Merken

Rolf-Engelbrecht-Preis

Helfen, wenn der Sozialstaat nicht greift

Preisträger und -stifter im Rahmen der Feierstunde zur Verleihung des Rolf-Engelbrecht-Preises.

cs

Preisträger und -stifter im Rahmen der Feierstunde zur Verleihung des Rolf-Engelbrecht-Preises.

Damit bauen sie Brücken zwischen Menschen und stärken den Zusammenhalt. Die Idee habe sie schon 1994 gehabt. Allerdings wäre sie auf keine Resonanz gestoßen. Das erzählte Inge Blöche, Ideengeberin und aktive Kraft des Mittagstischs. Ihre Idee wird 1999 in den Arbeitskreis christlicher Kirchen Weinheims getragen – und dann geht es tatsächlich los. Inge Blöchle geht Klinken putzen bei Märkten, Bäckern und Metzgern. 2000 startet der erste Mittagstisch, geht die 19. Auflage über die Bühne. Mittlerweile steht er unter der Regie von Gertrud Oswald und Christine Gassmann. Katholische wie evangelische Kirchengemeinden engagieren sich dabei, verpflegen Obdachlose und Bedürftige, sorgen aber nicht nur für den gefüllten Magen sondern auch für das Wärmen der Seele Dank eines offenen Ohrs. „Ich habe noch nie gekocht, aber seit zehn Jahren bin ich dabei und stehe für Gespräche zur Verfügung“, sagte Pastor Christian Pestel von der evangelisch-freikirchlichen Gemeinde. Er sieht es als „bürgerschaftliches Privileg“ und einen Baustein der Gesellschaft sich gemeinsam zu kümmern. Es werde, so meinte Oberbürgermeister Heiner Bernhard, zukünftig vermehrt Situationen geben, in denen Mitmenschen Solidarität zeigen müssten.

Täglich 90 Menschen

Diese Solidarität zeigt der Mittagstisch, den zu Beginn des Jahres 2018 im Durchschnitt 90 Personen am Tag besuchten. Für sie waren 179 Helfer aus den Kirchengemeinden im Einsatz, kochten, spülten, schleppten, bedienten. „Einige nehmen sich einen Tag Urlaub, um für andere da zu sein“, betonte Gertrud Oswald die hohe Hilfsbereitschaft und sah die auch unter dem Aspekt, der eigenen Seele Gutes zu tun. Etwas, das Inge Blöchle bestätigte: „Ich hätte nie mit diesen Menschen Kontakt gehabt. Und will den aber nicht missen.“
Der Mittagstisch wird neben den Helfern auch von Geschäfts- treibenden vor Ort unterstützt - und von Spendern, die finanzielle Mittel zur Verfügung stellen. Auf etwa 10.000 Euro beziffern die Kirchengemeinden die jährlich benötigte Summe. „Aber es gibt auch selbstgestrickte Socken als Spende, auf die unsere Gäste immer sehnsüchtig warten“, erzählt Oswald.

„Der Sozialstaat muss sich mehr kümmern“

Mit Sorge betrachte man die Verschiebung dahingehend, dass neben Obdachlosen auch immer mehr Menschen kämen, die von Altersarmut und Bedürftigkeit betroffen sind. „Der Sozialstaat muss sich mehr kümmern“, fand OB Bernhard deutliche Worte. Die von ihm in seinen Einführungsworten in den Raum gestellte Frage danach, ob der Staat versage oder das Engagement eine Erfolgsgeschichte sei, wurde quasi mit einer Rückmeldung aus dem Teilnehmerkreis am Mittagstisch beantwortet. Inge Blöchle erzählte, sie habe einen Brief aus Ludwigshafen erhalten. Ein Mann habe ihr gedankt - und dem Weinheimer Mittagstisch zugleich das Prädikat „besonders wertvoll“
verliehen.

Hintergrund

Der Rolf-Engelbrecht-Preis wird seit 2012 alle zwei Jahre in Erinnerung an den gleichnamigen Weinheimer Bürgermeister verliehen. Der Preis ist eine Auszeichnung für Einzelpersonen und Initiativen, die sich vorbildlich für eine demokratische Stadtgesellschaft einsetzen, in der Menschen unabhängig von ihrer sozialen Herkunft sowie ihrer kulturellen und weltanschaulichen Vielfalt gleichberechtigt zusammenleben können.