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Kloster und Schloss Salem

Eine "wundersame" Marienstatue im Salemer Münster

Mater dolorosa

SSG

Mater dolorosa im Salemer Münster

In der christlichen Welt ist der Mai der Monat der Marienverehrung. In vielen Kirchen stehen in dieser Zeit reich geschmückte Mai-Altäre, Andachten werden gefeiert und Marienlieder erklingen. Die Mai-Andachten sind erstmals Ende des 18. Jahrhunderts in Italien bezeugt und breiteten sich dann im 19. Jahrhundert als frommes Brauchtum in ganz Europa aus. Doch auch die Zisterzienser hatten eine lange Verehrungstradition. Als Patronin des Zisterzienserordens sind alle Klöster zu Ehren der Muttergottes errichtet. Die Marienverehrung knüpft dabei an den heiligen Bernhard an, der als Begründer der Marienmystik des Mittelalters gilt. Auch im Salemer Münster zeigt sich dies in der Ausstattung. Besonders hervorzuheben ist dabei die Statue der Mater Dolorosa, um die sich zahlreiche Geschichten ranken.

Schmerzensreiche Mutter Gottes

Gleich rechts neben dem prächtigen Hauptaltar steht ein Altar mit der Statue der „Mater Dolorosa“. Er wirkt auf den ersten Blick eher unscheinbar, doch spielt gerade er in der Geschichte der Salemer Mönche eine große Rolle. Die Madonna steht von einem Strahlenkranz umgeben hoch über den Gläubigen und blickt auf diese herab, ihre ausgestreckten Hände im Gebet gefaltet. Das Schwert in der Brust deutet auf ihren Schmerz über den Tod Jesu hin, wobei das Motiv auf der Vorhersage des alten Simeon basiert: „Dir selbst aber wird ein Schwert durch die Seele dringen“ (Lk. 2,35 EU).

Begleiterin und Trösterin in der Not

Betrachtet man sie, so denkt man, man hätte ein barockes Werk vor sich – denn mit ihren dramatischen Gesten und ihrem milden Gesicht wirkt sie äußerst lebendig; zudem ist sie pompös mit Blattgold verziert. Doch die Marienstatue ist viel älter. Vermutlich wurde sie um 1588 von dem Bildhauer Virgil Moll geschaffen und ist damit eine der wenigen bekannten Darstellungen dieser Art im 16. Jahrhundert. Im Salemer Münster zählt sie zu den ältesten dort aufgestellten Statuen und dient, seitdem sie ihren Platz in der Klosterkirche gefunden hat, als Ort der Anbetung, der Zuflucht und des Trostes. Vor ihr versammelte sich in der Neujahrsnacht alljährlich der Konvent, um das neue Jahr der Gottesmutter anzuempfehlen. Und ebenso wurden hier in jedem November die Ordensgelübde erneuert. Auch am Abend des 21. November 1804 suchten die Mönche bei der Mater Dolorosa Trost. Vor ihrer Statue erklang das letzte „Salve Regina“ des Salemer Konvents, ehe die Mönche das Kloster nach der Säkularisierung endgültig verließen.

Ein Wunder im Dreißigjährigen Krieg

Von der Salemer Mater Dolorosa werden viele Geschichten von Wundertätigkeiten berichtet. So soll sie mehrfach Tränen vergossen und damit auf Unheil hingewiesen oder helfend eingegriffen haben. Von einem solchen Ereignis aus dem Dreißigjährigen Krieg berichtet das „Apiarium Salemitanum“ – eine Salemer Chronik aus dem 18. Jahrhundert: „Als am 16. Mai 1634 die Schweden Überlingen belagerten, kamen etwelche Schottländer ins hiesige Münster und sahen dieses Bild weinen. Da ließen sie einen an einer Leiterlein hinaufsteigen, um zu sehen, ob die Tränen wahrhaftige seien. Der wischte mit einem Tüchlein die Zähren ab; aber es waren gleich frische vorhanden und dies so oft, als er die Tränen abwischte, bis er endlich bekannte, er richte nichts aus, es kämen immerdar wahrhafte Tränen hervor. Worauf sie alle ein heimlicher Schrecken ankam, so daß der beiwohnende Offizier befahl, alle ferneren Gewalttaten alsbald einzustellen (…)“.

Kein Erbarmen mit Spöttern

Wie es übermütigen Spöttern ergehen kann, zeigt dagegen eine Szene im Hintergrund eines Porträts von Abt Thomas I. Wunn (reg. 1615 - 1647): Abgebildet ist die an einem Pfeiler stehende Statue der Mater Dolorosa, daran angelehnt eine Leiter, von der ein Mann rücklings herabstürzt. Illustriert ist hier eine Erzählung, die ebenfalls aus dem „Apiarium Salemitanum“ überliefert ist. So stieg ein schwedischer Soldat zur „Schmerzhaften Muttergottes“ empor, zog sein Schwert und forderte Maria im Beisein seiner lachenden Kameraden zum Kampf auf. Die Strafe folgte auf dem Fuß: Er stürzte von der Leiter und bekannte unter großen Schmerzen, die Mutter Gottes hätte ihn geschlagen. Weiter wird erzählt, dass er „schrie immerfort, er werde von einem Weibe gebrennt und verbrennt, unter welchem gotteslästerlichem Geschrei er auch seinen unglückseligen Geist ausgeblasen“.

Ein Wunder beim Klosterbrand

Ein weiteres Wunder der Salemer Mater Dolorosa soll sich am Vorabend des Klosterbrandes vom 9. März 1697 ereignet haben. So ist überliefert, dass der Prior und spätere Abt Stephan Jung (reg. 1698 - 1725) bei seinem Gebet am Altar die Marienstatue weinend und damit auf das Unheil hindeutend gesehen hat. In der schicksalhaften Brandnacht rief man die Mutter Gottes um Hilfe an – und tatsächlich: Die Flammen verschonten das Münster weitestgehend. Die Marienstatue war über die Zeiten Begleiterin und Schützerin des Klosters Salem und steht auch heute noch an Ort und Stelle – Tränen sind jedoch seitdem nicht mehr geflossen.