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Kochen mit Liebe, Lust und Leidenschaft

Gault&Millau würdigt Tommy Möbius‘ lebensmittel.punkt

Elnaz und Tommy Möbius mit dem druckrischen Gault&Millau, in dem auch ihr lebensmittel.punkt Erwähnung findet

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Wollen Schwetzingen auf die kulinarische Landkarte bringen: Elnaz und Tommy Möbius.

Tommy Möbius ist ein Energiebündel. Eigentlich sollte es ja ein gemütliches Treffen werden, während dem der Schwetzinger Spitzenkoch und seine Frau Elnaz ausführlich die diesjährige Erwähnung ihres lebensmittel.punkts im renommierten Restaurantführer Gault&Millau vorstellen wollten. In acht Minuten wäre das Thema dann eigentlich schon erledigt gewesen, denn – um im kulinarischen Bild zu bleiben – wie bei einer Flasche Mineralwasser unter Druck sprudelten die Sätze nur so heraus aus dem Koch.

"Jeder freut sich über Lob"

Was ihm nicht gefällt ist das Bild, das manche Pressevertreter aktuell von ihm gezeichnet haben. Er gebe nichts auf Sterne, so liest man oft, schließlich habe er mit seinem Weggang aus der Ketscher Ente und der Eröffnung seines lebensmittel.punkts in der Schwetzinger Oststadt auf seinen eigenen verzichtet.  „Dass mir das schnuppe ist, stimmt so nicht“, meint er bestimmt. „Jeder freut sich doch über ein Lob.“ Klar lege er Wert darauf, Anerkennung für seine tägliche Arbeit zu erfahren, aber in der der Vergangenheit, so meint er, kam die einfach. „Dass der Stern nicht wichtig ist, ist Blödsinn“, kommentiert Möbius gewohnt markig den Trend bei jungen Köchen, auf die begehrte Auszeichnung zu verzichten. „Du kannst ja auch nicht bei Olympia sagen, ich gebe die Goldmedaille zurück.“

Überraschung

Wahr ist hingegen, dass Familie Möbius im ersten Jahr ihrer neuen Selbstständigkeit erstmal ankommen wollte im neuen Domizil und deshalb auf eine aktive Bewerbung bei den großen Gastro-Führern zunächst verzichtete. „Wir hatten keinen Fokus darauf“, meint Tommy Möbius rückblickend. Sie habe sich anfangs etwas schwergetan, das Konzept zu beschreiben, meint Elnaz Möbius. Umso mehr freute es beide natürlich, dass der lebensmittel.punkt bereits in der letzten Ausgabe des Gault&Millau Erwähnung fand – ganz ohne aktives Zutun des Gastronomen-Paars. Davon bestärkt hat man in diesem Jahr aktiv zum Stift gegriffen, den Fragebogen ausgefüllt und wurde prompt mit einem ausführlichen Eintrag in der 2020er-Ausgabe gewürdigt.

SCH wie Schwetzingen

„Dass wir gut sind, wissen wir“, sagt Tommy Möbius selbstbewusst. „Es freut mich umso mehr, dass jetzt unter SCH wie Schwetzingen auch ein Eintrag zu finden ist.“ Denn, so der Koch: „Mein Anliegen war es vor allem, meine Stadt, meine Heimat auf die kulinarische Landkarte zu setzen.“ Potential sei definitiv vorhanden, so Möbius. Schwetzingen habe ja schon vieles hervorgebracht, Künstler, Musiker, kulinarisch sei man aber noch nicht die Speerspitze. „Klar, es gibt den Schwetzinger Spargel, aber dann hört‘s auch schon auf.“ Und wo hat man hier die Möglichkeit, auf Sterne-Niveau zu essen? Deshalb haben er und seine Frau auch den Sprung gewagt, und sich die schönen Dinge des Lebens auf die Fahnen geschrieben. „Wir sind angetreten, um den Leuten das Beste zu geben“, meint Tommy Möbius.

Frisch und unkompliziert

Dass das, was die beiden in der alten Apotheke am Eingang der Oststadt in den vergangenen zwei Jahren etabliert haben, außergewöhnlich ist, hat auch Gault&Millau festgestellt. In der Kategorie POP sind Restaurants und Bars gewürdigt, die zwar nicht zwingend ins traditionelle Punkt-Bewertungssystem passen, aber ein lifestyle-bewusstes Publikum begeistern. Denn in den letzten Jahren sind viele innovative Konzepte – eben wie der lebensmittel.punkt entstanden – die jenseits klassischer Restaurants Kulinarik auf hohem Niveau bieten, die auch die klassische Restaurant-Kritik zusehends dazu bewegen, ihr System zu überdenken. Es gibt eben auch noch etwas anderes als High-End, davon ist man auch im Hause Möbius überzeugt. Frisch, unkompliziert und (seinen) Preis wert, das sind die Kriterien, die Gault&Millau in der Pop-Kategorie würdigt.

