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Kloster Wiblingen

Unter Napoleon wird der deutsche Südwesten neu geordnet

Wiblingen

Achim Mende / SSG

Kloster Wiblingen

Als Machtpolitiker und Feldherr prägte Napoleon Bonaparte den deutschen Südwesten. Die Ambitionen des französischen Kaisers veränderten die politische Landkarte nachhaltig – für Kloster Wiblingen bedeutete die Herrschaft Napoleons das Ende der über 700-jährigen Klosterkultur. Heute vor genau 200 Jahren, am 5. Mai 1821, starb Napoleon im Exil auf der britischen Insel St. Helena.

DIe Neuordnung des deutschen Südwestens

Mit der Französischen Revolution 1789 begann die Karriere Napoleon Bonapartes vom Offizier bis zum Kaiser der „Grande Nation“. Ab 1795 besetzte das revolutionäre Frankreich die deutschen Gebiete links des Rheins. Frankreich sah den Fluss als natürliche Grenze beider Länder an. 1799 bildete Württemberg mit Österreich und weiteren Mächten eine Koalition gegen Napoleon – und musste sich ein Jahr später geschlagen geben. Im Frieden von Lunéville 1801 wurde festgelegt, dass die linksrheinischen Gebiete dauerhaft zu Frankreich gehören sollten. Zur „Kompensation“ sollten die betroffenen deutschen Fürsten rechts des Rheins Entschädigungen erhalten. Manche Fürsten erhielten dabei deutlich mehr, als sie verloren hatten.

Gewinner und Verlierer

Mit dem Reichsdeputationshauptschluss vom 25. Februar 1803 wurden kleinere Gebiete der Landeshoheit unterworfen und geistliche Fürsten säkularisiert. Ihre Herrschaften und ihr Besitz fielen an die benachbarten Landesherren größerer Territorien. Insbesondere Baden und Württemberg profitierten davon. Napoleon wollte sie so als Bündnispartner gewinnen – und einen Puffer zwischen Frankreich und Österreich schaffen. Für das katholische Oberschwaben bedeutete der Reichsdeputationshauptschluss einen tiefen Einschnitt: Eine Vielzahl an Reichsstädten und Klöstern verloren dauerhaft ihre Autonomie, darunter auch die 1093 gegründete Benediktinerabtei Wiblingen.

Kloster Wiblingen bei Ulm

Günther Bayerl / SSG

Innenraum der Klosterkirche

Das Ende

Kurz vor der Säkularisation erlebte Kloster Wiblingen eine letzte Blüte: Die Klosterschule hatte so viele Schüler wie noch nie, und übernahm zudem das in Ehingen gelegene Gymnasium. Ende 1805 wollten zunächst ein badischer Beamter, später das württembergische Militär Kloster Wiblingen in Besitz nehmen – beide kamen nicht gegen die bayerische Übermacht an. Im März 1806 hob Bayern das Kloster endgültig auf. Die 31 Mönche, ein Laienbruder und vier Novizen erhielten Abfindungen. Die wertvolle Bibliothek mit über 15.000 Büchern wurde, wie die Kunstgegenstände des Klosters, konfisziert und verkauft. Unter dem Druck Napoleons trat die bayerische Regierung Kloster Wiblingen an Württemberg ab; es übernahm die Anlage im September desselben Jahres. Die ehemaligen Einwohner des Klosters mussten das Gebäude räumen ‒ sie flohen in die Erzabtei Tiniez bei Krakau.

Napoleon verlor alles

1812 begann der Abstieg Napoleons – sein Russlandfeldzug war eine verheerende Niederlage: Wind, Wetter und wenig Nahrung in der unwirtlichen Weite des Zarenreichs führten zu großen Verlusten. Württemberg, das familiär enge Beziehungen mit dem Zarenhaus pflegte, kündigte Frankreich die Treue auf. Nach der Schlacht bei Paris 1814 dankte Napoleon ab und ging ins Exil auf die Insel Elba bei Italien. Im darauffolgenden Jahre 1815 kehrte er von dort wieder zurück nach Frankreich – und übernahm erneut die Macht. Die Schlacht bei Waterloo im Juni 1815, ein Kampf gegen Preußen, das Vereinigte Königreich, die Niederlande und weitere Staaten, besiegelte das politische Ende Napoleons. Er sollte fortan im Exil auf der britischen Insel St. Helena leben, wo er am 5. Mai 1821 starb.

Kloster Wiblingen nach der Säkularisation

Nach der Säkularisation machte Herzog Heinrich von Württemberg Wiblingen für kurze Zeit zum Schloss. Später wurde Wiblingen dauerhaft als Infanteriekaserne genutzt und „Schlosskaserne“ genannt. Zu Beginn des 20. Jahrhunderts errichtete man aus Platznot für die Soldaten den Südflügel des Klosters – nach den ursprünglichen Plänen, die zur Zeit des Barock nicht realisiert wurden. Nach dem Zweiten Weltkrieg standen die Wiblinger Kasernen leer: 700 Flüchtlinge und 35 Betriebe fanden hier Platz. In den ehemaligen Klostergebäuden begann kurz nach dem Krieg der Bau von Karosserien für PKW und Omnibusse. Das Kloster wurde zur „Stadt in der Stadt“ mit Schule und Post, Krankenhaus und Badeanstalt. Heute sind hier die Akademie für Gesundheitsberufe und die Universitätsklinik Ulm beheimatet. 1993 verlieh der Papst der Klosterkirche den Ehrentitel einer „Basilica minor“.