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Appell für ein faires Miteinander

Ex-Fußballprofi Michael Sternkopf und sein bewegtes Leben

Michael Sternkopf

hjo

Später brach der heute 49-Jährige unter dem extremen Leistungsdruck zusammen, kämpfte gegen Depressionen und Burnout, nahm Drogen, um der realen Welt zu entfliehen. Heute reist er durch die Republik, hält Vorträge, erzählt von seinem Leben, wirbt für ein faires Miteinander, sensibilisiert die Menschen. Dass es dem Vater eines 14-jährigen Sohnes, der dreimal verheiratet war („Das passte zu meinem Leben“) und heute in Gießen lebt, wieder gut geht, verdankt er nach eigener Aussage nicht zuletzt seinem Glauben an Gott. „Im April 2018 lud ich Jesus in mein Herz ein und spüre von Tag zu Tag mehr innere Befreiung von Ängsten, Zweifeln, Unruhe und anderen Dingen, die mich früher belastet haben“, eröffnete Sternkopf kürzlich bei einem gut zweistündigen, unterhaltsamen Vortrag in der Region Bruchsal. 

Rückblick

„Ich bin nicht bibelfest, gehe jedoch regelmäßig in die Kirche. Dies war mein bester Wechsel“. In einem behüteten Elternhaus aufgewachsen, begann er mit fünf Jahren beim SC Nordwest Karlsruhe mit dem Fußball und wechselte mit 14 Jahren als B-Jugendlicher in die Jugendabteilung des Karlsruher SC („Wir haben fast alle Spiele gewonnen. Niederlagen kamen kaum vor“), wo er später unter Coach Rainer Ulrich in die Amateurmannschaft aufrückte und mit 18 Jahren seinen ersten Profivertrag unterzeichnete. Trainer war damals ein gewisser Winnie Schäfer. Sein Bundesligadebüt krönte er am 25. Mai 1989 mit dem Tor zum 1:0 im Spiel gegen Bayer Leverkusen. Er rückte nicht zuletzt durch seine Dribblings und Schnelligkeit in der Fokus der Öffentlichkeit, weckte Begehrlichkeiten. „Ich bin sehr schnell zum Profifußball gekommen, habe andere Dinge hinten angestellt“, sagt Sternkopf. 

Wechsel zu Bayern München

Es dauerte nicht lange, bis der damalige Bayerntrainer Jupp Heynckes zusammen mit Manager Uli Hoeneß im Wildpark auftauchte, um einen jungen, talentierten Spieler zu treffen. „Wenn die Bayern bei dir anklopfen, überlegt man nicht lange“, merkt Sternkopf an. Für 3,4 Millionen Mark wechselte er zum FC Bayern München, spielte dort fünf Jahre und wurde 1994 sogar Deutscher Meister. Es sei „eine tolle, aber auch schwere Zeit“ gewesen, denn Wettbewerb und Leistungsdruck neben anderen Fußballgrößen machten dem Jungprofi, der sieben Mal in der deutschen U21-Nationalelf stand, zu schaffen. „Den Spielern wird bei einem großen Verein fast alles abgenommen. Du hast nur auf dem Platz zu funktionieren“.

Stresssituationen

Nach einem Spiel, das nicht so gut für ihn lief, hatte „Sterni“ Angst vor den Reporterfragen und der Negativkritik in der Zeitung. „Bei der Busfahrt ins Stadion habe ich öfters Schweißausbrüche gehabt“, erinnert sich Sternkopf. „Ehrlichkeit im Fußball gibt es nicht“, so sein Fazit. Jeder sehe erst mal seinen Vorteil, Unsicherheiten würden überspielt. Auch Mobbing sei ein Thema. 
Nach weiteren Stationen bei Borussia Mönchengladbach (1995 bis 1996), SC Freiburg (1997) und Arminia Bielefeld (1997 bis 2003) landet er 2004 letztlich bei Kickers Offenbach in der Regionalliga. Schon zuvor machte ihm eine schwere Hüftverletzung zu schaffen und die, bei Bayern-Doc Müller-Wohlfahrt eingeholte, Diagnose mit der Aussage: “Du wirst nie mehr Fußball spielen können“ nagte an dem Mann, der von sich selbst sagt: „Psychisch stark, war ich nie“. 

Antidepressiva

Neben Talent und Ehrgeiz brauche man in diesem Haifischbecken auch mentale Stärke und dürfe nicht zu nahe am Wasser gebaut sein. Schon zu seiner aktiven Zeit habe er Antidepressiva zu sich genommen. Viele Jahren später bei Problemen bei einem „guten Freund“ dann auch mal an einem Joint gezogen und festgestellt: „Plötzlich hatte ich keine Schmerzen mehr“. 
Nach seiner sportlichen Karriere bekam er das Angebot, bei den Offenbacher Kickers im Marketing zu arbeiten und später auch die sportliche Leitung zu übernehmen. Zunächst fand er seinen Job auf der Geschäftsstelle („Wie toll kann es in einem Büro sein“) prima, doch die Vergangenheit holte ihn wieder ein. „Letztlich hat mich auch dieser Job und die Verantwortung erdrückt. Ich konnte nicht mehr, hatte bis zum Zusammenbruch nur funktioniert“, so Sternkopf - zwischenzeitlich mit künstlichem Hüftgelenk unterwegs - im Rückblick.

Burnout

Als sein Arzt mit der Diagnose Burnout („Alles war grau“) kam, war er fast erleichtert. „Mein Leben war bis dahin eine konstante Inkonstanz“. 2011 kam der Ausstieg aus dem Berufsleben. Streit mit der Rentenversicherung und die Frage, wie es weitergehen soll, folgten. „Dabei wollte ich einfach nur Mensch sein“. Dass er heute selbstbewusst Vorträge hält, verdanke er einem Freund, der ebenfalls Michael heißt und ihn motivierte, sein Leben in andere Bahnen zu lenken. „Du musst mit den Leuten sprechen. Du musst Herzen öffnen. Suche und finde Gott“, waren die Ratschläge. „Letztlich hat mir der Glaube die Freiheit gegeben“, sagt Sternkopf heute.