrenamtliche Radschrauber zurück, „konnten uns erst einmal sortieren und schauen, was wir an Sachspenden bekommen haben, um diese dann – das eine mit mehr, das andere mit weniger Aufwand – in Stand zu setzen.“ Inzwischen verfügt die Werkstatt über einen Fundus von 15 bis 18 Fahrrädern, die zum Verkauf bereitstehen. Rechtzeitig zur Fahrradsaison, die sich nicht zuletzt wegen des Sommerwetters für die Ehrenamtlichen als äußerst betriebsam herausstellte.

Fahrrad lebensnotwendig

Vor der Einrichtung der Werkstatt waren die Ehrenamtlichen aus dem Arbeitskreis Integration noch für die Anschaffung von Gebrauchträdern für ihre Schützlinge aufgekommen, doch schnell überstieg die Nachfrage die Möglichkeiten. „Die Spendengelder reichten da nicht mehr aus, die sind auch für andere Sachen gedacht“, meint Arbeitskreis-Sprecherin Rita Erny. Sie weiß, dass ein funktionierendes Rad für viele Flüchtlinge essentiell ist. Viele befinden sich inzwischen in der Ausbildung, arbeiten in Hockenheim, auf dem Grenzhof, in Heidelberg. Und Geier ergänzt: „Ein Kunde macht eine Bäckerausbildung in Friedrichsfeld. Nachts fährt da keine Bahn, das Fahrrad ist das einzige Verkehrsmittel.“ Deshalb also die Lösung Fahrradwerkstatt.

Werkstatt für alle

Geier betont aber auch: „Wir sind keine reine Werkstatt für Flüchtlinge.“ Vielmehr ist die Werkstatt - ähnlich wie die Kleiderstube - offen für alle bedürftigen Schwetzingerinnen und Schwetzinger. Einzige Voraussetzung: Der Tafel-Pass vom hiesigen „Appel+Ei“-Laden. Inzwischen hält sich der Kundenanteil die Waage, erklären die Macher.

Freude machen

„Ich finde, das ist eine ganz tolle Einrichtung hier“, ist auch Anna Kirchner, die sich im Arbeitskreis Integration engagiert, überzeugt. „Ich habe zum Beispiel letztens ein Mädchen aus Somalia glücklich gemacht. Sie hatte sich sehnlichst ein Fahrrad gewünscht. Da sie auch zwei Brüder hat, hab ich ihr ein violettes gekauft“, lacht sie. „Das hat mich selbst so glücklich gemacht, zu sehen, dass man für ein paar Euro jemanden so eine Freude machen kann.“ Am Anfang sei das Mädchen noch recht wackelig unterwegs gewesen, „heute gibt es kein Entrinnen mehr“, schmunzelt Markus Geier – und wie auf das Stichwort kommt die stolze Fahrrad-Neubesitzerin ums Eck gefahren. Philipp Jörres montiert ihr heute einen Fahrradkorb.

Hilfe zur Selbsthilfe

„Hilfe zur Selbsthilfe“ lautet das grundsätzliche Prinzip der Werkstatt: Man will kein Dienstleister sein, sondern die Lust am Selber-Reparieren wecken. „Philipp macht das mit Bravour“, lobt Markus Geier seinen Kollegen. So musste auch die kleine Kundin aus Somalia mal zu Lötzinn und Lötkolben greifen. „Es hat ihr unglaublich Spaß gemacht“, lacht Anna Kirchner. Natürlich geht das nicht immer, gerade bei komplizierteren Reparaturen muss ja auch die Verkehrssicherheit gewährleistet sein. „Wenn jemand mit acht intakten Speichen am Rad kommt, muss ich ihm sagen, das geht so nicht mehr“, erklärt Geier, auch wenn er dann des Öfteren zu hören bekommt, „in meinem Land wäre das kein Problem.“ Die Lust am Selbstschrauben zu wecken und nebenbei etwas Verständnis für die Verkehrsregeln zu schaffen, das ist nur eine von vielen positiven Aspekten, die das Werkstattteam auszeichnen.

Mitstreiter gesucht

Neben Markus Geier und Philipp Jörres besteht der „harte Kern“ aus Wolfgang Schuy und Tamas Solymosi. „Wenn wir das verdoppeln könnten, wäre es toll“, hofft Geier. Vier Mitarbeiter – das kann manchmal ganz schön stressig werden. „Wir wünschen uns ein Vielfaches.“ Nett, aber vor allem kompetent sollten sie sein, die potentiellen Mitstreiter. Und stressresistent. Denn an manchen Donnerstagen herrscht schon reger Andrang in der kleinen Garage und dem Hof.

