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Ein Jahr Krisenmodus

Im Gespräch: Prof. Dr. Daniel Rost und Dr. Christian Bopp

Dr. Christian Bopp und Prof. Dr. Daniel Rost von den GRN-Kliniken Rhen-Neckar

GRN/Montage Redaktion LM

Als Chefarzt der Intensiv- und Notfallmedizin in der GRN-Klinik Schwetzingen stellte sich Dr. Christian Bopp ebenso gerne den Fragen der LOKALMATADOR.DE-Redaktion wie dies auch Professor Dr. Daniel Rost tat, der Chefarzt für Innere Medizin sowie Leiter der Corona-Isolationsstation.

Jede Wette, auf eine Feier werden wohl so ziemlich alle hierzulande liebend gerne verzichten. Aber es ist nun mal Fakt, dass der erste bundesweite „Lockdown“ zur Verlangsamung der Coronavirus-Ausbreitung am 22. März 2020 in Kraft trat. Doch wird auf eine damit verbundene Feier selbstredend auch an dieser Stelle liebend gerne verzichtet. Vielmehr sollen jetzt jene zu Wort kommen, die in der Corona-Krise sozusagen von Anfang an vorderster Front standen und nach wie vor dort stehen. Im Gespräch blicken Professor Dr. Daniel Rost, Chefarzt für Innere Medizin sowie Leiter der Corona-Isolationsstation und Dr. Christian Bopp, Chefarzt der Intensiv- und Notfallmedizin in der GRN-Klinik Schwetzingen auf ein Jahr zurück, das uns alle verändert hat.

LOKALMATADOR.DE (LM): In Deutschland wurde der erste Fall einer Infektion mit dem Ende 2019 neu aufgetretenen Virus SARS-CoV-2 aus der Familie der Coronaviren am 27. Januar 2020 gemeldet. Wie schnell wurde Ihnen in den darauffolgenden Tagen und Wochen klar, dass es sich hierbei um einen Ausbruch handelt, der auch die Kliniken massiv betreffen wird?

Prof. Dr. Daniel Rost: Die rasche Ausbreitung des Virus zunächst in Norditalien und Österreich, später auch in Spanien und Frankreich‚ hat die Schlagkraft des Virus deutlich gemacht. Wir haben damals mit großer Sorge den Ansturm auf die Kliniken in diesen Ländern beobachtet.

Dr. Christian Bopp: Bereits im Februar 2020 haben wir aufgrund des sich abzeichnenden Infektionsgeschehen in Asien und später in Europa zunächst klinikintern die Bedeutung für unsere Klinik und unsere Region analysiert, um eventuelle Folgen abzuschätzen und abzustimmen. Selbstverständlich hielten und halten wir Notfallpläne für verschiedene Katastrophenszenarien vor. Welche Dimension diese Pandemie annehmen wird, war uns initial jedoch damals nicht klar. Wir alle sind aber in einer enormen Geschwindigkeit in diese anhaltende Herausforderung hineingewachsen. Wir initiierten schnell regelmäßige, teils tägliche Treffen des Krisenstabes. Wir haben uns sehr rasch GRN-weit abgestimmt, haben uns im Landkreis mit den anderen Kliniken und dem Gesundheitsamt eng vernetzt, Kommunikationswege, Strategien und Ad-hoc-Lösungen zur bestmöglichen Versorgung aller Patienten und Fürsorge für unsere Mitarbeiter etabliert, und das bei zeitweise täglich wechselnder Informationslage.

LM: Wie war damals die allgemeine Situation in den GRN-Gesundheitszentren Rhein-Neckar, inwieweit war man hier vorbereitet, Patienten mit ungewöhnlichen und respektive oder unbekannten Krankheiten zu behandeln?

