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Vögel sind Indikatoren für Klimawandel

Milder Winter schickt Brutvögel vorzeitig in Balzlaune

Kohlmeise

NABU/Frank Hecker Naturfotografie

Kohmeise

Das Jahr 2019 war das drittwärmste seit Beginn der Wetteraufzeichnungen. Neun der zehn heißesten Jahre in Deutschland lagen in der abgelaufenen Dekade 2010 bis 2019. „Der Klimawandel heizt uns mächtig ein. Erste Effekte sind auch in der Vogelwelt nachweisbar“, sagt Dr. Stefan Bosch, Ornithologe und Fachbeauftragter des NABU Baden-Württemberg.
Für manche Vogelarten sei der Klimawandel ein weiterer Faktor, der die Art vollends an den Rand des Aussterbens drängt, so Bosch. Andere Vögel profitierten hingegen von milden Wintern und fehlendem Schnee. Sie können ihr Revier weiter ausdehnen. „Wärmeliebende, mediterrane Arten wie der papageienbunte Bienenfresser finden am Oberrhein und in Südbaden gute Bedingungen vor. So verschiebt sich das Verbreitungsgebiet beispielsweise von Wiedehopf und Bienenfresser jedes Jahr um zwei bis 20 Kilometern gen Norden. Wiesenpieper oder Bekassine sind dagegen gezwungen, in kühlere Gebiete auszuweichen. Vögel der Gebirge, wie Bergpieper, Ringdrossel oder Zitronenzeisig, weichen zunächst in größere Höhen aus. Doch dem sind geografische Grenzen gesetzt.

Rotkehlchen

NABU/Frank Hecker Naturfotografie

Rotkehlchen

Vom frühen Start und verpassten Insekten

Im Garten oder auch im Wald machen sich bereits die überwinternden Singvögel lautstark bemerkbar: Kohlmeisen, Blaumeisen und Kleiber beginnen nach anhaltend milden, sonnigen Tagen mit ihren Reviergesängen. Einige Hausrotschwänze, Bachstelzen und Zilpzalpe kundschaften bereits günstige Nistmöglichkeiten aus. Auch mancher Star zeigt bereits erste Frühlingsgefühle. „Eigentlich sollten sie jetzt in Südspanien oder Marokko sein. Doch weil die Temperaturen günstig waren und es genügend Nahrung gab, sind dieses Jahr mehr Stare als sonst hiergeblieben und können so früher in die Brutsaison starten“, sagt der Vogelkundler. Wer da bleibt, hat gewisse Vorteile gegenüber ziehenden Artgenossen, kann günstige Nistplätze besetzen oder sogar zweimal brüten.
Zwar sind Langstreckenzieher, wie Störche, Nachtigall und Kuckuck, stärker genetisch auf eine bestimmte Zugzeit geprägt, doch auch sie kehren im Frühjahr etwa drei Wochen früher aus ihren Winterquartieren zurück als vor 40 Jahren und brüten früher. Die Vögel rasten nur kurz und fliegen schnell nordwärts weiter. Trotzdem kommt der Kuckuck in manchen Gebieten zu spät zurück, wenn die Brut der Wirtsvögel schon zu weit fortgeschritten ist. Dann kann ihnen das Kuckucksweibchen kein Ei mehr unterschieben und geht leer aus.
Auch der Trauerschnäpper, der etwa erst Mitte April aus dem Winterquartier zurückfliegt, hat Probleme: Er verpasst das Nahrungsmaximum an Insekten für die Jungenaufzucht und findet in den lichten Laub- und Mischwäldern, die er bevorzugt, nur noch bereits besetzte Bruthöhlen vor. Die Bestände sind in den meisten Gebieten so anhaltend stark zurückgegangen, dass der kleine Vogel als stark gefährdet in der Roten Liste des Landes steht. Sein Bestand ist in den letzten Jahrzehnten in manchen europäischen Gebieten um mehr als 90 Prozent gesunken.

Klimaschutz ist Vogelschutz

Schon kurz- bis mittelfristig wird der Klimawandel zur Gefährdung der Bestände einiger dieser Arten führen. „Klimaschutz ist auch Vogelschutz“, sagt Bosch. Viele NABU-Gruppen und Privatpersonen unterstützen Vogelarten auch ganz direkt mit Nisthilfen im Wald, im Garten und auf Streuobstwiesen, damit Arten wie der Trauerschnäpper weiter eine Chance haben.