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UNESCO-Denkmal Kloster Maulbronn

Entstand die Maultasche im Kloster Maulbronn?

Maulbronn

Laura Hinz / ssg

Osterbrunnen in Maulbronn 2019

Kloster Maulbronn, die Heimat der Maultasche – das ist eine Geschichte, die schon vom Wortklang her sofort einleuchtet. Ganz klar, kluge Mönche waren es, die vor Jahrhunderte die traditionsreiche Fastenspeise erfanden! Dass da ein paar historische Fakten nicht ganz stimmen – das wissen nur die Eingeweihten.

Die Maultasche aus Maulbronn – eine berühmte Geschichte

Ein ehrwürdiges mittelalterliches Kloster als Monument der kulinarischen Tradition? So lässt sich das berühmte UNESCO-Denkmal Maulbronn auch anschauen. Und das liegt nicht nur daran, dass hier im Kloster immer wieder der Ursprung eines süddeutschen Küchenklassikers angesiedelt wird. Die Maultaschen, klassisches Gericht der Fastenzeit vor Ostern, sollen nämlich in der Klosterküche von Maulbronn erfunden worden sein. „Das ist bei Führungen immer auch ein Thema: Vor allem Gäste, die von weiter herkommen, kennen alle die Geschichte“, sagt Dr. Petra Pechaček, als Konservatorin der Staatlichen Schlösser und Gärten Baden-Württemberg für das UNESCO-Denkmal zuständig. „Ganz klar: Bei dieser Erwartung setzt dann auch das Team in Maulbronn ein und erklärt die Geschichte bei den Führungen – mit einem gewissen Augenzwinkern.“

Eine oft erzählte Legende

Der Legende nach sollen die Mönche einmal ein saftiges Stück Fleisch geschenkt bekommen haben – in der Fastenzeit, in der es streng verboten war, Fleischliches zu genießen. Um das kostbare Gut nicht verderben zu lassen, sei ein findiger Zisterzienser in der Klosterküche auf die Idee gekommen, das Fleisch fein zu hacken und es, mit Grünzeug vermischt, in Nudelteigtaschen zu verstecken. Die Maultasche war geboren!

Die Geschichte hinter der Legende

Die Legende von der Erfindung der „Herrgotts-Bescheißerle“, so anschaulich sie klingt, stimmt gleich an mehreren Ecken und Enden nicht – aber sie bleibt eine gute Geschichte. Und sie hat längst ihr Eigenleben entwickelt: Von den Alpen bis zur Nordsee kennt man Maulbronn als Heimat der Ur-Schwabenspeise. Und jetzt, in der traditionellen Fastenzeit, liest und hört man die historische Herleitung der Maultasche aus der Klosterküche des UNESCO-Welterbes in allen Medien. Was stimmt also alles nicht?

Speiseregeln sprechen gegen die Story

Das Erste: die Sache mit dem Fleisch. Im Zisterzienserkloster war es, so lauteten die strengen Speiseregeln, verboten, das Fleisch von Vierfüßlern zu essen, und diese Regel galt zwölf Monate im Jahr. Dass also ein ordentliches Stück Fleisch, womöglich vom Rind oder Schwein, während einer der zahlreichen Fastenzeiten in der Klosterküche gelandet wäre – das ist eigentlich historisch kaum vorstellbar. Und das Zweite: Der Nudelteig, in dem der findige Koch das gute Fleisch versteckt haben soll, braucht Eier! Und für die galt, dass ihr Genuss während der strengen Fastenzeiten nicht erlaubt war.

Vielleicht doch eher eine Maulschelle

Schließlich: der Name. Das Wort „Maultasche“ lässt sich historisch nachweisen: Bei Martin Luther im 16. Jahrhundert wird es Sinn von „Ohrfeige“ benutzt. „Tasche“ geht dabei auf „tätschen“ im Sinne von „Schlagen“ zurück – und hat mit einer Teigtasche nichts zu tun. Bis vor einigen Generationen verwendete man auch noch die „Maulschelle“ – ein heute verlorenes Wort. Wohl erst ab dem 18. Jahrhundert findet man Nachweise, dass eine Maultasche etwas zum Essen ist: Das berühmte Grimmsche Wörterbuch etwa gibt an, dass Maultasche in Schlesien ein Gebäck sei, in Schwaben aber eine gefüllte Nudel.

Leckere Maultasche

Pixabay / Tilman Strobel

Maultasche

Kloster Maulbronn - ein Ort voller Genuss

Bei aller historisch korrekten Herleitung: Wer jemals Kloster Maulbronn erlebt hat, weiß, warum man auf die Idee kommt, dass die beliebte Nudeltasche gerade von hier kommen muss. Wenn man sich an einem freundlichen Tag dem Kloster nähert, dann fällt es ganz leicht, an Köstliches aus der Klosterküche zu denken. Das liegt vor allem an der fruchtbaren Landschaft des Kraichgaus, die Maulbronn umgibt. Felder, Obstwiesen und vor allem Weinberge prägen das Bild. Das ist das Verdienst des Klosters: Jahrhundertelang wirtschafteten hier die geschickten Mönche des Zisterzienserordens. In heutigen Worten: Sie waren bekannt für ihr Know-how in Agrartechnologie.

Maultaschen passen nach Maulbronn

Wo die Zisterzienser siedelten, schufen sie fruchtbare Landschaften. Über alle Epochen und Zeiten hin hat sich diese Struktur in Maulbronn erhalten – bis hin zu einer ganz besonderen Zisterzienserspezialität: Die Mönche waren führend in der Wasserwirtschaft. Die Teiche und Kanäle finden sich heute noch in der idyllischen Landschaft im weiten Umkreis um das UNESCO-Denkmal. Und in der Klosteranlage selbst sind noch fast alle Wirtschaftsgebäude erhalten, bis hin zur mächtigen Zehntscheuer, in deren Kellern und Böden die reiche Ernte aufbewahrt wurde. „Daran knüpfen wir natürlich bei der Vermittlung an“, erklärt Konservatorin Pechaček. „Vom Klosterhof aus sieht man den alten Weinberg, den die Zisterzienser angelegt haben. Die Leistung der Mönche liegt hier so anschaulich vor Augen – da ist die Maultasche mit ihrer berühmten Geschichte nur ein Maulbronner Appetithappen“.