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Integratives Fantreffen

Gemeinsam für Vielfalt – gegen jede Diskriminierung

Nach dem „Inklusionsspiel“ zwischen Schalke und Hoffenheim.

hjo

Nach dem „Inklusionsspiel“ zwischen Schalke und Hoffenheim.

„Wenn einer eine Reise tut, dann kann er was erzählen“, ist ein bekanntes Zitat des Dichters Matthias Claudius, das der Volksmund gerne übernommen hat. Und wenn sehr viele, noch dazu Menschen mit Handicap, eine nicht alltägliche Exkursion angehen, gibt es später noch viel mehr zu berichten. Zum Beispiel von der Busfahrt des „Integrativen TSG 1899 Hoffenheim-Fanclubs Weinheim-Bergstraße“ zum Bundesligaspiel beim FC Schalke 04, zu dem rund 55 Fußballfans, davon zwei Drittel mit einer geistigen oder körperlichen Behinderung („Wir rocken und rollen für Hoffe“) aufgebrochen waren und anderntags mit vielen neuen Erlebnissen und Eindrücken wieder in die Heimat zurückkehrten. Es sollte das letzte Bundesligaspiel für die nächste Zeit werden – die folgenden Spieltage wurden aus bekannten Gründen abgesagt.

350 Kilometer

Bereits am frühen Morgen hatte Michael „Charly“ Mildenberger, gelernter Heilerziehungspfleger und Behinderten-Fanbeauftragter der TSG 1899 Hoffenheim und im Hauptberuf Leiter der Offenen Angebote für Menschen mit Behinderungen im Pilgerhaus Weinheim, einen Teil seiner „Schäfchen“ versammelt. Weitere Teilnehmer von der Johannesdiakonie Mosbach waren zuvor in Schwarzach oder Walldorf in den Bus, der von Mario Brandt und Reinhold Winterbauer, dem Leiter des Freizeitbereichs Schwarzacher Hof gesteuert wurde, zugestiegen. Die rund 350 Kilometer lange Reise konnte beginnen. Auf der Autobahn herrschte bereits gute Stimmung im Omnibus. Erste Hoffe-Lieder wurden angestimmt und als vier Stunden später die Veltins-Arena in Sichtweite war, breitete sich durch die Bank grenzenloser Optimismus aus. Elke Jäger aus Aglasterhausen, vielfache Medaillengewinnerin bei den „Special Olympics“ im Schwimmen, hatte nicht nur einen Hoffenheimer 3:0-Erfolg im Kopf, sondern begeisterte die Busbesatzung zudem als perfekte Bord-Hostess, servierte mit flotten Sprüchen lachend die Getränke aus der Bordküche. Nahezu alle Mitfahrer (es gab allerdings auch einige wenige Schalke-Fans) tippten auf einen Auswärtssieg, der gleich entsprechend lautstark skandiert wurde. Nicht wenige Superoptimisten sagten ein 4:0 der TSG voraus, was natürlich gerade „Auf Schalke“ einen gewissen Charme gehabt hätte. Letztlich gab es mit einem 1:1-Unentschieden eine gerechte Punkteteilung, mit der die meisten Mitfahrer gut leben konnten.

Der ganze Hoffe-Tross zusammen mit den Schalkern.

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Der ganze Hoffe-Tross zusammen mit den Schalkern. Im Hintergrund die 60.000 Zuschauer fassende Veltins-Arena.

1.000 gegen 57.000

Neben Marie Deinaß aus Hohensachsen und dem sehbehinderten Studenten Enis Orhan aus Walldorf hatten auch die Betreuer Hans-Peter Belschner aus Schönau, Rainer Giese aus Weinheim und Reinhold Winterbauer aus Neidenstein das Ergebnis zuvor richtig getippt. Knapp 1.000 TSG-Fans, die im Auto oder Bus nach Gelsenkirchen angereist waren, hatten sich in der Südkurve der schmucken Arena so gut es ging gegen 57.000 Schalke-Fans lautstark bemerkbar gemacht. So waren die „Integrierten“ mittendrin statt nur dabei, getreu dem Motto: „Gemeinsam für Vielfalt – gegen jede Diskriminierung“.

