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Brüder Löwenherz im theater am puls

Ein Wiedersehen in Nangijala

tap/Nicole Böhm

Aus Jonathan (Nicolas Abel) und Karl „Krümel“ Löwe (William Corbett) werden in Nangijala die mutigen Brüder Löwenherz.

Und wieder ist es Astrid Lindgren: Klar, die schwedische Kinderbuchautorin, deren Geburtstag sich dieser Tage zum 110. Mal jährte, hat die Kinder- und Jugendliteratur des letzten Jahrhunderts entscheidend geprägt. Da nimmt es nicht groß Wunder, dass auch die Bühnenfassungen der Bücher auch auf deutschen Theaterbühnen hoch im Kurs stehen.

Wohl kaum ein Kind in Deutschland kennt nicht eine ihrer Figuren, von Michel, dem Lausbub über Pippi Langstrumpf bis hin zu Ronja Räubertochter, die auch schon im theater am puls über die Bühne tollte. Doch im Schatten ihrer literarischen Brüder und Schwestern leben im Lindgren’schen Universum auch Figuren wie Jonathan und Krümel, vielleicht nicht ganz so bekannt, aber nicht weniger liebens- und erlebenswert als Ronja & Co. Ihnen kann man aktuell im theater am puls begegnen.

Tabubruch

In der aktuellen Spielzeit wagt sich tap-Hausregisseur Joerg Steve Mohr an Lindgrens wohl sperrigstes und emotionalstes, aber auch poetischstes und revolutionärstes Werk. In „Die Brüder Löwenherz“ bricht Lindgren mit einem großen Tabu: Erstmals hält der Tod Einzug in die heile Welt der Kinderbücher, wird das Sterben, sonst von Kinderbuchautoren der Zeit ausgeblendet, selbst zum Thema. Harter Tobak also, selbst für Erwachsene. Doch Mohr packt das Thema sensibel und einfühlsam an und schafft es so, selbst den bedrohlichen Seiten der Vorlage die Düsterkeit zu nehmen.

Klarer Stil

Wer seine letztjährige Inszenierung „Das Dschungelbuch“ gesehen hat, dem fällt wohl auf: Mohr ist seinem Stil treu geblieben. Elemente des Erzähltheaters – sprich lange Passagen der Handlung in Personenrede überzuführen - dominieren, dazu kommt ein eher kleines Ensemble mit wenigen Schauspielern (insgesamt sieben), die aber in viele Rollen schlüpfen. Das kann – gerade bei kindlichem Publikum – schnell mal schiefgehen, hier geht das Konzept aber voll auf. Es herrscht eine nahezu gespenstische Stille, so gefesselt sind Kinder und Erwachsene von der Handlung, von dem Moment an als William Corbett alias Karl „Krümel“ Löwe im weißen Nachthemd die Bühne betritt, bis zu dem Augenblick, in dem ein Sprung in eine neue Welt Krümel in die Freiheit und das Publikum aus dem Theater entlässt.

Ein Versprechen

„Wir sehen uns in Nangijala“. Dieses Versprechen gibt Jonathan Löwe (Nicolas Abel) seinem kleinen todkranken Bruder Karl, genannt Krümel mit. Nangijala wird für Krümel Sehnsuchtsort – eine Welt ohne Schmerzen und voller Hoffnung, ein Versprechen auf ein Leben nach dem Tod, ein Ort voller Abenteuer und ohne Sorgen. Umso größer ist der Schock für Karl, als sein geliebter Bruder sich ohne ihn aufmacht in diese Welt, die er ihm Abend für Abend am Krankenbett in den buntesten Farben ausgemalt hatte. Denn beim Versuch ihn, den kranken Bruder, aus dem brennenden Haus zu retten, stirbt Jonathan. Und obwohl sein großer Bruder so posthum zu seinem Ehrentitel Löwenherz kommt, ist Karl untröstlich und seht sich nach nichts mehr, als dass der Traum von Nangijala Wirklichkeit wird.

