Merken

Unter kommunalen Fittichen

Terrassierte Steillagen oberhalb der Neckarschleife

Thomas Nollenberger aus Kirchheim, dessen Familie seit Generationen Weinberge besitzt

Ines Schmiedl

Thomas Nollenbergers Familie besitzt seit Generationen Weinberge. Sein Wissen soll der Kirchheimer jetzt in den kommunalen Steillagen einbringen.

Künftig werden die Weinberge in den Steillagen entlang des Neckars unter kommunaler Obhut bewirtschaftet. Auf drei Jahre ist dieses Projekt als Testphase angelegt, das hat der Kirchheimer Gemeinderat einstimmig beschlossen.

Handarbeit ist angesagt

Die terrassierten Steillagen oberhalb der Neckarschlaufe sind wunderschön anzuschauen und ein idyllischer Teil der Kulturlandschaft. Allein das Bewirtschaften der Rebstöcke in zum Teil 80-prozentig ansteigenden Hängen ist nicht nur eitel Sonnenschein. In den vergangenen Jahren haben zahlreiche Pächter ihre Weinberge an die Besitzer zurückgegeben, doch neue Bewirtschafter konnten nicht gefunden werden, denn in den steilen Hängen können keine Vollerntemaschinen eingesetzt werden, hier ist Handarbeit gefragt. Einige Eigentümer können aus gesundheitlichen oder Altersgründen die Bewirtschaftung nicht mehr gewährleisten.

„Früher kam die ganze Familie zu den Arbeiten im Weinberg zusammen, es wurden im Winter gemeinsam die Reben geschnitten und im Herbst mit allen Freunden und Verwandten die Trauben gelesen. Inzwischen wohnen viele jüngere Familienmitglieder außerhalb und es wird immer schwieriger, Helfer zu finden“, weiß Thomas Nollenberger, der erste Vorsitzende des Steillagenfördervereins. Seine Familie bewirtschaftet seit Generationen Weinberge in Kirchheim.

Sein fachlicher Rat ist nicht nur vom Gemeinderat gefragt, der Landwirtschaftsmeister und passionierte Winzer Nollenberger soll sich künftig als Betriebsleiter um die kommunalen Steillagen kümmern. Die Kommune hat nicht nur die Schönheit der Neckartallandschaft im Blick, sondern muss auch ihren Pflichten bei der Sicherung der Wege entlang des Flusses nachkommen.

Ideen für die Weinberge

Mit Thomas Nollenberger hat die Kommune einen engagierten Betriebsleiter gefunden, der sich mit den Arbeiten in den Weinbergen bestens auskennt. Schon als Bub war er mit seinem Vater in den Steillagen unterwegs. Er weiß, wie er den Winterschnitt setzen muss oder wie Rebstöcke veredelt werden können. Ideen hat Nollenberger genug für die Weinberge vom „Kappellesberg“ bis hin zum Ort genannt „Hinter der Kirch“ genug: Etwa welche Sorten in Zukunft angepflanzt werden könnten und an welchen Stellen alte Rebsorten entfernt werden müssen, weil sie kaum noch Ertrag liefern.

Pilzresistente Sorten würde er nah am Ort pflanzen, Premiumreben in der sonnigen Südlage und neue Sorten zum Ausprobieren unterhalb der Weinterrasse. Wichtig und vorrangig ist es, den Hang zu sichern, denn auf den beliebten Rad- und Fußweg entlang des Neckars fallen immer wieder Steine und Steinbrocken. Das sieht die Gemeinde ähnlich. Vor gut zehn Jahren musste Kirchheim zur Sanierung einer Trockenmauer gut 200.000 Euro investieren. Die Kosten für die kommunalen Steillagen, die für dieses Jahr mit 60.000 Euro eingeplant werden, sind also gut gesetzt, so der Bürgermeister.