„Willkommen im Blau-Weißen Wohnzimmer“

Nach Abendessen, Übernachtung und Frühstück im nahegelegenen Hotel in Essen war am Sonntagmorgen ein Fan-Treffen beider Lager, das unmittelbar im Clubheim beim Stadion über die Bühne ging, anberaumt. Der ganze Kraichgau-Tross wurde zunächst von Sven Graner, dem hauptamtlichen Behinderten-Beauftragten von Schalke 04, mit den Worten „Willkommen im Blau-Weißen Wohnzimmer“ begrüßt. Charly Mildenberger, der für einen lokalen Radiosender gleich interviewt wurde: „Die Hoffe-Handicaps pflegen seit langer Zeit einen guten Kontakt zu den Schalkern und haben in der Vergangenheit auch schon gemeinsame Spiele ausgetragen“. Auch dieses Mal war in der Soccerhalle beim Schalker Fan-Club-Verband „Knappenschmiede“ Inklusionsfußball angesagt.

Besprechung vor dem Spiel in der Soccerhalle des FC Schalke 04.

hjo

Besprechung vor dem Spiel in der Soccerhalle des FC Schalke 04.

Wenn das Ergebnis zur Nebensache wird

Nach einem kleinen Aufwärmprogramm, kombiniert mit Fang- und Koordinationsspielen, war das abschließende Match, das unter Leitung der beiden Schalker Young-Coaches Rene und Florian über die Bühne ging, ein mit großer Freude und viel Spaß aufgenommenes Highlight des Tages. Ergebnis? Nebensache! Aktuell wurde auch die Gelegenheit genutzt, um sich mit Betreuern fachlich auszutauschen und erörtert, wie man die Fan- und Fußballkultur der Vereine weiter verbessern kann. Hier leisteten die ehrenamtlichen Schalke-Volunteers „AG-Schalke für alle“ wertvolle Diskussionsbeiträge. Ein Aspekt war auch der Ausbau der vereinsübergreifenden Freundschaft mit dem Fanclub „Blau-Weißer Stachel“, der kurioserweise seinen Sitz beim „geliebten“ Nachbarn Dortmund hat.

Überraschungsgast

Zwischenzeitlich war auch Schalke-Maskottchen „Erwin“ hinzugestoßen und mit Überraschungsgast Martin Max ein legendärer Schalker „Eurofighter“ eingetroffen. Der frühere Bundesliga-Torschützenkönig (2000 und 2002), Pokalsieger (1995) und UEFA-Cup-Gewinner von 1997 fungiert heute als Repräsentant der „Königsblauen“. Der sympathische Ex-Profi stand für viele Fotos und Fragen zur Verfügung und gesellte sich auch zum obligatorischen, abschließenden Gruppenbild vor der Veltins-Arena hinzu. Mildenberger, der mit „Team Barrierefrei“ und dem „Integrierten 1899 Hoffenheim-Fanclub“ zuvor schon bei Bundesligaspielen in Nürnberg, Dortmund, Leipzig oder Berlin war und vor zwei Jahren auch erstmals ein Champions-League-Spiel in Lyon im Angebot hatte, nach der Rückkehr in den Kraichgau: „Dank an alle Mitfahrer. Es hat alles wunderbar funktioniert“. Über 100 Fußballfans hatten an diesem denkwürdigen Tag dem Coronavirus die Rote Karte gezeigt.

: „Eurofighter“ Martin Max (links) mit Michael „Charly“ Mildenberger.

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„Eurofighter“ Martin Max (links) mit Michael „Charly“ Mildenberger, Behinderten-Fanbeauftragter der TSG Hoffenheim.