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Geschichtliches

Humanist, Evangelist und internationaler Helfer in Not

Zeichnung der ehemaligen Knabenerziehungsanstalt Bönnigheim

Günther

Die ehemalige Knabenerziehungsanstalt Bönnigheim (Historische Gesellschaft Bönnigheim).

In einem Sonderdruck der Ludwigsburger Geschichtsblätter erinnert Kurt Sartorius aus Bönnigheim an einen Mann, der von der beginnenden Industriealisierung im frühen 19. Jahrhundert bis zu den Kriegen am Ende dieses Jahrhunderts Hilfe gegen die Armut leistete, als Pädagoge die ersten Kindergärten veranlasste und auf internationalem Parkett die Genfer Konvention zum Schutz der Verletzten, der Krankenschwestern und Pfleger sowie der Unterbringungsräume im Krieg erfolgreich verwirklichte. Das große Rote Kreuz auf Dächern von Zelten und Gebäuden war seitdem in allen Kriegen Tabu gegen Bomben. Er erweiterte die Schutzbestimmungen auf Naturkatastrophen und vergleichbare schlimme Ereignisse.

Dieser Mann war in Vergessenheit geraten, obwohl seine Pioniertätigkeit bis zum heutigen Tag lebenserhaltend wirksam ist. Aber auf dem Fangelsbachfriedhof in Stuttgart, auf dem er 1881 beerdigt wurde, steht seit 2013 eine Stele für ihn, die zum 150-jährigen Jubiläum des Württembergischen Roten Kreuzes hier aufgestellt wurde. In Bönnigheim erinnert ein Straßenname an ihn. Hier hat er 1834, ein Jahr nach seiner Ankunft in der Stadt, eine Knabenerziehungsanstalt gegründet. Das Gebäude wurde später zur Nähseidenfabrik Amann. Es gibt sogar ein weihnachtliches „Springerle“, auf dem das Schulgebäude abgebildet ist. Diese pädagogische Einrichtung besuchten auch viele Söhne aus dem Ausland, aus dem Waldensergebieten im Piemont und Südfrankreich, aus Paris und Lyon und Mömpelgard, aus England, dem Baltikum und Russland, ja aus New York, Indien und Südafrika. Die Muttersprache der Schüler war nicht nur Deutsch, sondern auch Englisch und Französisch. Hahn war 1833 im Alter von 28 Jahren zum Diakon in Bönnigheim ernannt worden. Seine erste berufliche Tätigkeit führte ihn nach Lausanne, zur Baseler Missionsgesellschaft nach Basel und später nach Esslingen. Sein wissenschaftliches Hauptwerk sind drei Bände „Geschichte der Ketzer im Mittelalter“, in denen es unter anderem um Glaubensflüchtlinge wie die Waldenser geht. Hahn erhielt unter anderem die Ehrendoktorwürde der Universität Leipzig. Seine geistige Richtung war zunächst puritanisch-pietistisch-calvinistischer Art durch die Beispiele in der Schweiz. Das sollte sich aber bald ändern, als das Leben der armen Menschen wirklich verbessert werden konnte.

Es war die Zeit der Revolution von 1848, die nicht nur eine Industriealisierung, sondern auch eine Verelendung der Bevölkerung letztendlich mit sich brachte. Damit verbunden waren besonders in Württemberg mehrere Auswandererwellen. 200.000 Deutsche verließen 1852 meist aus Armut ihre Heimat. Dadurch, von der grausamen Wirklichkeit des Lebens überzeugt, ging Hahn dazu über, nicht nur in Schriften für Glauben und Humanität zu plädieren, sondern auch in der Realität mitzuhelfen, Verbesserungen herbeizuführen. So kam er von der Baseler Mission und Inneren Mission zur praktischen Wohlfahrtsarbeit. Volksküchen, Kindergärten, Beschäftigung der Männer sowie der Frauen als Kranken- und Kinderschwestern, Gründung von Sparkassen – all das sind Einrichtungen, die in unserer Region auf ihn zurückgehen. Überall, zum Beispiel in Besigheim, entstanden Bezirkswohlfahrtsvereine. Hilfe sollte nicht Geld sein, sondern Arbeitsbeschaffung. 1850 wurde in Bönnigheim der erste Kindergarten eröffnet. Im Bezirk Besigheim wurde dann ebenfalls ein Kindergarten gegründet, ein Leseverein, ein Verein zur Bekleidung armer Landleute und ein Verein gegen Betteln der Handwerksgesellen. Schließlich gab es einen Württembergischen Wohlfahrtsverein, in dessen Zentralleitung Hahn Mitglied wurde. Er besuchte Kranke, 1834 zum Beispiel insgesamt 80, und berichtete über die Krankenbesuche und Krankheiten. 

Da seine beiden Söhne in Stuttgarter Schulen gingen, hatte er Interesse an einer Versetzung. Diese fand 1859 statt. Er erhielt eine Pfarrstelle in Heslach. Jetzt war er in der Nähe der Zentralleitung der Inneren Mission und konnte an den Sitzungen teilnehmen. Neben seine seelsorgerischen Tätigkeiten blieb das soziale Engagement erhalten. Er forderte nicht nur seelische Betreuung, sondern auch bessere finanzielle Verhältnisse für Dienstboten. Er forderte mehr Krankenhäuser, Industrie- und Arbeitsschulen und griff den Gedanken eines internationalen Arbeitsgesetzes auf, das er schon Jahre zuvor beim Wohltätigkeitskongress in Brüssel vertreten hatte. Er forderte weiter eine Arbeitszeit von 12 Stunden und wandte sich damit gegen die Ausbeutung. Sonntagsarbeit sollte nur in unbedingt notwendigen Fällen sein. Damit war Hahn, so Autor Kurt Sartorius, seiner Zeit weit voraus. Der nächste Kongress war 1857 in Frankfurt. 1862 in London nahm er nicht mehr teil.

Ein weiteres wichtiges Gebiet war für ihn die Grausamkeit der Verletzten in den Kriegen. In diesem Sinne war er Mitarbeiter des württembergischen Kriegsministeriums. Wieder zurückgekehrt von einem Kongress in Genf, teilte er mit, dass der militärische Sanitätsdienst ungenügend sei. Es kam zur Gründung des Roten Kreuzes und des Württembergischen Sanitätsvereins. Bereits im deutsch-dänischen Krieg 1864 konnten sich die Einrichtungen bewähren und dann wieder – inzwischen gab es die Genfer Konvention – im Krieg von 1870/71. Im Kriegsjahr 1870 machte Hahn trotz aller internationaler Beschäftigung in seiner Gemeinde 1.361 Pfarrbesuche. Er entwarf den württembergischen Sanitätswagen. Drei Jahre vor seinem Tod besuchte er noch den Kongress der Frauenvereine in Dresden. An seinem Grab sprach der württembergische Dichter und Prediger Karl Gerok.