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Kinderhochschule Medizin - Teil 1

Spannende Themen und viele Teilnehmer

Foto: Neckar-Odenwald-Kliniken gGmbH

Beim Strohalmtest merkten die jungen Teilnehmer, wie es sich anfühlt, wennman zu wenig Luft einatmet.

Wieder gelang es den Referenten Kinderhochschule Medizin, an den ersten beiden Tagen der Sommerferien eigentlich schulmüde ferienreife Mädchen und Jungen aus Mosbach und Buchen in großer Zahl als hellwache Teilnehmer zu gewinnen.

Und die circa 200 Teilnehmer/innen pro Veranstaltungstag erlebten auch die mittlerweile 7. Ausgabe der beliebten Veranstaltungsreihe, die von Ärzten der Neckar-Odenwald-Kliniken durchgeführt wird, eigenen Worten zufolge als „ultra spannend“ und „mega cool“. Für viele der 8- bis 12- Jährigen, die auch dieses Jahr im Mosbacher Ärztehaus viel Wissenswertes über den menschlichen Körper erfuhren, stand am Ende auch erneut fest: „Beim nächsten Mal bin ich wieder dabei!“ Und solche Aussagen sind nach der Erfahrung der Veranstalter keine leeren Versprechungen, sondern werden nach Jahresfrist erstaunlich oft wahr.

Bildungsangebot seit 2012

Über die vielen „Wiederholer“ freut sich mit Priv.-Doz. Dr. med. Harald Genzwürker als auch derjenige, der dieses außergewöhnliche Bildungsangebot 2012 ins Leben rief und seither Jahr für Jahr maßgeblich organsiert. Dr. Genzwürker ist dreifacher Familienvater und versteht es schon deshalb gut, mit Kindern umzugehen und ihnen spielerisch Wissen zu vermitteln.

Das Erfolgsrezept der Kinderhochschule Medizin beschreibt er so: „Wir greifen bei unseren Vorträgen zwei zentrale Bedürfnisse von Kindern auf, nämlich den neugierausgeprägten Bewegungsdrang  und die Lust am Staunen. Beides lässt sich in medizinische Themen gut einbinden, denn der menschliche Körper bietet vieles, das es zu entdecken gilt, und dabei finden wir dann gemeinsam auch immer wieder wahrlich viel Staunenswertes, über das man im Alltag kaum nachdenkt und lässt sich in vielen Facetten über Aktion und Bewegung erfahren.“

Auf diese Weise gelingt es den Ärzten der Neckar-Odenwald-Kliniken Jahr um Jahr, die jungen Hochschüler zu begeistern. Das wichtigste Anliegen des „Dauerbrenners Kinderhochschule Medizin“ fasst Priv.-Doz. Dr. med. Harald Genzwürker wie folgt zusammen: „Wir möchten mit unseren Vorträgen bei Heranwachsenden das Interesse für den menschlichen Körper stärken und die Fähigkeit anregen, Lebensstile im Zusammenhang mit Gesundheit und Krankheit zu sehen. Ob Ernährung, Bewegung, Alkohol, Rauchen, Stress, Gelassenheit ... all dies hat Auswirkungen auf den Körper. Solche Zusammenhänge möglichst früh im Leben zu erkennen, ist sicher von Vorteil.“ Da die beteiligten Ärzte ihre Vorträge auch dieses Jahr ohne Honorierung hielten, konnten die Eintrittsgelder in der Gesamthöhe von knapp 1.000 € wieder dem  Ambulanten Kinderhospizdienst Neckar-Odenwald-Kreis e.V.  als Spende überwiesen werden.

Für alle, die nicht dabei sein konnten

Wie die Kinderhochschule Medizin selbst, so ist auch eine ausführliche Nachberichterstattung im Stadtanzeiger Mosbach fast schon eine Tradition geworden. In vier aufeinander folgenden Ausgaben widmet sich die Redaktion je einem der Referate. Die entsprechenden Themen lauteten dieses Jahr: „Ohne Atmung geht es nicht“, „Wie funktioniert das Herz?“, „Von der Apfelschorle zum Urin: die Niere“ und „Wie werden Knochen repariert?“

Die vier Berichte über die 7. Kinderhochschule Medizin sind gleichermaßen für Eltern und Schüler/innen geschrieben. Denen, die nicht an der Kinderhochschule Medizin teilnehmen konnten, wollen wir damit die Möglichkeit geben, ein bisschenbisschen was über die behandelten Themen zu erfahren. Außerdem sollen die Berichte auch Appetitmacher für das nächste Jahr sein.

Teil 1: Ohne Atmung geht es nicht!

