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Kloster Ochsenhausen

Mönche untersuchen das Himmelszelt

Ochsenhausen aus der Luft

Achim Mende

Das Kloster Ochsenhausen gehört zu den großen barocken Klosteranlagen in Oberschwaben.

Am 24. Mai 1543 starb Nikolaus Kopernikus, der große Astronom. Er setzte die Sonne in das Zentrum eines neuen Weltbildes, sehr zum Ärger der Kirche. Dass gerade die Benediktinermönche von Ochsenhausen eine eigene Sternwarte betrieben, mag überraschen – und spricht für ihre Aufgeschlossenheit der Wissenschaft gegenüber.

Der bildungshungrige Kopernikus

Nikolaus Kopernikus wurde am 19. Februar 1473 im preußisch-polnischen Thorn als Sohn eines reichen Kaufmanns geboren. Kaum zehn Jahre alt, verlor er seinen Vater, woraufhin sein Onkel Lucas Watzenrode, Fürstbischof von Ermland, für seine Ausbildung sorgte. Nikolaus entwickelte einen enormen Bildungshunger: Er studierte die Sieben Freien Künste an der Universität Krakau und zog 1496 nach Bologna. Neben Rechtswissenschaften und Griechisch setzte er sich hier mit der Astronomie seiner Zeit auseinander. Es folgte ein längerer Bildungsaufenthalt in Rom sowie ein Medizinstudium in Padua. Am 31. Mai 1503 verlieh ihm die Universität von Ferrara den Doktortitel des Kirchenrechts, in Medizin machte er keinen Abschluss.

Zweifel beim Blick zu den Sternen

Während seines Studiums in Bologna unterstützte Kopernikus den Astronomen Domenico Maria da Novara (1454-1504) bei dessen Himmelsbeobachtungen. Novara war nicht davon überzeugt, dass das antike ptolemäische Weltbild korrekt sei. Nach der Theorie von Claudius Ptolemäus aus der Zeit des 2. Jahrhunderts nach Christus steht die Erde unbeweglich im Mittelpunkt des Weltalls, umkreist von der Sonne und allen anderen Gestirnen. Mit seinen Zweifeln dürfte Novara den kritischen Kopernikus angesteckt haben.

Azimutalquadrant in Ochsenhausen

Joachim Feist / ssg

Der Azimutalquadrant misst fast drei Meter. Er diente dazu, die Position von Gestirnen zu bestimmen.

Kopernikus rückt die Sonne ins Zentrum

Nikolaus Kopernikus lebte zur Zeit der Renaissance, als sich Wissenschaftler und Künstler antikes Wissen wieder aneigneten. Für seine astronomischen Studien las Kopernikus intensiv die Überlieferungen und Berichte antiker Himmelsbeobachter. Bereits im antiken Griechenland gab es Überlegungen, dass die Erde um einen fixen Punkt kreisen würde. Dennoch war es Kopernikus, der mit seinem Hauptwerk „De revolutionibus orbium coelestium“ - „Über die Umlaufbahnen der Himmelssphären“ - 1543 für eine wissenschaftliche Sensation sorgte. Er entwarf darin ein mathematisch-naturphilosophisches Modell, in dem sich die Erde und die anderen Planeten auf Ellipsen um die Sonne drehten und die Erde außerdem um sich selbst. Bis heute wird daher das heliozentrische auch als kopernikanisches Weltbild bezeichnet – ein Meilenstein der Astronomie.

Die Kirche und das neue Weltbild

Kopernikus starb am 24. Mai 1543 und erlebte den Siegeszug seines Hauptwerkes nicht mehr. Lange hatte er mit der Veröffentlichung gezögert: Zum einen dürften ihn die mögliche Kritik seiner Forscherkollegen geschreckt haben, dass er seine Thesen hauptsächlich auf Berechnungen, nicht auf eigene Beobachtungen stützte. Zum anderen vertrat die Kirche das biblische Weltbild mit der Erde als Zentrum, andere Annahmen konnten als Ketzerei verdammt werden. Bis 1757 lehnte die katholische Kirche das heliozentrische Weltbild ab, auch wenn sich damit viele astronomische Vorgänge besser erklären ließen.

Eine Sternwarte im Kloster

Wissenschaftsfeindlich war die Kirche dennoch nicht, denn das Beobachten von Sternen wurde in einigen Klöstern konsequent betrieben. So krönte beispielsweise eine hochmoderne Sternwarte den barocken Umbau des Klosters Ochsenhausen. Ab 1788 entstand im südlichen Eckturm des Konventgebäudes die Sternwarte mit drehbarer Kuppel. Deren Bau kostete ein Vermögen und war eine wissenschaftliche Sensation in der Region Oberschwaben. Der damals hochmoderne Azimuthalquadranten zählt mit knapp drei Metern Höhe zu den größten seiner Zeit. Das astronomische Messinstrument diente dazu, die Position von Gestirnen zu bestimmen. Beim Anvisieren konnte ihre Höhe über dem Horizont an der Gradeinstellung des Viertelkreises abgelesen werden. Der Erbauer des Instruments war der Ochsenhauser Mönch Pater Basilius Perger (1734–1807), Astronom und Professor der Mathematik. Der Quadrant blieb in Fragmenten erhalten und wurde von 1985 bis 1989 ergänzt und restauriert.