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Mehr als ein Büchermuseum

Vor fast genau 45 Jahren hat Helma Ermler die Gemeindebücherei in Laudenbach wiederbelebt. Damals noch im heutigen Rathaus, das 1976 nur Nebenstelle im Schulgebäude war. Vor zehn Jahren ist die Bücherei in die Sonnberg-Grundschule umgezogen. Das Mitteilungsblatt hat zum doppelten Jubiläum einen Blick zurück geworfen - und zeigt, dass die Bücherei auch im Zeitalter des digitalen Wandels ein Zukunftsort ist.

Angefangen hat alles mit einer Holzbaracke und einem Wahlkampfversprechen. 1.000 Bücher hat Helma Ermler 1976 aus einer baufälligen Hütte der ehemaligen Schule vor dem Verfall der Zeit gerettet. Die Gemeindebücherei war wiedergeboren. In einem kleinen Zimmer der damaligen Rathaus-Nebenstelle. Exakt 582 Ausleihen notierte sie im ersten Jahr. Heute ist das ehemalige Schulgebäude der Verwaltungssitz, das alte Büchereizimmer ist das Einwohnermeldeamt und Schule sowie Bibliothek sind längst umgezogen. Aus 500 sind über 20.000 Ausleihen jährlich geworden.

Doch mit der Bücherei und dem Rathaus hat sich in den vergangenen Jahren auch das Informationsverhalten der Menschen drastisch verändert. Wer heute Informationen braucht, nutzt Suchmaschinen im Internet. Ein Klick, ein Fingerwisch - und das Wissen der ganzen Welt steht in Sekundenbruchteilen zur Verfügung. Manchmal erscheint die Antwort schon, bevor die Frage zu Ende getippt ist. „Brauchen wir dann Büchereien überhaupt noch?“, lautet deshalb auch die Frage, die Laudenbachs Bürgermeister Benjamin Köpfle anlässlich des Jubiläums stellt. Nur, um sie nachdrücklich mit „Ja“ zu beantworten.

„Öffentliche Büchereien“, betont Köpfle „sind als Garant der Informationsfreiheit und Meinungsvielfalt Grundpfeiler einer freiheitlichen, integrativen und aufgeklärten Demokratie“, betont er weiter. In einer Welt, in der sich der virtuelle Raum ständig ausbreite, müssten Büchereien als physischer Raum ihre Bedeutung beibehalten. Genau diesen Raum will die Gemeindebücherei liefern. Sie versteht sich, das wird beim Jubiläum deutlich, schon lange nicht mehr nur als reiner Bücheraufbewahrungsort, sondern begreift sich als ein kultureller Ort der Begegnung, der Unterhaltung und des Austauschs. Ein öffentlicher Raum, der viel mehr sein kann als ein Büchermuseum: Hier sollen Menschen die Vorzüge der digitalen Welt genau wie die der physischen Bibliothek nutzen können. Sie sollen im Internet surfen können, gleichzeitig aber auch Antworten auf komplexe, wissenschaftliche Fragen finden, deren Tiefe Internet-Suchmaschinen nur selten abbilden. Menschen sollen Magazine aus aller Welt lesen können, an Kursen oder Workshops teilnehmen, Lesungen lauschen. Kinder sollen spielen, programmieren oder Filmerstellung lernen können. 

Auf diesem Weg befindet sich die Bücherei nach eigenem Verständnis schon. Das zeigt auch die Feierstunde selbst. Musik der Gruppe „Just friends & Siggi“ gehört genauso zum Programm wie Torwandschießen und eine Lesung von Bürgermeister Köpfle. Besonders für Kinder gibt es schon seit Jahren Veranstaltungen und Angebote, die das ganze mediale Spektrum abbilden. Zu verdanken ist das Carol Boppré-Kloss und Leiterin Michaela Ulmer, die in die großen Fußstapfen von Helma Ermler getreten ist. Mit dem Zuschlag für ein weiteres Förderprogramm just zum Jubiläum will die Bibliothek in Laudenbach noch mehr zu einem „Dritten Ort“ werden. „Dieser öffentliche Raum“, sagt Benjamin Köpfle, „ist für die Demokratie unabdingbar“. Der Rathauschef nimmt ebenfalls die Idee eines Vorgängers wieder auf, wenn er sagt: „Wir brauchen Büchereien und wir müssen uns dafür einsetzen, 

dass sie weiterhin existieren und dass sie gut frequentiert sind“. Die Wiederbelebung einer Gemeindebücherei geht auf den ehemaligen Bürgermeister Fritz Kaiser zurück, der im Wahlkampf 1975 eine öffentliche Bibliothek in Aussicht stellte - wenn sich denn jemand finde, der sich darum kümmere. Über 25 Jahre lang erfüllte das Helma Ermler das als personifizierter Inbegriff der Bücherei. Aus der Bücherei-Story hat sie im Laufe der Jahre einen Bestseller mit kontinuierlich steigender „Auflage“ gemacht. Für eine echte Ausleih-Explosion sorgte erst der Umzug mit größeren Räumlichkeiten in der Sonnberg-Grundschule. Der Beitritt zum Verbund der Metropol-Card-Bibliotheken Rhein-Neckar 2015 gab besonders in Sachen digitaler Medien einen Schub und stockte den elektronischen Bestand auf über 40.000 Titel auf. Neben Helma Ermler und Michaela Ulmer gibt es für die Einrichtung noch eine dritte Konstante: Seit 20 Jahren unterstützt der ortsansässige Malerbetrieb Wieland die Bücherei finanziell.

Dass eine Bibliothek ein zukunftsgerichteter Ort sein kann, bewies sich schon zur Jahrtausendwende. Zum 25-jährigen Jubiläum versorgte die Einrichtung alle Besucher schon 2001 mehrere Monate mit kostenlosem Internet.