Slow Food to go

Und da passt der lebensmittel.punkt natürlich prima rein: Ein minimalistisch-bodenständiges Konzept, das dennoch auf traditionelles Kochhandwerk und frische, qualitativ hochwertige Zutaten, weit weg von Fast Food und Convenience-Produkten setzt, Stehtische, Mittagstisch mit kleiner Karte und Portionen zum Mitnehmen - Slow Food to go quasi. Abends setzt man auf eine puristische Karte mit kleinen Gerichten, von denen mal auch nur mal eines probieren kann, ohne übersättigt zu sein. „Ich will’s unkompliziert“, meint Elnaz Möbius, „diese Scheu, da darf ich nicht rein, die muss weg sein. Jeder darf sich gut genug sein, um sich etwas zu gönnen.“

Im rennomierten Restaurantführer Gault&Millau findet sich unter SCH wie Schwetzingen ab sofort Tommy Möbius' lebensmittel.punkt

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„Raffinement in vermeintlich einfachen Gerichten“ - der lebensmittel.punkt im GaultMillau.

Gegen den Geiz

Gemeinsam mit seiner Frau, einer gebürtigen Wienerin, ist Tommy Möbius viel gereist, um sein eigenes Konzept zu finden. Deutsche Küche, das weiß der Sohn eines Thüringer Gastronomen aus eigener Erfahrung, ist oftmals ein Synonym für übergroße Portionen mit deftigem Essen zu möglichst billigen Preisen. „Irgendwann hat sich das eingeschlichen, dass Geiz geil und billiger besser ist“, meint auch Elnaz Möbius. Und da ist durchaus was dran, denn nirgendwo sonst in Europa legen die Menschen weniger Wert auf hochwertige Zutaten, billiger und fleischlastiger isst man kaum irgendwo sonst. Was dann auf den Tellern übrig bleibt, landet oft in der Biotonne. „Diese Wegwerfgesellschaft finde ich gerade bei Nahrungsmitteln sehr schwierig“, meint Elnaz Möbius. Dagegen will das Ehepaar ein Zeichen setzen. Statt viel und billig klein und fein, lautet die Devise.

Zeitfaktor

Was Kochen für ihn bedeutet? „Liebe, Lust und Leidenschaft“, kommt es bei Tommy Möbius wie aus der Pistole geschossen. „Und Zeit“, ergänzt seine Frau. „Zeit, mit Menschen zu verbringen, sich Zeit zu nehmen, um etwas zu kreieren.“  Als Österreicherin kennt sie da eine ganz andere Esskultur – dort nimmt man sich Zeit und schätzt gutes Essen, gerne auch mehrmals die Woche. Denn historisch betrachtet: „So viel Zeit wie heute haben wir in der Gesellschaft noch nie gehabt.“ Warum also dann trotzdem Fa(s)t Food, Dauerstress & Co.? „Manchmal muss man innehalten, sagen Stop, Sitz, Platz, Aus – die 20 Minuten habe ich!“ Und diese dann eben für qualitativ hochwertiges Essen verwenden. Und Tommy Möbius ergänzt: „Ich glaube, es ist an der Zeit, dass das einer macht.“

Ausgewähltes

„Wir haben geschaut, was braucht die Welt, was braucht sie nicht?“ Nicht braucht sie sicherlich ein weiteres Mainstream-Lokal. Stattdessen gibt es im lebensmittel.punkt neben Gerichten, an die sich heute nur noch wenige Köche wagen (wie zum Beispiel mehrere Tage eingelegter Sauerbraten oder sieben Stunden geschmorte Ochsenbacken) sorgsam ausgewählte Spezialitäten, hochwertige Wurstwaren, Brot vom Edinger Ausnahmebäcker Peter Kapp, Eingemachtes zum Mitnehmen vom Chef persönlich und feine Weine ausgesuchter Winzer – also alles, nur kein Mainstream. Im Bezug auf die Preispolitik ist es Möbius ein Anliegen, realistisch zu sein: „5,50 Euro für einen Mittagstisch sind eine Illusion“, macht er klar. Und fordert: „Qualität muss sich wieder durchsetzen.“ Seine Mittagsgerichte bewegen sich zwischen 8,50 und 13,50 Euro, abends legt man etwas mehr auf den Tisch.

Der Oststadt-Trüffel

Und viel vor hat das Paar auch in der Zukunft: So plant Elnaz Möbius auch ein Gericht extra für Schüler, schließlich ist die Oststadt fest in Schülerhand. „Etwas einfaches für einen günstigen Preis“, schwebt ihr vor, denn: „Ich möchte aufzeigen, es geht auch anders.“ Und auch das Kochkursangebot im neuen Studio soll im kommenden Jahr erweitert werden. Mit einer Master Class im Kartensystem zum Beispiel. „Wenn man mit Liebe, Lust und Leidenschaft kocht, kann jeder kochen“, ist der Koch überzeugt. Die Schwetzinger Oststadt finden beide ideal dafür, die Randlage stört sie nicht: „Leute, die uns suchen, finden uns“, meint Tommy Möbius. „Das ist wie der Trüffel im Wald.“ Ein schönes Bild.