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Löwen-Talk ging in die nächste Runde

Nachwuchsarbeit: Der steinige Weg ins Profigeschäft

Löwen-Talk der Rhein Neckar Löwen

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Eine Expertenrunde bestehend aus Michael Abt (Trainer der zweiten Löwen-Mannschaft), dem ehemaligen Handball-Bundestrainer Heiner Brand, Marcus Kuhl (Geschäftsführer des Nachwuchsleistungszentrums der Adler Mannheim) und Moderator Frank Schneller diskutierten vor kleiner Kulisse über die einzelnen Themen.

Der Sprung in den Profikader ist schwierig

Der schwere Spagat zwischen Jugend- und Profimannschaft wird deutlich, wenn man sich den aktuellen Kader der Rhein-Neckar Löwen ansieht. Rechtsaußen Patrick Groetzki ist der letzte Spieler, der sich dauerhaft bei den Mannheimern durchsetzen konnte. Der gebürtige Pforzheimer ist mittlerweile ein Routinier. Sein Sprung zu den Profis liegt entsprechend schon etwas länger zurück. Kurzfristiger Erfolg ist bei Spitzenteams wichtiger als die Einbindung des Nachwuchses in den laufenden Spielbetrieb. Für eigene Fehler gibt es wenig Spielraum.

Ein ähnliches Bild zeichnete Marcus Kuhl bei den Adler Mannheim. In der Jungadler Akademie werden zwar viele zukünftige Profis ausgebildet, doch jahrelang wurden die Talente verkannt und wenn überhaupt nur spärlich eingesetzt. Schmunzelnd fügte er hinzu, dass die ehemaligen Jugendspieler jetzt im Trikot der Konkurrenz spielen und den Mannheimern regelmäßig den Puck ins Netz schießen. Diese Tendenz hatte sich zuletzt wieder etwas gewandelt. Einige Nachwuchskräfte wie Moritz Seider und Tim Stützle kamen im Trikot der Adler zum Einsatz. Eher Ausnahmen oder zukünftig die Regel?

Spielsystem vs. Philosophie

Die Qualität in den einzelnen Jahrgängen ist sicherlich unterschiedlich. Trotzdem hilft beispielsweise ein einheitliches Spielsystem wie bei den Adlern, um den Prozess zu beschleunigen und die Lernphase zu verkürzen. Das Konzept wird von den Profis bis zu den Schülermannschaften durchgängig angewandt. Laut Marcus Kuhl wird den Jungstars damit der schnelle Einstieg erleichtert, weil Grundlagen wie Laufwege oder das Unter/Überzahlspiel sofort anwendbar sind. So können verletzte Profis leichter ersetzt werden. Im Gegensatz dazu steht bei den Löwen die individuelle Förderung im Vordergrund. Trainer Michael Abt betonte, dass aus seiner Sicht die Grundlagen im körperlichen und spielerischen Bereich gelegt werden müssen, um später einmal im Haifischbecken „Handball-Bundesliga“ zu bestehen. 
 

Zu viele Verletzungen

Heiner Brand war in seiner aktiven Zeit als Nationaltrainer (1997-2011) stets als Kritiker der damaligen Jugendförderung bekannt. In der Talkrunde gab er zu verstehen, dass in der Zwischenzeit positive Schritte eingeleitet wurden. Im Vergleich zu anderen Nationen gebe es viele Nachwuchsspieler, die aktiv Handballsport betreiben. Was auch daran liegen dürfte, dass die Vereine mittlerweile eigene Nachwuchsleistungszentren haben. Die besten Einrichtungen werden jährlich mit einen Jugendzertifikat der Handball-Bundesliga belohnt. 

Dennoch zeigte sich der ehemalige Weltmeistertrainer von 2007 besorgt über die vielen Verletzungen der Spieler. Viele Nationalspieler hätten schon in jungen Jahren schwerliegende Verletzungen hinter sich. Er kenne die Ursachen der Misere nicht, aber diese Tendenz sei ein ernstzunehmendes Problem. Die Leistungsfähigkeit kann davon nachhaltig beeinflusst werden. Die Frage nach der zu hohen Belastung kam zwangsläufig wieder auf. Im Eishockeysport stellt sich die Situation ähnlich dar. Jugendspieler müssen bis zu 70 Spiele pro Saison absolvieren, bei den Profis steigert sich die Zahl auf bis zu 100 Spiele. Jeden dritten Tag müssen die Profis der Adler Mannheim auf die Eisfläche. Die Tendenz einer größeren Verletzungsanfälligkeit konnte Marcus Kuhl nur bestätigen. 

Umso wichtiger ist der wertvolle Erfahrungsschatz der Profis, der an die Jungstars vermittelt wird. Von der Symbolkraft einmal abgesehen, können Spieler wie Uwe Gensheimer wichtige Impulse von außen liefern und den Jungs entsprechende Tipps mit auf den Weg geben, so Brand. Im Gegensatz zum Fußball hilft die Nahbarkeit der Spieler im gegenseitigen Umgang enorm weiter.

Nachwuchsleistungszentren als Basis

Die professionelle Jugendarbeit der Rhein-Neckar Löwen und den Adlern stützt sich auf Nachwuchsleistungszentren in Kronau bzw. Mannheim. Die Anforderungen sind hart und nehmen Einfluss auf alle Bereiche des Lebens. Neben der sportlichen Förderung steht die schulische Ausbildung im Vordergrund. Ziel ist es, dass alle Internatsschüler nach Beendigung der Schulzeit ihren Abschluss in der Hand halten. Dabei helfen eigens eingestellte Sozialpädagogen und Nachhilfelehrer, um das Risiko von schlechten Noten zu minimieren. Doch auch das sportliche Programm ist tough, zwei bis drei Trainingseinheiten pro Tag sind fester Bestandteil im Trainingsplan. Der Betreuerstab wird erweitert durch Athletik- und Individualtrainer, beim Eishockey kommen zusätzlich noch Lauftrainer hinzu.

Das alles ergibt eine Struktur, die sich nur finanziell gut aufgestellte Vereine leisten können. Vor allem im Eishockeysport ist dies immer noch eine Ausnahmeerscheinung. Und trotz der zahlreichen Maßnahmen wird sich am Ende nur ein Bruchteil der Nachwuchskräfte durchsetzen und später einmal im Trikot der Profivereine auflaufen. Der Weg, um einmal in der SAP Arena spielen zu dürfen - er ist und bleibt nicht leicht.