Prof. Dr. Rost: Die GRN-Kliniken sind seit jeher auf die Behandlung von Patienten mit Infektionskrankheiten eingestellt. Es gibt entsprechende Hygiene-Standards, persönliche Schutzausrüstung und Möglichkeiten zur Isolation von infektiösen Patienten. In den zurückliegenden Jahren haben wir regelmäßig im Rahmen der jährlichen Grippe-Epidemien Menschen mit schweren Atemwegsinfektionen behandelt. Im Winter 2009 hatte zum Beispiel der Erreger einer neuen Grippe vom Typ Influenza, die als ‚Schweinegrippe‘ bekannt wurde, ganz Deutschland erfasst. Die Behandlung von Covid-19-erkrankten Patienten haben wir mit dieser Erfahrung gut gemeistert.

Seniorin wird geimpft

Getty Images

Auf die Corona-Impfungen setzen Mediziner wie Christian Bopp und Daniel Rost große Hoffnungen.

LM:Waren Sie von der Intensität des tatsächlichen Ausmaßes des Infektionsgeschehens überrascht, was wussten Sie zu diesem Zeitpunkt über die Infektionskrankheit COVID-19?

Dr. Bopp: Von heute aus betrachtet hätten sich die meisten von uns dies in den ersten Tagen so nicht vorstellen können. Aber wir waren gut vernetzt und informiert in unseren Arbeitsbereichen, haben kompetente Führungskräfte und Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter‚ und alle an einem Strang gezogen. Entscheidend war es in der Lage zu sein, unter dem Einfluss extremer wechselnder Anforderungen von außen unsere Patienten und Mitarbeiter innerhalb kürzester Zeit sachlich und vertrauensvoll zu informieren. Rückblickend hätte dies kein vorgefertigter Notfallplan leisten können. Die Informationslage zu SARS-CoV-2 war zunächst sehr dürftig. Vieles, was mit ‚heißer Feder‘ geschrieben und berichtet wurde, musste revidiert werden. Die Geschehnisse, Dynamik und Dimension der Pandemie im Frühjahr 2020 in Norditalien oder im Grenzgebiet zu Frankreich haben uns sehr besorgt, aber auch einen zeitlichen und inhaltlichen Vorsprung gegeben, um unsere Anstrengungen nochmals zu intensivieren und eine solche Eskalation zu vermeiden.

LM: Welche waren die ersten damit zusammenhängenden konkreten Maßnahmen, die in den GRN-Gesundheitszentren Rhein-Neckar in die Wege geleitet wurden?

Prof. Dr. Rost: Anfang März 2020 wurde der für solche Fälle vorgesehene Pandemieplan aktiviert und der Pandemie-Krisenstab personell besetzt. Die Intensivkapazitäten wurden aufgestockt und eine Isolationsstation eingerichtet. Planbare‚ sogenannte elektive Eingriffe und Operationen wurden bis auf Weiteres verschoben, Stationen geschlossen und das frei werdende Personal auf der Intensivstation, in der Notambulanz und auf der Isolationsstation eingearbeitet. Patienten mit Grippe-ähnlichen Symptomen wurden schon an der Schwelle des Krankenhauses identifiziert und entsprechend isoliert und im Eingangsbereich der Kliniken Zugangskontrollen und Besucherbeschränkungen eingeführt.

LM: Hatten Sie persönlich beziehungsweise Ihre Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter Angst, wie haben Sie sich persönlich beziehungsweise wie haben sich Ihre Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter geschützt?

Dr. Bopp: Der Umgang mit schwerkranken Menschen oder infektiösen Patienten gehört zu unserem Berufsalltag. Hier haben wir, speziell im Bereich OP und Intensivmedizin, Routine sowie einen sehr hohen Hygiene- und Sicherheitsstandard. Dies haben wir anhand von Empfehlungen der Fachgesellschaften nochmals optimiert, Schulungen durchgeführt und explizit Ruhe und Zeit in den korrekten Umgang mit der persönlichen Sicherheitsausrüstung investiert. Kolleginnen und Kollegen mit relevanten Vorerkrankungen oder höheren Lebensalters sind verständlicherweise besorgter vor einer möglichen eigenen Infektion. Wir haben über die Berufsgruppen hinweg in 2020 sehr viel gesprochen, Sorgen und Ängste ausgetauscht, aufgeklärt aber auch Risikogruppen identifiziert und durch die räumlich und personell getrennte Versorgung von Covid- und Non-Covid-Patienten einen bestmöglichen Weg gefunden.