Klos im Hals

Wenn Krümel seine Leidensgeschichte in der Retrospektive gewissermaßen aus der Außensicht kommentiert – Mohr löst dies genial mit einer Filmprojektion, wächst auch bei manchem Zuschauer ein dicker Klos im Hals. Doch das freudige Wiedersehen der Brüder in Nangijala offenbart Karl: Auch das Paradies hat seine Schattenseiten. Den grausamen Tengil, der die Bewohner unterjochen will zum Beispiel, seine Tengilmänner, die die Herrschaft des Tyrannen brutal durchsetzen und das Ungeheuer Katla, das zur Vollstreckerin tausender Todesurteile wird.

Freiheit und Freundschaft

Und gleichzeitig offenbart sich hier Lindgrens ganze erzählerische Genialität: Nicht nur Sterben, Tod und Wiedergeburt thematisiert die zeitlebens für Frieden eintretende alternative Nobelpreisträgerin, sondern auch der Kampf um Freiheit wird geschickt miteingewoben. „Es gibt Dinge, die man tun muss, auch wenn sie gefährlich sind. Weil man sonst kein Mensch ist, sondern ein Haufen Dreck.“ Was Jonathan seinem Bruder Karl da erklärt, ist nichts anderes als der Brecht’sche Imperativ „Wenn Recht zu Unrecht wird, wird Widerstand zur Pflicht“. „Die Brüder Löwenherz“ ist eine einfühlsame Geschwistergeschichte, ein Heldenepos und eine Parabel auf Freiheit zugleich. Dieser Aspekt des Märchens kommt in der Schwetzinger Inszenierung besonders zum Tragen und so gibt der Freiheitskampf von Karl und Jonathan Löwenherz im Kirsch- und Heckenrosental nach dem schwermütigen Prolog den Plot für ein spannendes Abenteuer in bester tap-Familienstück-Manier.

Minimalismus

Dazu kommen der Einsatz von moderner Technik und Teresa Ungans ebenso minimalistisches wie geniales Bühnenbild: Ein paar Holzkisten, Tücher, eine flexible Leinwand, einen Beamer und jede Menge Papier - Mehr braucht es nicht, um die Zuschauer in ein Wirtshaus, einen Pferdestall, eine Höhle oder den Garten im Kirschblütental zu versetzen. Daneben beweisen auch die zwei Hauptdarsteller wieder einmal, dass Mohrs Credo, Kinder und Jugendliche auch mit solchen zu besetzen, genau richtig ist: Sowohl William Corbett als auch Nicolas Abel zeigen eindrücklich, dass schauspielerisches Talent nichts mit Alter und Erfahrung zu tun haben muss.

Vielseitiges Ensemble

Auch das übrige Ensemble glänzt. Michael Hecht vor allem von seiner dunklen Seite, als Tengil (in bester Blofeld-Manier mit Angorakatze) oder als fieser seifenblasenblasender Tengilmann. Daniele Veterale als sein Kompagnon, dessen Gemeinheit mit seiner Fistelstimme so gar nicht korrespondieren mag, aber auch als entschlossener Freiheitskämpfer Orwar. Markus Meier fügt seinem Abo auf zielsichere Rollen am tap mit dem Bogenschützen Hubert eine neue hinzu. Michelle Brubach übernimmt die weiblichen Rollen des Stückes – von der trauernden Mutter über die Stute Fjylar bis zur mutigen Sophia und auch tap-Stamminventar Klaus Herdel überzeugt mal wieder: als verräterisch schleimiger Wirt Jossi, aber auch als sein Gegenpart, der greise Rebellenführer Mathias, mit dem Karl einen neuen Großvater bekommt.

Als Astrid Lindgren 1973 Krümel und Jonathan auf die literarische Weltbühne brachte, dominierten zwei Meinungen die Kritik, nicht zuletzt, da das Thema Tod in der Kinderliteratur der Zeit noch ein Tabu war. Viele sahen das Märchen als zu ernsthaft und für Kinder ungeeignet an, andere kritisierten den vermeintlichen Selbstmord als Ausweg. Setzt man jedoch eine unseren von christlichen Bildern geprägten Augen eher fremde Brille auf, wird das Bild klarer. Denn das ewige Rad aus Sterben und Wiedergeburt, Werden und Vergehen dreht sich in anderen Religionen dieser Welt viel selbstverständlicher und so ist auch Nangijala für Karl und Jonathan nur eine Durchgangsstation, hat auch hier der Tod keine Macht. Man sieht sich schließlich wieder: In Nangilima. Oder eben im Theater.