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Verwandlung im Schlagzeugtakt

Kafkaeskes im theater am puls

Max Rohland und Gábor Kovács bei der Premiere von Kafkas "Verwandlung" im Schwetzinger theater am puls

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auf dem Boden: Max Rohland verleiht Kafkas Gregor Samsa gespenstisch aktuelle Züge.

Franz Kafkas surreale Erzählung „Die Verwandlung“ ist eines der bekanntesten Stücke der Weltliteratur. Sicht- und Erzählweise des Autors haben in dem Adjektiv „kafkaesk“ sogar als bildungssprachlicher Ausdruck Eingang in den Duden und unser Bewusstsein gefunden und wer kennt ihn nicht aus der Schule, den ersten Satz: „Als Gregor Samsa eines Morgens aus unruhigen Träumen erwachte, fand er sich in seinem Bett zu einem ungeheuren Ungeziefer verwandelt.“ Nun haben der Schauspieler Max Rohland und Drummer Gábor Kovács mit der Premiere ihrer szenisch-musikalischen Lesung „Die Verwandlung (on Drums)“ im theater am puls den Zuschauern neue Einblicke in die Geschichte des Protagonisten und in die Abgründe unserer Gesellschaft gewährt.

Psychose oder Familienkonflikt?

Für manche ist „Die Verwandlung“ eine, wenn auch außergewöhnliche, dennoch klinische Schilderung einer ausgereiften Psychose, für andere eine Gesellschaftsstudie, die Darstellung eines Vater-Sohn-Konfliktes und vieles mehr. Gut, in 105 Jahren gab es auch reichlich Zeit, in denen die Literaturanalyse sich mit dem Stück auseinandersetzen konnte. Was Rohland und Kovács nun allerdings darboten, gewährte dem Zuschauer einen geradezu tiefenpsychologischen Einblick und eröffnete einen neuen, sehr aktuellen Aspekt. Mit eindringlich und schauspielerisch intensiv dargestellten Bildern und dem „metaphorischen Schlagzeugspiel“ von Gábor Kovács entstand eine körperlich miterlebbare Reise in das Seelenleben des Gregor Samsa.

Max Rohland und Gábor Kovács im theater am puls Schwetzingen bei der Premiere von Kafkas "Verwandlung"

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Kafka mal anders. Die szenisch-musikalische Lesung mit Max Rohland (l.) und Gábor Kovács gefiel dem Publikum.

Schlammschlacht

Als um 20 Uhr die Lichter im Saal ausgingen, stimmte der Drummer das Publikum zuerst mit sanften, danach mit immer härteren Beats auf das Kommende ein. Max Rohland stolperte auf die Bühne, Aktenkoffer und Ordner in der Hand, ohne Hose – ein Getriebener, nicht nur von der Gesellschaft, sondern auch von sich selbst. Wie so manch moderner, metrosexueller Mann, der sich morgens eine Tagescreme ins Gesicht schmiert, trug sich Gregor Samsa Schlamm auf, langsam, fast schon genüsslich, wie eine Maske, die wir alle täglich tragen oder wie Schmutz, den wir auf unser eigenes Ego werfen, wenn wir uns selbst kleinmachen?

Rhythmen als Spiegelbilder der Seele

Wundervoll gab der Schauspieler im selben belanglosen Ton, in dem Kafka Ungeheuerlichkeiten schildert, die betreffenden Stellen wieder, genau so wie er voller Inbrunst die Panik der Familie oder die Entrüstung des in der Wohnung auftauchenden Vorgesetzten darstellte, darüber dass der Angestellte noch nicht zur Arbeit erschienen sei. Mit ganzem Körpereinsatz warf er sich zu Boden, wenn das Insekt kroch, fiel vom Stuhl, wenn der Protagonist fiel oder lag entspannt, wenn er von den seltsam ruhigen Gedanken Gregors sprach. Über die ganze Zeit begleitete ihn Kovács einfühlsam an seinem Instrument. Quasi als Einheit fungierend, wurde so unüberhörbar die schauspielerische Darstellung durch Musik und die dazugehörigen Vibrationen akustisch und physisch spürbar gemacht, was seine Wirkung nicht verfehlte. Doch trotz aller Dramatik konnte hier und da aufgrund skurriler Situationen oder überraschender musikalischer Interpretation auch gelacht werden. So auch beim auf dem Schlagzeug auf besondere Weise dargestellten Geigenspiel der Schwester Grete.

Max Rohland und Gábor Kovács bei der Premiere von Kafkas "Verwandlung" im theater am puls Schwetzingen

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Max Rohlands intensive Bühnenpräsenz wird noch untermalt von den kernigen Beats von Gábor Kovács.

Was anders ist, muss weg

Als das von Gretes wunderschönem Spiel angezogene Insekt sein Zimmer verlässt und die Situation eskaliert, fiel das entlarvende „Gregor muss weg!“ und Gábor Kovács unterstrich die steigende Dramatik durch orgiastische Klänge. Max Rohlands Hose fiel im entscheidenden Moment und zeigte uns eins: Die Gesellschaft lässt hier die „Hosen runter“. Das was anders ist muss weg, darf nicht sein. Was bisher scheinheilig verborgen war, trat nun offen ans Licht. Die Familie will sich nicht länger, noch nicht einmal halbherzig wie bisher, mit dem „anderen Gregor“ beschäftigen, geschweige denn, sich um ihn kümmern. Eben dieser gesellschaftskritische Aspekt der Erzählung, der heute aktueller denn je erscheint, wurde zwischen all den psychoanalytischen Ansätzen bisher nur wenig beleuchtet. Entlarvend auch der ekstatische Tanz des Schauspielers zu hämmernden Rhythmen nach dem Ruf der „Putzfrau“: „Es ist krepiert!“ Das was anders ist stirbt, die Gesellschaft feiert.

"Mutig und wild"

Nach gut einer Stunde belohnte das Publikum das Duo mit lange anhaltendem Applaus und begeistertem Trampeln. Auch bei Alex Golonko aus Oftersheim kam das Stück gut an: „Max Rohland hat eine sehr ausdrucksstarke Mimik. Kafka kenne ich noch aus der Schule, aber so konnte ich die Geschichte hautnah miterleben. Es hat mir gut gefallen.“ Und Ehefrau Susanne fügte – noch sichtlich bewegt – hinzu: „Keine normale Lesung. Es war einfach mitreißend!“ tap-Intendant Joerg Steve Mohr freute sich, dass die Premiere von „Die Verwandlung (on Drums)“ ins seinem Hause stattfand: „Ein sehr mutiges, ein sehr wildes Stück. Max ist auch stimmlich hervorragend.“ Und Gábor Kovács verriet: „Ich bin als Drummer schon um die ganze Welt gereist. Aber als ich sah, wie Max zu meinem Spiel im Frankfurter Theater Willy Praml auf der Bühne tanzte, war klar, dass wir etwas zusammen machen.“ Max Rohland kommentierte: „Das war ein richtiges Initiationserlebnis. Mit niemand anderem hätte ich das heutige Stück spielen können.“

Info

Die nächste Vorstellung von „Die Verwandlung (on Drums)“ findet am 6. November um 20 Uhr statt. Karten ausschließlich unter www.theater-am-puls.de, das Theater hat ein umfangreiches Sicherheitskonzept.