Von links: Die SChwetzinger GRN-Klinikchefin Katharina Elbs, Prof. Dr. Daniel Rost (GRN-Klinik) und die Pressesprecherin des Rhein-Neckar-Kreises Silke Hartmann

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Die Eröffnung des ersten Corona-Drive-In-Testzentrums im März 2020, an der auch Prof. Dr. Daniel Rost beteiligt war, war ein Meilenstein in der Pandemiebekämpfung im Kreis.

LM: Wie stellte sich die Lage anschließend aus Ihrer Sicht dar, worauf wurde besonders viel Wert gelegt und wo wurden Schwerpunkte gesetzt?

Prof. Dr. Rost: Nach den erschreckenden Berichten aus Italien, Spanien und Frankreich hatten wir Anfang 2020 mit einem größeren Patientenaufkommen in der ersten Corona-Infektionswelle gerechnet. Dieser Ansturm ist zu unserer Erleichterung zu diesem Zeitpunkt ausgeblieben. Darüber waren wir sehr dankbar, da in dieser Zeit das Material für die persönliche Schutzausrüstung wie Einweg-Kittel, FFP2-Masken und Handschuhe nur sehr schwer zu bekommen war. Wir hatten ausreichend Zeit, unsere Klinikroutine auf die Krisensituation abzustimmen.

LM: Da man bekanntlich im Nachhinein immer klüger ist, sollte auch gefragt werden, ob Sie rückblickend im Umgang mit den ersten Patienten etwas anders machen würden und, falls ja, was?

Dr. Bopp: Zu sagen, dass man im Nachhinein immer klüger ist, ist aus meiner Sicht zu pauschal und wird der Dimension der erbrachten Leistungen, den Unwägbarkeiten und der noch andauernden pandemischen Lage nicht gerecht. Sehr viele von uns, und hier spreche ich explizit nicht nur von uns in den Kliniken, sondern auch in allen anderen Bereichen, auch im Privaten, mussten schwierige, zeitkritische Entscheidungen unter teilweise dürftiger Informationslage treffen und übergeordnet auch selbige akzeptieren. Wir haben uns zunächst an die etablierten und empfohlenen Therapierichtlinien bei Patienten mit schweren Atemwegsinfektionen gehalten und die spezifische Therapie interdisziplinär unter anderem zusammen mit den Kolleginnen und Kollegen der Universitätskliniken Heidelberg, basierend auf den Fachempfehlungen, eng abgestimmt und gemeinsame Strategien zur Diagnostik, Therapie bis hin zu einem gemeinsamen Aufnahme- und Verlegungsmanagement etabliert.

LM: Wie stellt sich für Sie inzwischen die Gesamtsituation in wissenschaftlicher Hinsicht dar, was wurde in den vergangenen 12 Monaten auf dieser Ebene geleistet, in welchen Bereichen gab es die wichtigsten Fortschritte?

Prof. Dr. Rost: Wichtige Fortschritte in wissenschaftlicher Hinsicht waren die Etablierung einer zuverlässigen molekularbiologischen Hochdurchsatz-Diagnostik, die sogenannte PCR-Testung für SARS-CoV-2 innerhalb kürzester Zeit, die Entwicklung der sogenannten Corona-Schnelltests und die Entwicklung und Zulassung von sehr wirksamen Impfstoffen gegen COVID-19 in Rekordzeit. Von diesen wichtigen Fortschritten haben wir bereits während der zweiten heftigeren Corona-Infektionswelle ab Oktober 2020 enorm profitiert.

Abstrichnahme im Corona-Drive-In-Testzentrum Schwetzingen

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In konsequenten Teststrategien sehen die Mediziner die langfristigen Maßnahmen gegen die COVID-19-Pandemie.

LM: Auf den ersten harten Lockdown vom 22. März 2020 folgte am 16. Dezember 2020 der zweite harte Lockdown. Waren die beiden Lockdowns Ihrer Meinung nach hart genug oder hätten diese sogar noch härter ausfallen sollen?

