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Sex, Drugs and Rock’n’Roll

Faustisches Vergnügen im theater am puls

Nicole Böhm/tap

Zwei wie Pech und Schwefel: Faust (Michael Hecht) und Mephisto (Nikolas Weber)

„Habe nun, ach! Philosophie, Juristerei und Medizin und leider auch Theologie durchaus studiert, mit heißem Bemüh’n.“ Eigentlich könnten wir es jetzt halten wie Michael Hecht als Faust auf der Bühne des theater am puls: Abbrechen mit den Worten „Den Rest kennt ihr ja.“ Dazu die Empfehlung, das Stück anzuschauen, weil: Faust geht immer, und das wär‘s dann mit der Arbeit für den Rezensenten, Job erledigt, schnell verdientes Feierabendbier in Auerbachs Keller oder sonstwo. Prost!

Doch – grau, Freund, ist alle Theorie. Man muss ja auch dem Umstand Rechnung tragen, dass sich ein Team von immerhin sieben Schauspielern, einem Musiker, Regie plus Assistentin und zwei Bühnenbauern die Mühe gemacht hat, sechs Wochen Lebens- und Arbeitszeit zu investieren, um das Stück auf die (Dreh-)Bühne des theaters am puls zu bringen – und das bis Ende des Jahres gleich fünfmal, je 180 Minuten lang.

Ein alter Hut?

Aber warum denn bitte Faust? Wir schreiben das 21. Jahrhundert – und immer noch steht Goethes Opus magnum da als der heilige Gral der deutschen Theaterliteratur, zig-tausendfach inszeniert, als Schauspiel, Oper, Musical, Comedy-Klamauk, für Film und Fernsehen. Dynastien deutscher Schauspieler von Jannings über Gründgens, Quadflieg, Busch bis Brandauer und Bruno Ganz haben das Bild vom suchenden Gelehrten und seinem teuflischen Begleiter ins kollektive Gedächtnis gebrannt, der olle Heinrich hat nicht nur Gretchen, sondern wohl auch Generationen von Schülern im Deutschunterricht das Grauen gelehrt.

Die Handlung ist, betrachtet man sie mal bei Tages- und nicht im Licht mythisch-überhöhten Dichterfürstenglanzes, eigentlich auch mehr als banal: Akademiker mit Midlife-Crisis trifft auf gelangweilten Höllendiener, der wiederum mit Gott eine Wette am Laufen hat, dass er ebendiesen  spießigen Doktor vom Pfad der Tugend abbringen kann. Dies versucht er durch allerlei ganz und gar nicht geistigen Tand – Alkohol, ewige Jugend und Sex. Blöd nur, dass Faust sich tatsächlich verliebt, sich auf die teuflischen Intrigenspielchen seines Sidekicks einlässt, der ihn am Ende seine Geliebte schwängern, ihre Familie auslöschen, sie zur Kindsmörderin werden und letzten Endes als Verbrecherin sterben lässt. Ein typischer Trash-Drama-Plot eigentlich, heutzutage täglich Brot jedes Privatsenders, der seinen Auftrag, TV für Bildungsferne zu produzieren, einigermaßen ernst nimmt. Dazu diese Sprache, die zwischen Sätzen wechselt, die inzwischen so geflügelt sind, das sie schon im Phrasenhimmel angekommen sind, und Goethes Arsenal an Wortschatz und Satzbau der Klassik, für das manch einer heutzutage schon wieder eine Übersetzung bräuchte. Also nochmal: Warum Faust?

Nicole Böhm/theater am puls

Teuflisch: Nikolas Weber glänzt als Mephisto.

Warum Faust?

Lassen wir mal den Regisseur Stellung nehmen. Joerg Steve Mohr inszeniert das Stück nämlich nicht zum ersten Mal und ist der Meinung, das müsste auch so sein:  „Wenn man älter wird, liest man den Faust wieder ganz neu“, meint er und ergänzt: „Es finden sich in jedem Satz Zustände wieder, die auch heute gelten.“ Und darüber hinaus sei das Stück auch „unendlich witzig und überhaupt nicht schwer, wenn man sich einmal auf die Sprache eingelassen hat.“ Stimmt. Und das ist wohl dann auch des Pudels Kern: die Kunst, eine banale Handlung so zu gestalten, dass sie möglichst viele Menschen nachvollziehen können und dementsprechend Empathie mit den Figuren empfinden. Eigentlich ist das Popkultur par excellence. Und die beherrschte Goethe eben schon, bevor der Begriff überhaupt erfunden wurde.

Ironie und Texttreue

Aber nun sind der Worte genug gewechselt, lassen wir also Taten sehen: Die Schwetzinger Inszenierung glänzt vor allem dadurch, dass sie sich selbst nicht allzu ernst nimmt.  Immer wieder wird der Originaltext durch kleine Einschübe gebrochen, blitzt ein kleiner Ironiestrahl durchs Sprachmonument.  Zwar hat Mohr getreu Goethes Direktor probiert, was er mochte, dabei aber die Handlung erhalten, Kürzungen nur da vorgenommen, wo allzu Redundantes hervorschien und auch die Dramaturgie bleibt so, wie sie der Meister vor 210 Jahren ersonnen hat – von der Zueignung bis zu Gretchens Richt- bzw. Rettung bleiben die Bilder erhalten. Doch die haben es in sich: Von Auerbachs Keller, in dem anno 2018 nicht mehr Studenten, sondern Anhänger einer gewissen rechtspopulistischen Partei zechen und nicht Studenten- sondern garstig-politische Parteilieder anstimmen, über die Hexenküche, in der die schwarzen Katzen menschliche Züge tragen und der latexverhüllten Hexendomina als devote Sklaven dienen, bis hin zur Walpurgisnacht, in der Teufel samt Gefolge als Rockband auf der Bühne stehen. Alleine das Vorspiel auf dem Theater ist ein Lehrstück in Sachen Augenzwinkern  und wenn Faust die Regieassistentin auf die Bühne zitiert, weil ein wichtiges Requisit fehlt, dann wird’s auch mal komisch. Natürlich hält er seinen berühmten Monolog dann doch noch – man hätte ihn sonst auch sehr vermisst.

