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Premiere in Schwetzingen

Monsieur Ibrahim und die Blumen des Koran

Alternativer Text

tap/Nicole Böhm

Monsieur Ibrahim (Johannes Szilvassy) und Moses (Sam Sahin) machen sich auf die Reise gen Süden.

„Gold braucht keinen Stein der Weisen, aber das Kupfer, ja.“ Die Worte des persischen Mystikers und Sufisten Rumi stellt der französische Autor Éric Emmanuel Schmidt ins Zentrum seines Romans „Monsieur Ibrahim und die Blumen des Koran“ und Regisseur Joerg Steve Mohr tut es ihm in der Bühnenfassung am theater am puls gleich: In großer Schrift empfängt das Zitat die Besucher und der Sinn der Worte entfaltet sich im Laufe des Theaterabends.

Spielfreude

Ausgewählt habe er das Stück für die aktuelle Spielzeit, „weil ich es besonders schön finde“, erklärt Mohr eingangs schlicht und einfach, bevor er dem Premierenpublikum genau so viel Spaß und Freude wünschte, wie er in den vergangenen Wochen bei der Entstehung desselben hatte. In der Tat, beim Zuschauen etwas anderes zu empfinden, fällt schwer, alleine die Spielfreude der lediglich drei Darsteller wirkt ansteckend.

tap/Nicole Böhm

Moses (Sam Sahin) kommt bei leichten Damen (Sandra Lühr) gut an.

Von Dirnen und Dosen

Moses (Sam Sahin) ist zwölf Jahre alt und lebt in einem jüdisch geprägten Viertel von Paris. Mit seinem depressiven und lieblosen Vater, einem Anwalt, kommt er nicht zurecht und auch in der Schule läuft es nicht so. Einziger Lichtblick im Alltag sind die Prostituierten in der Rue du Paradis, bei denen Moses in trauter Regelmäßigkeit sein Erspartes in körperliche Zuneigung investiert. Und da ist noch Monsieur Ibrahim, der einzige Araber im Judenviertel, der tagein tagaus in seinem kleinen Kolonialwarenladen an der Ecke sitzt, zwischen Konservendosen und Auslagen, im grauen Kittel und weißen Hemd, mit Zähnen wie Elfenbein, Schnurrbart und Augen wie Pistazien. Eigentlich ist Monsieur Ibrahim ja gar kein Araber, er kommt nämlich „vom goldenen Halbmond“ - aus Anatolien in der Türkei. Araber, das bedeutet in seiner Branche einfach: geöffnet von 8 bis 24 Uhr, sieben Tage die Woche, nachts und am Wochenende.

Mit Monsieur Ibrahim (Johannes Szilvassy) verbindet Moses eine seltsame Beziehung: Um Geld für seine amourösen Abenteuer mit den Damen der Halbwelt zu sparen und dem tristen Alltag so zu entfliehen, klaut Moses in dem kleinen Laden ab und an ein paar Konservendosen. Bis er merkt, dass Monsieur Ibrahim Gedanken lesen kann. Und auch sonst lebt dieser kleine, stille Mann anscheinend in seiner eigenen Welt, frei von Missgunst, voller Nachsicht und schlitzohrigem Humor. Monsieur Ibrahim weiß eben, was in seinem Koran steht, auch wenn das sein Geheimnis bleibt. Und er nimmt es Moses auch nicht krumm, dass er ihn bestiehlt. Denn als Sufi, Anhänger einer mystischen Strömung des Islam, ist alles Materielle sowieso eine Ablenkung vom eigentlich Wichtigen: sich zu veredeln, das Herz zu wecken.

