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Spannender Theater-Krimi

Im theater am puls dreht sich alles um den Herrn der Diebe

Wer ist der "Herr der Diebe"?

Nicole Böhm/tap

Wer verbirgt sich hinter der Maske des geheimnisvollen Herrn der Diebe?

Einmal einen Tag in Venedig verbringen. Immer am Wasser, begleitet vom Gesang der Gondoliere über Brücken schlendern, auf dem Markusplatz umringt von Tauben Geschichte erleben und Karneval feiern. In Schwetzingen ist das möglich: Einen Abend lang findet sich die Stadt der 1000 Brücken in der Spargelstadt, wird der Leimbach, der in Sichtweite des Bassermannhauses quasi um die Theaterecke fließt zum Canale Grande. Und die Zuschauer werden zu Touristen, die das rege Treiben in der Stadt des Karnevals, der Gondeln und der Maskerade bestaunen.

Coole Typen

Mittendrin: Prosper und Bo, zwei Ausreißer aus Deutschland, die vor ihrer gemeinen Tante aus Hamburg nach Venedig geflohen sind, und sich jetzt gemeinsam mit weiteren jugendlichen Außenseitern, Ausreißern und liebenswerten Chaoten in Venedig durchschlagen. Ihr Anführer: Scipio alias „Der Herr der Diebe“. Ein cooler Typ, der – wie sich später herausstellt – gar nicht so cool ist. Zusammen mit Wespe, Musca und Riccio bilden die sechs eine verschworene Gemeinschaft, die sich in einem alten Kino vor der Welt versteckt hält und Dienstgänge für den Herr der Diebe macht. Als sich die Tante auf die Suche nach den Ausreißern macht - bzw. den Detektiv Viktor Getz anheuert, ist das der Beginn eines großen Abenteuers, in dem ein Engelsflügel und ein magisches Karussell eine Rolle spielen.

Krimi mit Tiefgang

Mit der Produktion hat Regisseur Joerg Mohr einen nicht neuen, aber zuletzt bei seinen Familienstücken eher vernachlässigten Stil wieder neu belebt. Statt experimentellem Erzähltheater mit Botschaft im Vordergrund gibt es dieses Mal nach bester tap-Familienstück-Manier einen richtigen Bühnenkrimi mit Action an allen Ecken und Enden. Doch ganz ohne Botschaft geht es nicht und das ist auch gut so. Verpackt in das spannende Bühnenabenteuer, das zwischen Detektivstory, Fantasy-Roman und Abenteuer-Geschichte viele Genres bedient, hat Autorin Cornelia Funke nämlich so universelle Themen wie Freundschaft, Loyalität und Erwachsenwerden verwoben. Das alles steht in der Schwetzinger Inszenierung auch im Raum, aber eben nicht aufdringlich im Vordergrund, sondern ganz dezent mitschwingend. Krimi mit Tiefgang sozusagen. Und so verlässt man als Zuschauer – egal ob klein oder groß – nach zweieinhalb Stunden bester Unterhaltung im Großleinwandformat das Theater eher mit dem Gefühl, man hat gerade einen Kinofilm gesehen.

Szenenbild aus "Der Herr der Diebe" im theater am puls Schwetzingen

Nicole Böhm/tap

Verschworene Gemeinschaft: Die Bande um Scipio (Sam Sahin) hält zusammen.

Nachwuchs am Start

Wenn das mit dem Kinofilm zutreffen würde, müsste man den Cast im Abspann extra würdigen: Dass Sam Sahin inzwischen schon nicht mehr als Nachwuchstalent, sondern schon als gewiefter tap-Bühnenroutinier bezeichnet werden kann und Scipio die nötige Mischung aus Coolness und Verzweiflung verpasst, ist eine Sache. Aber auch Felix Rieseberg (am tap zuletzt in der Titelrolle des Peter Pan zu sehen) spielt den Prosper oscarverdächtig. Mit Lara Krahlisch als lässig-abgebrühter Punkgöre Wespe, Maximilian di Salvo, der dem schmuddeligen Straßenjungen Riccio die nötige Impulsivität verleiht und vor allem Tunay Tuncali als neunmalkluger Mosca, den man eigentlich die ganze Zeit knuddeln möchte, hat das tap-Jugendensemble weitere vielversprechende Talente dazugewonnen, mit denen es sicher noch ein Wiedersehen geben wird.

Bühnenprofis

Dass bei so viel jugendlicher Energie die erwachsenen Profis beinahe Mühe haben, zu glänzen, liegt fast auf der Hand. Es funktioniert aber dennoch tadellos, egal ob Johannes Szilvassy als raubeiniger aber liebenswürdig-schrulliger milchtrinkender Detektiv Victor Getz, Sandra Lühr, die als Schreckschrauben-Tante ihren devoten Ehemann Max (herrlich vertrottelt: Klaus Herdel) unter der Knute hat, alle „Großen“ sind völlig in ihrem Element und geben die Konterparts zur wilden, grenzenlosen Kinderwelt. Christoph Kaiser, der in der Doppelrolle sowohl den Eisklotz von Vater, als auch den durchtriebenen Barbarossa mit Leidenschaft und der nötigen Härte bzw. Exzentrik versieht und Michelle Brubach, die als Ida Spavento den weichen Kern hinter der harten Schale durchschimmern lässt, komplettieren das Ensemble. Joel Bernd hat seinen großen Moment kurz vor Schluss, als „großer“ Scipio, der sich neuen Aufgaben stellen muss, nachdem sich sein Herzenswunsch, das Erwachsensein erfüllt hat.

Nicole Böhm/tap

Harte Schale - weicher Kern. Privatdetektiv Victor Getz (Johannes Szilvassy) muss einiges wegstecken. Und dann hat auch noch seine Schildkröte Schnupfen ...

Talent im Doppelpack

Den umgekehrten Fall gibt es in dem Stück ja auch: Den Conte (Klaus Herdel, dieses Mal als Mafiapate) nach seiner Verjüngungskur so zu spielen, wie Jungspund Simon Speer es tut - altklug, exzentrisch, mit Schnurrbart und Pfeife im Mund – das ist schon großes Kino bzw. Theater. Und Simon begeistert auch gleich noch als quirliger Bo, Talent im Doppelpack quasi!

Dreh- und Angelpunkt

Und ein Star muss auch noch erwähnt werden: die neue Drehbühne. Denn nachdem sie im „Faust“ noch etwas verhalten eingesetzt wurde, dreht sich im wahrsten Sinne des Wortes in „Herr der Diebe“ alles um das neue Element. Teresa Ungan, Bernd Spielbrink und Joerg Steve Mohr nutzen die technischen Möglichkeiten der Bühne exzessiv aus, gestalten mit jeder Drehung neue Räume, vom Detektivbüro über die Kinotoilette zur windgepeitschten Lagune von Venedig. Und obwohl die Serenissima eigentlich nur durch den Schattenriss der Rialtobrücke angedeutet wird, fühlt sich der Zuschauer permanent inmitten von Tauben, steinernen Löwen, alten Palästen, Kanälen, Brücken und Kirchen. Das ist Kopfkino mit Spaßfaktor.

Szenenbild aus "Herr der Diebe"

Nicole Böhm/tap

Einbrecher ertappen Einbrecher. In "Herr der Diebe" geht es manchmal recht turbulent zu.

Nicole Böhm/tap

Prosper (Felix Rieseberg) beweist Verhandlungsgeschick beim Hehler Barbarossa (Christoph Kaiser).

Nicole Böhm/tap

Wespe (Lara Kralisch) tröstet Bo (Simon Speer).
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