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Ein Abend mit Freundinnen

„Suchtpotenzial“ besingen die Themen der Zeit

Das Duo „Suchtpotenzial“

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Das Duo „Suchtpotenzial“ brachte jede Menge schlüpfrige Zweideutigkeiten und große Musikalität nach Weinheim.

Mit „Eskalatiooon“ zeigten Ariane Müller und Julia Gámez Martin in der Kulturbühne „Alte Druckerei“, dass sie durchaus noch einen drauflegen können. Sie machen an diesem Abend neben Musik vor allem eins – babbeln. Und das ohne Unterlass.
Wenn die zwei ins Plaudern kommen, dann lohnt sich das genaue Hinhören, denn die kleinen Zweideutigkeiten marschieren irgendwann im Satz daher ohne großes Aufheben. Damit entsprechen die feinen Spitzen komplett ihren Sprachrohren. Denn unprätentiöser als Ariane Müller und Julia Gámez Martin entern kaum andere Künstler die Bühne. Ein kurzes „Moin Moin“, trocken nordisch von der Halbspanierin Gámez Martin ins Mikro geschubst, während sich Müller an den weißen Flügel hockt, die Gitarre in Reichweite.
„Für Wacken zu hart, fürs Kabarett zu heiß, für den Kindergarten zu versaut – und fürs Ballett zu fett.“ Mit ihrem ersten Song geben „Suchtpotenzial“ die Linie vor und als Besucher ahnt man: zurücklehnen, hören, beobachten – und dann einfach amüsieren. Texte von Comedy über Persiflage bis frivoler Satire, mal gesungen, mal gebabbelt, sind bei den zwei Musikerinnen Programm. Egal, ob Julia sich in ihre Liebe zum DB-Fahrbahnkontrolleur ergeht – samt „dirty talk“ auf Sächsisch –, ob sie zusammen mit Ariane die Erotikstufe der DB-Uniform erörtert, ob es um die Erfüllung des langgehegten Wunschs des Schiebens eines Dreiers geht, weil der Zylinderkopf des BMWs aufgibt – das Glucksen, das Amüsieren, es ist unvermeidbar.

Uneitel bis zum Bart

Dabei geht es den Zweien nicht um den tiefgehenden Witz, sondern den kurzen Moment des Amüsierens. Dafür nehmen sie sich im lockeren Gespräch und Lied immer wieder den Zeitgeist vor. Vor allem Müller taucht dabei ab in die Sprache der „Bitches“, schwenkt die Ansichtsfahne der Hipster, während Gámes Martin mit grandios konsterniertem Mienenspiel Kommentare dazwischen schmeißt. Sie sprechen mit sich – gleichzeitig oder nacheinander. Sie sprechen mit dem Publikum. Sie sind die cool-lässigen, völlig trendigen Freundinnen, mit denen man sich zwei Stunden mit Blumenkranz im Haar am Lagerfeuer mit Gitarre und Veggie-Feeling teilt, abtaucht in eine Zeit, in der Jimi Hendrix statt Spotify war und in der Frauenbewegung noch BH verbrennen bedeutete und nicht Sport. Die zwei Künstlerinnen sind sich nicht zu schade für plumpe Breakdancepersiflagen, für hirnrissige Herleitungen zur Bezeichnung der Mundharmonika – und sie sind uneitel genug für Bart und Hornbrille, wenn es zu den gesungenen Bartpflegetipps für Hipster samt Bio-Markt-Besuch geht. Später folgen die vertonten Trennungstipps im Fado-Stil und die Zwangsvollstreckung als Gospel.

Ariane Müller von "Suchtpotenzial"

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Ariane Müller sorgte mit ihrer Plauderei für das Gefühl eines Abends mit Freundinnen.

Musikalisches Können

In dem Trubel von erzählten Schlüpfrigkeiten und vertontem Witz vergisst der Zuschauer leider zu schnell, dass hier musikalisch zwei Asse am Start sind. Ariane Müller gibt mit Gitarre und Klavier den Grundaufbau, auf dem Julia Gámes Martin  ihre Stimme in Gänze ausbreitet. Kraftvoll, melodiös, sanft, warm, schneidend akzentuiert – Gámes Martin beherrscht die Klaviatur von Gefühl und Power und überzeugt zwischendurch mal kurz als Shouter aus dem Metal-Grounge im besten Till-Lindemann-Stil.
Dass sie laut eigenem Bekunden also nur den fünften von vier Plätzen beim Chansons-Wettbewerb gemacht haben – unverständlich, schaut man sich ihren Esprit, ihren Charme aber auch ihren Verve an, mit dem sie die „Eskalatiooon“ heraufbeschwören.
Großes Potenzial

Dass das nicht in Gänze gelingt, mag daran liegen, dass das „schwäbische Geschwätz“ und weitere Plauderei in Schnellmanier auf die Dauer viel Konzentration erfordert – und womöglich den einen oder anderen im spärlichen Weinheimer Publikum ab einer gewissen Grenze lieber den nächsten Song ersehnen lässt. Eins steht aber nach diesem Abend fest: Die zwei musischen Komödiantinnen haben jede Menge Potenzial. Ob es zur Sucht reicht, werden Ariane Müller und Julia Gámes Martin in den nächsten Programmen sicherlich zeigen.

Julia Gámes Martin von "Suchtpotenzial"

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Mit ihrer Stimme von sanft bis kraftvoll interpretierte Julia Gámes Martin die selbstgeschriebenen Lieder.