Alchemie der Freundschaft

So wächst die Beziehung der beiden, weil die Chemie einfach stimmt: Ibrahim wird für Momo, wie er Moses liebevoll nennt, zum „Stein der Weisen“, und das Publikum Zeuge einer eigentümlichen alchemischen Verwandlung. Aus Kupfer wird Gold, aus dem unsicheren, verzweifelten und wütenden Jungen ein sicherer, gewitzter und selbstbewusster junger Mann. Das passiert leise und behutsam und in vielen kleinen Schritten. Angefangen vom historischen Moment, wenn sich Monsieur Ibrahim von seinem Stuhl erhebt, an dem Tag, als Brigitte Bardot den kleinen Laden besucht, Momo zum Träumen bringt und den Charmeur in Monsieur Ibrahim weckt.
Gemeinsam mit den beiden geht das Publikum auf Streifzüge durch das schöne Paris - das von den Ansichtskarten, sieht zu wie Momo lernt, dass ein Lächeln oft Türen und Herzen öffnen kann und dass in der Ruhe die Kraft liegt. Selbst, als das Schicksal mit aller Kraft zuschlägt und Moses Vater den Kampf gegen die Depression verliert, ist die Tragik rasch überwunden. Denn Momo hat längst eine neue, wirkliche Vaterfigur gefunden, mit der er sich auf eine Reise begibt, die symbolischer nicht sein könnte.

tap/Nicole Böhm

Kongenial: Abdalhade Deps Oud-Spiel fügt der Inszenierung eine weitere Ebene hinzu.

Parabel auf Toleranz

„Monsieur Ibrahim“ erzählt von einer Reise zu sich selbst, von Verzeihen und Akzeptieren, verpackt in eine berührende Geschichte von Freundschaft, die über die Grenzen von Religion und Alter hinweg zwei Menschen verbindet und sogar Endgültiges wie den Tod überwinden kann. Eine Coming-of-Age-Geschichte, so philosophisch, tragikomisch und hintersinnig wie das Leben selbst, unprätentiös, authentisch und ehrlich. Das macht vor allem Sam Sahins Spiel aus. Nur vier Jahre sind vergangen, seit der damals Neunjährige das erste Mal für eine Rolle am theater am puls vorgesprochen hat – doch dazwischen liegen Welten. Scheinbar mühelos verkörpert er den Moses in allen Facetten, den rast- und ziellosen Teenager, für den Liebe ein Fremdwort ist, den Derwisch, der in Einklang mit sich zum Dreh- und Angelpunkt seines Universums wird, und schließlich den „Araber an der Ecke“.

Johannes Szilvassy spielt den Monsieur Ibrahim mit der gebotenen Portion an Würde, Sanftheit und Besonnenheit, die es braucht, der Figur Leben zu verleihen und Sandra Lühr schlüpft wie ein weibliches Chamäleon in die Damenrollen von der Prostituierten über die Lehrerin bis hin zur verschollen geglaubten Mutter Moses‘. Ein Geniestreich in Teresa Ungans Bühnenbild: Den depressiven, seelisch kranken Vater als Marionette darzustellen, unfähig, eigene Regung zu zeigen. Das bewegt ungemein.

Musik als Brücke

Ein weiteres Highlight der Inszenierung: Die Musik. Abdalhade Deps Gesang und Oud-Spiel fügen sich so nahtlos in das Bühnengeschehen ein, dass man den Musiker selbst gar nicht wahrnimmt, wenn er nicht entsprechend inszeniert wird. Syrische Sufi-Musik und ein klassisches arabisches Schlaflied der libanesischen Sängerin Fairuz schlagen so genauso eine Brücke vom Orient zum Okzident, wie die Geschichte. Eine Geschichte, die ganz ohne Kitsch und Pathos zeigt, dass das was in einem Buch steht, manchmal weniger wichtig ist, als das, was zwischen den Zeilen zu finden ist: Schönheit, Wahrheit, Freundschaft.

Rund hundertachtzig Umdrehungen des Minutenzeigers und einige Umdrehungen auf der Bühne später geht das Licht im Zuschauerraum wieder an und entlässt ein sichtlich gerührtes Publikum in einen ruhigen Abend, bei dem offensichtlich eine Botschaft des Stückes unmittelbar angekommen scheint: „Zack, lächeln!“