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Friedrich Hölderlin auf Reisen

Ein junger Dichter entdeckt die Kurpfalz

Friedrich Hölderlin

Franz Karl Hiemer / Staatliche Schlösser und Gärten

Friedrich Hölderlin

Im Alter von 18 Jahren reiste Friedrich Hölderlin zum ersten Mal in die Kurpfalz: Vor genau 232 Jahren, am 3. und 4. Juni 1788, besuchte der junge Dichter die Schlösser in Heidelberg, Schwetzingen und Mannheim. Sein Reisebericht beschreibt die Faszination, die die kurfürstlichen Schlösser auf ihn ausübten. Besonders die zerstörte Residenz hatte es ihm angetan: In seiner Ode „Heidelberg“ setzte der geniale Lyriker der „schicksalskundigen Burg“ ein Denkmal. In Schwetzingen rühmte er die „außerordentliche Schönheit“ der gerade erbauten Architekturen des Schlossgartens und in Mannheim staunte er über „prächtigste Gebäude“. 2020 ist das Hölderlin-Gedenkjahr: Der Dichter wurde vor genau 250 Jahren, im Jahr 1770, in Lauffen am Neckar geboren.

Drei Schlösser in zwei Tagen

Am 3. und 4. Juni 1788 reiste der achtzehnjährige Friedrich Hölderlin von seiner schwäbischen Heimat aus zum ersten Mal in die Kurpfalz: Zusammen mit seinen Reisebegleitern, seiner Cousine Ernestine Friederike und deren Ehemann Johann Friedrich Blum, entdeckte er an diesen beiden Tagen die kurfürstlichen Schlossanlagen in Schwetzingen, Heidelberg und Mannheim. In Briefen an seine Mutter schildert er seine Eindrücke aus diesen drei Städten mit ihren Sehenswürdigkeiten – und natürlich der drei Schlösser. Der Dichter ist von ihnen fasziniert: nicht nur vom Alter des Heidelberger Schlosses, sondern auch von zwei aktuellen Architekturprojekten: dem Schlossgarten in Schwetzingen und der Planstadt Mannheim mit ihrem Barockschloss. Der Heidelberger Schlossruine setzte Hölderlin in seiner Dichtung ein Denkmal – und wurde damit zu einem der Begründer des Ruhmes von Stadt und Schloss.

Die „ländlichschönste“ Stadt

Mehrere Besuche in Heidelberg inspirierten Friedrich Hölderlin zu seinem Gedicht über die „ländlichschönste“ der „Vaterlandsstädte“: Über den ersten Besuch am 3. Juni 1788, bei seiner ersten Reise über die engere Heimat hinaus, berichtete der Achtzehnjährige nach der Rückkehr in die evangelische Klosterschule in Maulbronn der Mutter in Nürtingen: „Von Schwezingen nach Heidelberg hatten wir drei Stunden lang schnurgerade Chaussee – und auf beiden Seiten alte, eichengleiche Maulbeerbäume. Ungefär um Mittag kamen wir in Heidelberg an. Die Stadt gefiel mir außerordentlich wohl. Die Lage ist so schön, als man sich je eine denken kan. Auf beiden Seiten und am Rüken der Stadt steigen steile waldichte Berge empor, und auf diesen steht das alte, ehrwürdige Schloß. ... – Ich stieg auch hinauf, und machte eine Wallfahrt zu dem berühmten Heidelberger Faß, dem Symbol so manches Zechers, dem Bonmot so manches Trinklieds. Es ist wirklich so groß, daß man oben ganz bequem herumtanzen kann. Es sind Schranken auf ihm, daß man ohne Gefahr darauf gehen kann. Aber das kann ich versichern, daß ein Fall von seiner Höhe mir eben so unangenehm wäre, als aus meinem Klosterfenster.“ Zum zweiten Mal kam Hölderlin sieben Jahre später durch Heidelberg, im Juni 1795, nachdem er die Universität Jena verlassen hatte. Drei Jahre später entstand der erste Entwurf der berühmten Heidelberg-Ode, die 1801 veröffentlicht wurde. Die ersten Zeilen lauten: „Lange lieb' ich dich schon, möchte dich, mir zur Lust / Mutter nennen und dir schenken ein kunstlos Lied / Du, der Vaterlandsstädte / Ländlichschönste, so viel ich sah.“

„Ausserordentliche Schönheit“ des Schlossgartens

Den Schlossgarten in Schwetzingen besuchte Hölderlin ebenfalls am 3. Juni, bevor er nach Heidelberg weiterreiste. Besonders die Gartenarchitekturen hatte es ihm angetan. Im Brief an seine Mutter beschreibt er seine Eindrücke des „berühmten kurfürstlichpfälzsichen Lustgartens“ und vergleicht sie mit den herzoglichen Schlossanlagen in Stuttgart: „Beschreibung ist hier wenig. Man muß die Pracht – die außerordentliche Schönheit der Kunst – die ausgesuchten Gemälde, die Gebäude, die Wasserwerke, u.s.w. selbst gesehen haben – wenn man sich einen Begriff davon machen will. Doch eins muß ich nennen. Es ist hier eine türkische Moschee (Tempel) angelegt, die mancher der sie sieht unter den vielen Schönheiten, vielleicht vergißt, aber mir gefiel sie am besten. Das ganze ist, was Hohenheim, und die Solitude mit einander – meinem Begriff nach.“

„Prächtigste Gebäude“ in Mannheim

Von Heidelberg und Schwetzingen aus reiste Hölderlin mit seiner Cousine und deren Mann zum Abschluss ihres Kurpfalz-Aufenthaltes in die Residenzstadt Mannheim, wo sie zum 4. Juni blieben. Hölderlin zeigt sich besonders beeindruckt von den Dimensionen der Stadt, des Schlosses und „prächtigsten Gebäuden“, wie er seiner Mutter in einem Brief mitteilt: „Die Stadt ist beinahe zweimal größer, als Stutgard. Das fürstliche Schloß sieht man aus den meisten Gassen. Die Gebäude manchen jedesmal ein großes Viereck. … Ich blieb noch bis morgens 10 Uhr in Mannheim, in welcher Zeit ich den Hofkammerrat Dillenius, einem Oncle von meinem Märklin, besuchte, und sehr viel Höflichkeit genoß – Ich machte noch einen flüchtigen Strich durch die vornehmste[n] Gassen der Stadt, besahe das Schloß u. das Bollwerk, u. überall fand ich Paläste, die mich mit Staunen erfüllten. Unterdessen hatten meine Gefährten sich reisfertig gemacht, ich sprang in die Chaise, und trennte mich ungern von einem Ort, in welchem ich noch so viel merkwürdiges sehne, noch so manchen neuen Begriff mir hätte erwerben können.“