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„Viola Latina“

Das Ensemble spielt südamerikanischen Barock.

Rita Weis

Das Ensemble spielt südamerikanischen Barock.

Eine musikalische Reise durch Südamerika

Südamerikanische Rhythmen kombiniert mit barocken Harmonien kennzeichneten die Reise von Argentinien nach Bolivien, Venezuela und zurück nach Peru. Unter dem Titel „Viola Latina“ hatte sich ein fünfköpfiges Ensemble um den Bratschenvirtuosen Nils Mökemeyer zusammengefunden und musizierte mit einer recht ungewöhnlichen Zusammensetzung ihrer Instrumente: Sebastián Sciaraffia aus Chile und Gonzalo Manrique aus Peru spielten Barockgitarren, der Argentinier Martin Bruns spielte verschiedene Perkussionsinstrumente, der Argentinier Rubén Dubrobsky bediente die Colascione, eine italienische Langhalslaute, und den Charango, ein kleines Zupfinstrument aus der Andenregion. Er hatte die Leitung des Ensembles inne und moderierte die Aufführung. Das Konzert fand am vorletzten Abend der Schwetzinger Festspiele im voll besetzten Jagdsaal des Schlosses statt. 

Die Reise begann in Santiago del Estero, einer Stadt im Nordwesten Argentiniens; sie gilt als musikalisches Epizentrum mit folkloristischer Prägung. So war das erste Stück ein langsamer Volkstanz im Dreivierteltakt, eine Zamba mit dem Titel „La Arribeña“, ein relativ bekanntes Stück, für die der Lyriker Atahualpa Yupanqui ein Text verfasst hatte und später von Mercedes Sosa gesungen wurde. Hier aber blieb das Stück in einer rein instrumentalen Fassung.

Es folgten eine rhythmische Chacarera, „La Juguetona“, bei der auch die argentinische Trommel, die bombo legüero, zum Einsatz kam. Geschrieben hatte das Stück der Folklorepianist Alfonso Abalos, ein Klassiker der argentinischen Musik. Die Chacarera ist ein Volkstanz und ein Musikstil und wird zur bekanntesten Folklore Argentiniens gezählt. Die nächste Station der Reise führte nach Nordargentinien und Bolivien, wo die Kulturen dreier Kontinente aufeinandertreffen: Die Lieder der indigenen Urbevölkerung, die Rhythmen der Afrikaner und die Harmonik der Spanier. Zwei Zambas und zwei Cuecas dienten als Beispiele für die Musik der Region. Rhythmisch angeschlagene Akkorde auf den Gitarren und begleitet von Trommeln ließen eine heitere Stimmung aufkommen. Ein Blick auf das Weiterleben der Tradition in der Stadt gewährte die von Ariel Ramirez komponierte Chacarera „La Equpivoca“, ein Werk aus komplexen Harmonien und Rhythmen; der Komponist ist auch bekannt für seine berühmte und hörenswerte Missa Criolla, wie Rubén Dubrobsky erklärte. „Die schönste Musik wird gespielt, je ärmer die Menschen sind“, fügte er hinzu. Bei einem Besuch im schwarzen Buenos Aires verzichtete das Ensemble auf Tangos und spielte einen Vals criollo, „denn der Walzer fand auch seine Anhänger in Südamerika“, sagte Dubrobsky, wobei die Musik da etwas anders als in Europa gespielt und getanzt wurde, zum Beispiel mit Tangoschritten. Es folgte der wunderschönen Walzer „Desde el Alma“ von Rosita Melo, einer uruguayisch-argentinische Pianistin und Komponistin. Auch präsentierte das Ensemble zwei Milongas, Vorläufer des Tango Argentino. 

Von Afrika nach Leipzig

Einen Höhepunkt des Konzertabends erlebte man gleich nach der Pause. Was hat die höfische Sarabande mit Südamerika zu tun? Es gebe Hinweise dafür, dass sich die Sarabande aus einem mittelamerikanischen Tanz der schwarzen Bevölkerung entwickelt hatte, durch die Spanier aber dann erst nach Italien und dann nach Frankreich gebracht wurde, erklärte Dubrobsky. Der Tanz war nicht nur schön, sondern auch erotisch, was zeitweilig zu Verboten in Spanien führte. In der Zeit des Barock wurde die Sarabande wiederentdeckt und Teil der höfischen Suite; eine Suite ist ein Instrumentalstück und besteht aus echten oder stilisierten. 

Der brillante Bratschist Nils Mökemeyer spielte die Suite Nr. 1 in G-Dur für Violoncello solo von Johann Sebastian Bach (BWV 1007). Auswendig! Sie umfasst ein Prélude, eine Allemande, eine Courante, eine Sarabande, Menuette 1 und 2 und eine temperamentvolle Gigue. Das Publikum war zuerst fassungslos und applaudierte dann frenetisch.

Venezuela

Weiter ging die musikalische Reise nach Venezuela, wo es – laut Dubrobsky – eine raffinierte und komplexe Volksmusik gebe, was eine richtige Herausforderung darstelle. Er hob hervor, dass zwei der nachfolgenden Stücke im Fünfachtel-Takt geschrieben seien. „Das kann man nicht mal klatschen“, kommentierte später eine Besucherin voller Bewunderung. Gemeint waren die temperamentvollen Pasaje „Pasaje del Olvido“ von Simón Díaz und Joropo „El Curruchà“ von Juan Bautista Plaza. In dieser Etappe spielte das Ensemble auch zwei Merengue, die allerdings etwas gemäßigter klangen als die karibischen Tänze.

Peru

Die letzte Etappe der musikalischen Reise führte nach Peru – mit einem besonderen Augenmerk auf die afroperuanische Musik. Hervorstechend war der mitreißende Rhythmus durch den Cajón, der zu den Hauptschlaginstrumenten dieses Genres gehört. Ursprünglich waren die Cajónes Transportkisten, die die afrikanischen Sklaven verwendeten, nachdem ihnen ihre traditionellen Trommeln weggenommen worden waren. Mit einem temperamentvollen Festejo – eine für die afroperuanische Musik typische Tanzform – leitete das Ensemble das letzte Kapitel der Reise ein: Das temperamentvolle „Mi Compadre Nicolás“ von Carlos Porfirio Vásquez Aparicio erntete heftigen Applaus. Noch einmal nachdenklich oder wehmütig werden – das konnte man bei dem international bekannten kreolischen Walzer „La Flor de la Candela“, geschrieben von der peruanischen Komponistin Chabuca Granada und immer wieder gerne interpretiert von Opern- und von Popsänger*innen. Dann aber kam das letzte Stück im Programm: „El Chacombo“ von José Duran – ein feuriger Festejo, inklusive Cajón-Solo von Martin Bruns, riss die Zuschauer*innen förmlich von den Stühlen. Stehender Applaus. Das Ensemble dankte mit zwei Zugaben. (rw)