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„Genderzwang“

Glosse Christoph Sonntag Teil 3

Glosse Christoph Sonntag Genderzwang Teil3

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Glosse Christoph Sonntag Genderzwang Teil3

Liebe Leserin, lieber Leser, liebe Lesende, was sind die Aufreger unserer Zeit? Genderzwang in der Sprache. Und kulturelle Aneignung. 

Beispielsweise darf ich mir, als alter weißer Mann, keine Rastalocken wachsen lassen, weil das „kulturelle Aneignung“ wäre. Das ist sehr bedauerlich, denn ich hatte im Ponybereich meines Gesichtes dahin gehende ehrgeizige Pläne. Wer mich und mein Antlitz kennt, weiß, dass mir dadurch eine spannende Herausforderung genommen wird.

Vorab: Ich darf über solche Dinge reden. Denn ich habe aus erster Beziehung zwei dunkelhäutige Kinder, die ich ausgesprochen liebe. Ich spüre förmlich ein Aufatmen bei Ihnen, liebe Leserin, lieber Leser und liebe Lesende, denn auch das ist ein neues Grundgesetz: Über Türken dürfen nur Türken Witze machen, über Griechen nur Griechen und über Schwaben nur Schwaben. Das geht. Alles andere ist Rassismus. Warum eigentlich?

Die ARD hat mir mal eine Comedynummer gestrichen, in der ich einen Dialog spielte: Ein witziger Schwabe unterhält sich auf Englisch mit einem witzigen Chinesen. Das gehe nicht, das sei Alltagsrassismus. Nicht einmal der Hinweis auf meine Kinder konnte damals die Szene retten.

Ganz ehrlich: Wenn in der Straße ein aufgemotzter BMW an mir vorbeifährt, aus dem mörderlaute fremdländische Musik dröhnt, fühle ich mich befremdet. Warum? Weil mir meine Mama gesagt hätte: „Christoph, lass das. Hör deine Musik zu Hause oder im Kopfhörer, aber provoziere deine Gastgeber nicht!“

Natürlich gibt es Menschen, die so etwas aus einer rassistischen Grundhaltung heraus verurteilen. Es gibt aber auch tolerante Menschen, die einfach nur denken: „Dieser Mensch in seinem Auto verhält sich nicht adäquat, mag er herkommen, wo er will!“

Wenn ich das, was ist und was ich wahrnehme, nicht mehr sagen darf, dann schiebe ich das ab zum Stammtisch. Oder in die politisch extremen Ränder. Wollen wir das? Ich habe auf dem Stuttgarter Marktplatz mal eine Dame älteren Baujahrs beobachtet, die einem Inder mit Turban auf den Fersen war. Von Stand zu Stand hat sie ihn verfolgt, bis sie ihn irgendwann ansprach: „Sie, Entschuldigung, jetzt muss ich Sie doch au mol äbbes froga: Wo kommet Sie eigentlich her? Senn Sie Inder oddor was?“

Diese alte Dame war alles andere als rassistisch! Sie war offen, tolerant und einfach neugierig. So funktioniert Völkerverständigung, auch wenn die Sprache nicht  politisch korrekt gewesen sein sollte. Toleranz spielt sich im Herzen ab! Natürlich kann ich die Sprache darum herum verändern, und vielleicht gibt das dem einen oder anderen zu denken. Dann ist es ja nicht falsch. Wir sollten die Sprache aber auch nicht vergewaltigen! Das ist einer der Momente, wo ich gern eine Frau wäre, um allen Menschen sagen zu dürfen: Wegen mir müsst ihr nicht „Kabarettistin“ sagen! Mir reicht „Kabarettist“, ich fühle mich mitgemeint! Mir ist es lieber, wenn ihr mich nicht schlechter bezahlt oder schlechter behandelt. Wie ihr das nennt, ist mir egal!

Haben wir nicht in der Schule gelernt, dass die Freiheit des Einzelnen da endet, wo die Freiheit des anderen beschränkt wird? Welche Freiheit hat mehr Wert? Ich sage: Alle Freiheiten sind wertgleich.

Was für ein Glück, dass ich über solche Dinge reden darf, denn ich habe – ich weiß nicht, ob ich das schon erwähnt habe – zwei dunkelhäutige Kinder.

Ich habe auch viele behinderte Freunde, viele geflüchtete, viele mit Migrationshintergrund und etliche, die sich in ihrer Geschlechtsdefinition zwischen Mann und Frau bewegen. Sie sind mir alle lieb. Sie wissen auch, dass sie nicht laufen können, vielleicht eine andere Hautfarbe haben, vielleicht aus einem anderen Land kommen oder keine Frau lieben möchten. Kriege ich das weg, wenn ich es nicht anspreche?

Wenn ich so tue, als sähe ich es nicht? Oder erweise ich ihnen nicht viel mehr Respekt, wenn ich sage: „Ja, ich sehe das und ich finde es völlig okay. Es ist mir im positiven Sinne egal!“

Und wissen Sie, wer mich das gelehrt hat? Mein Sohn Samuel! Falls ich das noch nicht erwähnt habe, hat er dunkle Hautfarbe. Er ist ein blitzgescheiter wunderschöner Junge, hat ein Einser-Abitur und ist studierter Psychologe. Und ein guter Musiker dazu.

Ich erinnere mich, wie er als Zweitklässler am Tisch saß und erzählte, dass ihn der Wayan heute geschubst und gemobbt habe. Ich fragte meinen Sohn: „Wo kommt denn der Wayan her?“ Samuel unterbrach das Essen und fragte: „Papa, was meinst du damit?“ „Na ja“, ergänzte ich meine Frage, „aus welchem Land kommt er?“

Mein Sohn schaute mir fest in die Augen und sagte: „Papa, das ist doch völlig egal; er ist ein Idiot!“

Was für eine herrliche Weisheit eines kleinen Kindes. Lasst uns doch Menschen in diese Kategorien aufteilen. Seid ihr Idioten, oder seid ihr gute Menschen, die mit am richtigen Strang ziehen? Dann seid ihr uns ganz herzlich willkommen, egal woher ihr stammt.

Ich hatte kürzlich einen Auftritt bei einer Genossenschaft, ich begann meine Show mit: „Liebe Genossinnen, liebe Genossen, liebe Genossene und liebe Genießende, ich hoffe, ich habe keinen von euch vergessen, aber eines steht fest: Jeder von euch hat oben eine eigene Toilette!“

Vorschlag: Wir machen ab sofort Unisex-Toiletten, wer aufs Klo muss, geht in eines rein, das frei ist. Keiner muss vorher die Zeichen studieren und entscheiden, wo er
hingeht. Und dann kümmern wir uns um die wirklichen Probleme. Denn wenn ich das richtig sehe, haben wir einige davon.

Ihr

Christoph Sonntag

Christoph Sonntag schreibt regelmäßig Glossen für Nussbaum Medien

Markus Palmer

Christoph Sonntag schreibt regelmäßig Glossen für Nussbaum Medien

Christoph Sonntag, Kabarettist, Comedian und Entertainer, schreibt zukünftig regelmäßig Glossen für Nussbaum Medien. Mit der „Stiphung Christoph Sonntag“ kümmert er sich um unsere Natur und seine Mitmenschen, speziell um Kinder und Jugendliche. Diese Ziele decken sich in weiten Bereichen mit den Fördergebieten der Nussbaum Stiftung, die sich der Unterstützung der Themenbereiche Jugend & Bildung, Sport & Gesundheit, Ökologie und Kultur annimmt. Beide Stiftungen sind für Ihre finanzielle Unterstützung dankbar, um noch besser helfen zu können.

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