Der erste Vortrag der diesjährigen Kinderhochschule Medizin zeigte, wie die Lunge als lebenswichtiges Organ funktioniert. An den Anfang seiner Ausführungen stellte Priv.-Doz. Dr. med. Harald Genzwürker dabei die Präsentation der sogenannten „Vitalfunktionen“, zu denen der Kreislauf, das Bewusstsein und die Atmung zählen. Der erfahrene Notarzt und Intensivmediziner erläuterte, dass sich der Begriff „vital“ von dem lateinischen Wort „Vita“ ableitet und „Leben“ bedeutet. Er führte aus, dass im Notfall alle lebensrettenden Sofortmaßnahmen darauf gerichtet sein müssen, gestörte Vitalfunktionen möglichst wiederherzustellen oder durch den Einsatz medizinischer Geräte zu überbrücken. Es war also klar, dass es beim ersten Thema der diesjährigen Kinderhochschule Medizin um eine lebenswichtige körperliche Funktion handelte.

O2 rein, CO2 raus

Dass eine gut funktionierende Atmung ein facettenreiches Zusammenspiel mehrerer Organe erfordert, zeigte Dr. Genzwürker im Laufe seines Vortrags, der von Anfang bis Ende eine sehr konzentrierte Zuhörerschaft fand. Den Anfang machte folgende einfache Feststellung: „Wir atmen, weil wir Sauerstoff (O2) brauchen und verbrauchte Luft als Kohlendioxid (CO2) loswerden wollen. Dabei löst das steigende CO2 im Blut den natürlichen Atemreiz aus. Um diesen Reiz hinauszuzögern und das Kohlendioxid im Blut zu senken, kann man nach jedem Einatmen länger ausatmen. Nicht der Sauerstoffmangel ist es, der uns im Freibad zum Auftauchen zwingt. Dann macht die verbrauchte Luft Platz für mehr Sauerstoff.“

Was man beim Ein- und Ausatmen als selbstverständlichen Automatismus erlebt, hat viele Voraussetzungen. Diesbezüglich rückte der Vortrag zunächst das menschliche Gehirn in den Blick. Denn im Gehirn gibt es einige Teile, die für die Atmung Bedeutung haben. Dazu gehören mehrere Steuerzentralen der Atemfrequenz ebenso wie das Einatmungszentrum im Hirnstamm und das Ausatmungszentrum.

Derzeitiger Weltrekord: 24 Minuten

Das erste Mitmach-Highlight des Tages stellte dann ein Test dar, den man weltweit zumeist in kleinen Runden durchführt: Wer kann am längsten die Luft anhalten? Im Mosbacher Ärztehaus waren es fast 100 Kinder, die dabei hochkonzentriert zur Sache gingen. Der Sieger kam immerhin auf anderthalb Minuten. Ungläubig staunten die jungen Studenten, als sie auf einem Vortragschart ein Foto des Spaniers Aleix Segura sahen und neben dem Foto lesen konnten, dass der 32-jährige Katalane den derzeitigen Weltrekord von 24 Minuten 2016 in Barcelona aufgestellt hat.

Solche Rekorde werden immer beim Tauchen aufgestellt, weil der Körper im Wasser leichter ist und die entspannte Bewegungslosigkeit dort die Herzfrequenz am effektivsten geringer werden lässt. Dadurch wird der Sauerstoffverbrauch auf ein Minimum reduziert. Absolute Weltrekordhalter sind übrigens die Seeelefanten: Die tauchen auch schon Mal 2 Stunden am Stück.

Eine Quizrunde gefällig?

Auch bei dieser Vorlesung zeigt sich Priv.-Doz. Dr. med. Harald Genzwürker als einfühlsamer Dozent, der weiß, wie man Studenten zum Zuhören und Mitmachen motiviert. Er referiert spannend und gibt dabei Wissen weiter, das interessiert. Dann macht er zur Abwechslung seine junge Studenten zu den Wissenden und Aktiven, deren Lösungsvorschläge er gerne aufnimmt.

So geht es auch bei den Quizrunden „Wie oft atmen wir in der Minute?“ und „Wie viel Sauerstoff ist in der Luft?“ Diese Fragen lassen sich auch an alle Leser weitergeben: Atmen wir 4- bis 6-mal, 6- bis 8-mal. 12- bis 14-mal oder 30- bis 40-mal in der Minute? Viele Schülerinnen und Schüler wussten hier die richtige Antwort. Sie lautet: 12- bis 14-mal. Auch der Sauerstoffanteil von 21% in der Umgebungsluft war vielen bekannt.