Dr. Bopp: Die Frage nach dem mittel- bis langfristigen gesellschaftlichen und epidemiologischen Weg, der hinter uns, aber auch der, der noch vor uns liegt, ist schwer zu beantworten. So ging es auch den politischen Entscheidungsträgern im letzten Jahr und geht es aktuell. Ich halte persönlich prinzipiell die beiden Entscheidungen für richtig, wohl wissend, dass man über einzelne Bereiche sehr wohl streiten kann.

LM: Mit Stand vom 10. März 2021 um Mitternacht meldete das Robert Koch-Institut 2.518.591 laborbestätigte SARS-CoV-2-Nachweisfälle, darunter 72.489 Todesfälle, und schätzte die Zahl der Genesenen auf circa 2.328.700 Personen. Erschreckende Dimensionen, die zwei ganz bestimmte Fragen geradezu erfordern: Wann ist mit einem Ende der Pandemie zu rechnen? Kann überhaupt damit gerechnet werden?

Prof. Dr. Rost: Mit dem Ende der Pandemie kann im Herbst 2021 gerechnet werden, wenn große Teile der Bevölkerung geimpft sind. Im Moment sind leider noch nicht genug Impfstoffe in ausreichender Menge zur Verfügung. Wir hoffen sehr, dass die Impfbereitschaft der Bevölkerung auch weiterhin auf einem hohen Niveau bleibt. Dann schaffen wir alle zusammen den Weg aus dieser fürchterlichen Krise.

Die Fragen stellte Werner Popanda

Die GRN-Klinik Schwetzingen im Profil

Im Juni 1974 wurden die ersten Patienten aus dem Städtischen Krankenhaus in das neu gebaute Kreiskrankenhaus Schwetzingen in der Bodelschwinghstraße verlegt. In den darauffolgenden Jahren etablierte sich das Haus in der Region und ist mittlerweile aus der stationären Krankenhausversorgung der Metropolregion Rhein-Neckar nicht mehr wegzudenken. Das ehemalige Kreiskrankenhaus gehört zur 2006 gegründeten GRN-Gesundheitszentren Rhein-Neckar gGmbH. Im Juli 2010 wurde es entsprechend seinen Schwester-Einrichtungen in Eberbach, Sinsheim und Weinheim GRN-Klinik Schwetzingen umbenannt. Als Krankenhaus der Grund- und Regelversorgung verfügt die Klinik über 277 Betten.

Die medizinischen Fachabteilungen sind: Anästhesie und Intensivmedizin, Allgemein-, Viszeral- und Gefäßchirurgie, Orthopädie und Unfallchirurgie, Wirbelsäulenchirurgie, Innere Medizin I (Kardiologie und Angiologie), Innere Medizin II (Gastroenterologie und Onkologie), Altersmedizin, Gynäkologie und Geburtshilfe sowie das Palliativmedizinische Konsil.

Daneben gibt es eine plastisch-chirurgische sowie eine HNO-Belegabteilung. Knapp 800 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter versorgen im Jahr rund 12.000 stationäre Patienten. Hinzu kommen etwa 14.000 ambulante Notfälle und 2.000 ambulante Operationen. Rund 800 Babys erblicken hier jährlich das Licht der Welt.

Die Klinik ist Akademisches Lehrkrankenhaus der Universität Heidelberg und pflegt zahlreiche Kooperationen, etwa mit dem Universitätsklinikum und dem Nationalen Centrum für Tumorerkrankungen (NCT) in Heidelberg oder dem Psychiatrischen Zentrum Nordbaden (PZN) in Wiesloch. Außerdem arbeitet sie mit Beleg- beziehungsweise Kooperationsärzten sowie verschiedenen Facharztpraxen, die sich im unmittelbaren Umfeld der GRN-Kliniken angesiedelt haben, eng zusammen. Zudem stellt die Klinik Notärztinnen und Notärzte für die Notarztstandorte Schwetzingen, Ketsch und Walldorf und ist für die Notfallversorgung von Patientinnen und Patienten zuständig.