Transparente Preise

Zwischen 25 und 50 Euro kostet ein Rad aus der Werkstatt – der Wert bemisst sich nicht nach investierter Arbeitszeit, sondern lediglich am Wert des Materials das ausgetauscht werden musste. „Alles ganz transparent“, erklärt Geier. 11 Kunden konnte inzwischen ein „Neues Gebrauchtes“ vermittelt werden, gegen Spende des eingesetzten Materialwerts. Rund 30 Personen kamen bereits einmal oder öfters vorbei: Vom Platten über eine lose Kette hin zu defekten Bremsen war alles dabei.

Gutes Miteinander

Das Verhältnis zu der Nachbarschaft hat sich inzwischen auch eingependelt. Zwar habe es anfangs Kritik gegeben, wurden Befürchtungen nach „wild“ abgestellten Rädern und Lärm laut, inzwischen sei dies aber größtenteils vorbei. „Man grüßt sich freundlich“, so Geier. Auch manche Sachspenden aus der Nachbarschaft haben schon den Weg in die Werkstatt gefunden.

Kein Abstellplatz

Die „wild“ abgeladenen Fahrräder sind allerdings tatsächlich ein Problem, weshalb das Werkstatt-Team bittet, Räder nur zu den Öffnungszeiten vorbeizubringen. Denn oftmals würde ein fachmännischer Blick des Personals ausreichen, um zu erkennen, dass das - sicherlich in guter Absicht -gespendete Rad eher ein Fall für den Sperrmüll ist. Im besten Fall lässt sich ein solches dann noch ausschlachten – aber, erklärt Markus Geier das eigentliche Problem: Die Vielzahl an unterschiedlichen Herstellern und die fehlende Kompatibilität der Teile machen das Kombinieren schwer. „Heute passt einfach fast nix mehr zu nix.“ Wenn gar nichts mehr hilft, muss das Radwrack entsorgt werden. Auf Stadtkosten, was ärgerlich ist. Viel Platz ist eben auch nicht da für große Vorräte: „Wir haben hier ja kein Hochregallager.“

Sicherheit gewährleistet

Dafür ein ausgeklügeltes Sicherheitssystem: Mit dem Rad gibt es den Radpass der Polizei – eine Art Besitzurkunde, verbunden mit einem Aufkleber am Rahmen, der mit einer Nummer versehen eine Rückverfolgung zur Werkstatt möglich macht. Dass das leider nicht komplett gegen Diebstahl schützt, musste der erste Kunde der Werkstatt leidvoll erfahren. „Der hatte sein Rad einen Tag, war total happy, einen Tag später hat er es geklaut bekommen“, erinnert sich Markus Geier.

Auf einem guten Kurs

Doch trotz solcher kleiner Rückschläge sehen die vier sich auf einem guten Kurs. An Ideen für die Zukunft mangelt es nicht: So wollen sie sich in den kommenden Monaten verstärkt präsentieren – vielleicht mit einem Fahrradparcours auf einem der städtischen Feste. Oder mit einer Fahrradpatenschaft: Hier könnten Interessierte sich, wenn sie handwerklich begabt sind, auch mit Freizeitengagement am Restaurieren eines Rades beteiligen. Punktuell, nur für ein Projekt, wer bleiben will, darf natürlich weitermachen. „In Zeiten von Co- und Crowdfunding sollte sowas doch möglich sein“, meint Geier. Und wer zwei linke Hände hat, sich aber trotzdem einbringen möchte, kann sich auch finanziell beteiligen: „Zwei Schläuche und Mäntel kosten nicht die Welt.“

Positiv in die Zukunft

„Jeder, der mal gesehen hat, was wir hier machen, findet das eigentlich gut“, lautet das Fazit Geiers, der sich und seine Kollegen auf einem guten Weg sieht. „Ich glaube Dinge, die gut sind, brauchen manchmal einfach etwas Zeit, um sich zu entwickeln“, meint Anna Kirchner im Laufe des Gesprächs. Die Werkstatt ist sicher eine gute Sache.

Wer sich an der Fahrradwerkstatt beteiligen will, kann per E-Mail Kontakt aufnehmen zu info@asyl-ak-schwetzingen.de oder einfach zu den Öffnungszeiten vorbeischauen.

Öffnungszeiten

Do., 17 – 19 Uhr
Luisenstraße 18
(Eingang im Hof)