Im Rechnen gute Schüler hatten bei der nächsten Aufgabe einen deutlichen Vorteil. Sie lautete: Wenn die Lunge eines Menschen in Ruhe einen Atemluftdurchsatz von 4,9 Liter aufweist, wie viele Liter sind es dann am Tag und im Jahr? Mit Hilfe des Taschenrechners lässt sich die Lösung natürlich schnell finden. Am Tag sind es 7.056 Liter, im Jahr 2.575 440 Liter. Man bräuchte also die „Jahresluft“ von fünf Menschen, um einen großen Heißluftballon zu füllen.

Er fasst 13,3 Mio. Liter Luft. Bei sportlichen Aktivitäten oder anderen körperlichen Belastungen steigt der Luftdurchsatz übrigens auf über 50 Liter pro Minute. Über die Lungenbläschen gelangt der Sauerstoff von der Lunge in den Blutkreislauf und wird dadurch als Energielieferant in die einzelnen Zellen befördert. Die letzte Frage dieser Quizrunde lautete: „Wie viel Sauerstoff ist in der Luft?“ Die jungen Veranstaltungsteilnehmer durften – wie an der Uni - im Multiple-Choice antworten. Dabei standen folgende Antwort-
optionen zur Verfügung: 1 Prozent, 10 Prozent, 21 Prozent und 100 Prozent. Wieder waren es viele Kinder, die mit 21 Prozent die richtige Antwort wählten.

So funktioniert die Lunge

Im Fortgang der Veranstaltung erfuhren alle Teilnehmerinnen und Teilnehmer mit Hilfe von Charts und durch entsprechende Erklärungen des Referenten im Detail, wie Luft in die Lungen kommt. Dies geschieht durch Unterdruck: Beim Einatmen senkt sich das Zwerchfell, dabei hebt sich der Brustkorb, gestützt durch Zwischenrippenmuskeln, an.

Die Lunge entfaltet sich, die Atemluft strömt ein. Sie kommt durch die Luftröhre in die Bronchien und von dort weiter in das System der Bronchiolen und Lungenbläschen. Dieses fein verästelte System hat das Aussehen eines auf dem Kopf stehenden Baumes und wird deshalb auch „Bronchialbaum“ genannt. Es befindet sich in beiden Lungenflügeln.

An den Ästen dieses Baumes hängen die Lungenbläschen (Alveolen). Eine gesunde Lunge enthält rund 300 Millionen Lungenbläschen. Sie sind von feinen Blutgefäßen umschlossen, die den Sauerstoff aufnehmen und über den Blutkreislauf im Körper verteilen. Wie das Blut Sauerstoff aufnimmt, so gibt es auch Kohlendioxid (CO2) ab. Es wird ausgeatmet. Obwohl jedes einzelne Lungenbläschen winzig klein ist, erreicht die Vielzahl davon eine Lungenoberfläche von 80 bis 120 Quadratmeter, was der Größe eines Tennisplatzes entspricht.

Aufpassen ist angesagt

Im weiteren Verlauf des Vortrags konnten die teilnehmenden Kinder am eigenen Leib spüren, wie es sich anfühlt, wenn man beim Atmen nicht genügend Luft bekommt. Das ist zum Beispiel bei Asthma der Fall, einer häufigen Erkrankung der Atemwege. Bei dieser Krankheit führen Schleimhautentzündungen der Atemwege dazu, dass sich Muskelfasern in den Bronchialwänden zusammenziehen und die Bronchen verengen. So kommt es zur Atemnot.

Dr. Genzwürker ließ seine Studenten ein paar Mal durch Strohhalme Luft einatmen. Sie merkten schon nach kurzer Zeit, dass es dabei zu einer ähnlichen Atemnot kommt, wie Asthma-Patienten sie erleben. Dazu konnte ein junger Teilnehmer, der unter Asthma leidet, von seinen eigenen Erfahrungen berichten. Bei seinen Worten waren alle anderen Teilnehmer so aufmerksam und still, dass man im Vortragssaal des Ärztehauses die berühmte Stecknadel hätte fallen hören.

Auch andere Erkrankungen der Atemwege wurden vorgestellt. Am Ende des ersten Vortrags stand der eindringliche Hinweis, mit dem Zigarettenrauchen nie anzufangen, da Rauchen die Lungen nachweislich zerstört.

Der Referent

Priv.-Doz. Dr. med. Harald Genzwürker ist der Initiator der Veranstaltungsreihe Kinderhochschule Medizin in Buchen und Mosbach. Der Chefarzt für Anästhesiologie und Intensivmedizin und Ärztliche Direktor an den Neckar-Odenwald-Kliniken vermittelt seine Praxiserfahrung und sein Wissen als Anästhesist, Notfall- und Intensivmediziner auch als Privatdozent an der Medizinischen Fakultät Heidelberg und als Autor zahlreicher Fachpublikationen.

Foto: Neckar-Odenwald-Kliniken gGmbH

Priv.-Doz. Dr. med. Harald Genzwürker.