Nicole Böm/tap

"... als wie 500 Säuen". In Auerbachs Keller geht's rund.

Dreh- und Angelpunkt

Dazu ein Bühnenbild (Teresa Ungan und Bernd Spielbrink), das zum einen erstmals die neue Drehbühne in Szene setzt, aber ansonsten puren Minimalismus verkörpert: Eine Wand und fünf Türen, ein Berg Reclam-Hefte, wer braucht da noch gotische Studierzimmer? Viel wichtiger ist doch heute Musik, und die gibt es gleich mehrfach. Gitarrist Stefan Ebert ist der Dreh- und Angelpunkt der Inszenierung, sorgt mit Rammstein-Riffs, Rap-Einlagen, Akustik-Folk oder einfach nur mit Klanglandschaften für den passenden Soundtrack zum Stück. Und seine Interpretation des „König von Thule“ entpuppt sich, gesungen von Gretchen, gar als fieser Ohrwurm.

Gretchenfrage

Apropos. Die Antwort auf die Frage welche Figur ihn am meisten berührt, muss sich Mohr nicht lange überlegen: „Gretchen. Faust ist ein egozentrischer Depp, der über Leichen geht, mit dem habe ich noch eher Mitleid. Genauso wie mit Mephisto, der ja im göttlichen Auftrag verdammt ist in alle Ewigkeit zwischen den Menschen rumzuirren.“ Laura Kaiser lebt und leidet als Gretchen, himmelt ihren Heinrich an und verzweifelt letztendlich an ihm. Und weil wir 2018 haben, darf sie das auch nicht als in Stein gemeißeltes Abbild der Tugend, sondern singend, tanzend und auch mal nicht ganz jugendfrei.

Rollenspiele

Auch das Faust‘sche Verjüngungs-Dilemma löst Regisseur Mohr  ganz einfach: Durch Rollentausch wird der alte Sack zum jungen Hüpfer und somit auch klar, dass das Teuflische oft allzu menschlich ist. Rast- und ruhelos irren Michael Hecht als Faust – Mephisto und sein Gegenpart Nikolas Weber als Mephisto – Faust durch die Handlung, auf der Suche nach dem, was die Welt im Innersten zusammenhält. Jonas Werling und Dustin Leitol machen als herzerwärmend naiver Hiwi Wagner oder allzu strebsamer Student auch die Nebenrollen zu kleinen Highlights und Jennifer Toman verleiht der Marthe Schwerdtlein mit Kippe und rosa Pantoffeln die nötige Portion White Thrash. So wundert es auch nicht, dass zur Premiere manch einer verdutzt auf die Uhr schaut und sich fragt, wo denn die drei Stunden geblieben sind.

Nicole Böhm/tap

White-Trash-Braut: Marthe Schwerdtlein (Jennifer Toman) lässt nichts anbrennen.

Nicole Böhm/tap

"Aus eins mach zehn". In der Hexenküche gärt manch seltsames Gebräu.

Nicole Böhm/tap

Virtuos: Stefan Ebert ist mit seiner Gitarre Dreh- und Angelpunkt des Stückes.
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Sollten Sie, lieber Leser, jetzt immer noch dastehen wie ein armer Tor, empfiehlt sich ein Griff zum Telefonhörer oder in die Computertastatur zum Kartenreservieren – zumindest wenn Sie neugierig sind, wie Faust im 21. Jahrhundert funktionieren kann. Denn das geht durchaus, wie die Schwetzinger Inszenierung zeigt. Drei Stunden vergnügliches, kurzweiliges Theater, einfach mal Mensch sein und es sein dürfen, und am Ende dann vielleicht die Feststellung, dass der olle Faust gar nicht so oll ist, sondern eigentlich zeitlos und dass in uns allen ein bisschen Faust steckt, sollten den Aufwand lohnen. Weniger flapsig formuliert: „Was ihr den Geist der Zeiten heißt, das ist im Grund der Herren eig’ner Geist, in dem die Zeiten sich bespiegeln.“ So auch im theater am puls. Wer den Faust allerdings immer noch als den heiligen Gral der deutschen Theaterliteratur betrachtet und ihn lieber frei von Sex, Drugs und Rock’n’Roll durch die Jahrhunderte wandeln sieht, der sollte besser daheim bleiben am Kamin und den Text lesen. Er würde allerdings etwas verpassen.

Nicole Böhm/tap

Ach neige du Schmerzensreiche ... Gretchen betet.

Nicole Böhm/tap

Alleine im Wahn: Gretchen im Kerker.

Nicole Böhm/tap

Augenblick verweile doch ... Gretchen (Laura Kaiser) und Faust (Nikolas Weber) als glückliches Paar.
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