Dreijährige Testphase

In einem Testlauf soll in den nächsten drei Jahren die Weinberge in Steillagen unter kommunaler Obhut betrieben werden. Zunächst will man sich auf zwei Hektar begrenzen, doch insgesamt könnten es zehn Hektar Rebflächen werden, die an die Kommune zurückgegeben werden. Wenn sich die Eigentümer nicht mehr kümmern können, sind die Weinberge innerhalb kurzer Zeit mit Büschen und Brombeeren zugewachsen, nicht mehr nutzbar und die Trockenmauern stürzen ein.

Einige solcher aufgegebenen Stellen, die manchmal nur zwei Jahre alt sind, gibt es bereits zwischen den noch bewirtschafteten Weinbergen.  „Wir beraten seit drei Jahren über das Thema Sicherung unserer Steillagen“, so Bürgermeister Uwe Seibold.

Jetzt wurden endlich Nägel mit Köpfen gemacht. Mit einigen Besitzern wurden Verträge über Schenkungen abgeschlossen, allerdings mit der Option, die Weinberge zurückgeben zu können. Denn die Kommune wird während dem Testlauf mit einem Betriebsleiter und einem Helfer die kommunalen Steillagen bewirtschaften. „Wir hoffen auf Kooperationen mit örtlichen Landwirten und weiteren Helfern, die sich für das Thema Weinbau begeistern lassen“, so der Bürgermeister. Bei einem Infoabend habe man bereits mit Landwirten und in Steillagen tätigen Weingärtnern gesprochen.

Einige Winzer wären bereit weiter in ihren Weinbergen zu arbeiten, wenn jemand da wäre, der im Notfall einspringen würde, wenn man selbst oder jemand in der Familie ausfalle. Zudem handele es sich um eine Anschubfinanzierung, denn die Gemeinde hofft auf Einnahmen nach der Traubenernte. „Wenn wir im kommunalen Weinbau eine schwarze Null schreiben, würde uns das vollkommen genügen“, so der Tenor der Gemeinderäte. Möglichkeiten einer Markenentwicklung hat man bereits ausgelotet und hofft zudem auf Sponsoren oder Patenschaften. „Nach drei Jahren können wir einen Trend erkennen, ob wir die Arbeit in kommunalen Weinbergen leisten können und wie sich die Einnahmen entwickeln“, so der Bürgermeister.

Weinterrasse ist beliebtes Ausflugsziel

Auf ein weiteres Highlight können die örtlichen Winzer setzen: Die Kirchheimer Weinterrasse inmitten der Steillagen-Weinberge über dem Neckar ist nicht nur ein begehrtes Wanderziel, sondern hat sich zu einem beliebten Treff in der warmen Jahreszeit entwickelt. An manchen Wochenenden oder Feiertagen wird hier Wein ausgeschenkt, an manchem Abend wird dazu musiziert. Der wunderbare Blick über die Neckarschleife lockt nicht nur Gäste aus der Region an.

Die rund 250 Quadratmeter große Weinterrasse bietet unter der Holzpergola auch genügend Platz für Besuchergruppen. Gemütliche Sitzbänke vervollständigen das Ensemble, übersichtlich gestalteten Informationstafeln liefern Hinweise über die Besonderheiten der Flora und Fauna in den Steillagen.

Übrigens ist Kirchheim nicht die einzige Gemeinde, die ihre Steillagen entlang des Neckars als Teil der Kulturlandschaft erhalten will und unter die kommunalen Fittiche nimmt. Deshalb ist man mit zehn weiteren Kommunen im regelmäßigen Austausch. Es gibt auch die Möglichkeit für die Gemeinde an Fördergelder zu kommen.

Zudem hofft man die Instandsetzung des mittleren Weges in den Steillagen über ein Flurbereinigungsprogramm zu finanzieren. Eines will Kirchheim derzeit nicht: Die kommunalen Steillagen sollen kein Eigenbetrieb werden.