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Magisches Theater - nur für Verrückte?

Vom Wolf, der das Lachen lernte

Der Steppenwolf im theater am puls

Nicole Böhm/tap

Harry Haller alias der Steppenwolf (Michael Hecht)

Hermann Hesses Steppenwolf hat Generationen von Lesern begleitet und ist so etwas wie ein Kult-Roman der 68er-Generation geworden. Ob die Schwetzinger Inszenierung gelungen ist?


Steppenwölfe sind seltsame Tiere. Frech, wild und scheu zugleich, Einzelgänger mit Hang zur Exzentrik, immer auf der Suche nach Beute. Für rund zweieinhalb Stunden begleitet das Publikum nun also dieses freche, wilde, scheue Wesen, das sich ins Herdenleben verirrt hat, auf seinem Streifzug durch die Wirren des Lebens und nicht zuletzt auch durch die eigene Psyche. Das ist anstrengend und fordernd – je nach Grad der Abstraktion bisweilen sogar überfordernd. Denn Hesses Roman, der stark auf der Psychologie seines Protagonisten fußt, auf die Bühne zu bringen, ist eine Herausforderung  nicht ohne Tücken. Und Regisseur Joerg Steve Mohr benötigt immerhin zweieinhalb Stunden, um dem Stoff Herr zu werden.

Wolf im Dreiteiler

Harry Haller heißt der Mensch, der sich selbst Steppenwolf nennt. Ein zwischen zwei Zeiten Hineingeratener, der befallen von der Krankheit der Zeit Höllentage der inneren Leere durchlebt, immer auf der Flucht vor sich selbst, der Welt und ihren Wirren und doch immer auch nach der Suche nach einer Heimat. Einer, der, den Untergang des Abendlandes immer vor Augen, in der Welt des Rundfunks und des Jazz Goethe und Mozart über alles stellt, der Pamphlete gegen den Krieg schreibt, aber andererseits sein Geld brav zur Bank trägt. Ein Wolf im Schafspelz also – oder besser: Ein Wolf im Dreiteiler. Denn in der Schwetzinger Inszenierung gleicht Hauptdarsteller Michael Hecht optisch dem Steppenwolf-Schöpfer Hermann Hesse auffallend, von Nickelbrille und Hut bis zum Tweed-Anzug. Das ist nur eine von vielen von Mohr geschickt eingewobenen Reminiszenzen, um aufzuzeigen, um wen es hier eigentlich geht. 

Der Steppenwolf im theater am puls

Nicole Böhm/tap

Im Angesicht der Unendlichkeit.

Sinnkrise auf der Bühne

Denn – ähnlich wie in seinen anderen Romanen – hat Hesse seinem Helden eine gehörige Portion seiner eigenen Befindlichkeiten und seines Seelenlebens mitgegeben. „Auf Eure Welt anders zu reagieren als durch Krepieren oder durch den Steppenwolf, wäre für mich Verrat an allem, was heilig ist“, so schreibt Hesse inmitten einer Lebenskrise sein Tagebuch. So nimmt es kein Wunder, dass Regisseur Joerg Mohr getreu dem Autor des Stücks den tragischen Helden skizziert als einen an seiner eigenen Ennui Leidenden, der in seinem Streben nach Auflösung gerne mal den Unfall mit dem Rasiermesser herbeisehnt – zurück zur Mutter, zurück zu Gott, zurück ins All. Doch das geht nicht, zu grauenhaft die Furcht vor dem letzten Augenblick.

Ecce Harry!

Stattdessen ätzt er sich auch in Schwetzingen mit beißendem Spott und blankem Zynismus durch die Welt, übergießt die Biederen und die Angepassten, wie zum Beispiel seinen Vermieter (Hartmut Lehnert) oder einen alten Bekannten, immerhin ein angesehener Professor (Nikolas Weber), kübelweise mit Häme. Ecce Harry – das leidende Tier! Doch mitten im Sumpf des Selbstmitleids und an der Schwelle zum Selbstmord trifft er die androgyne Hermine (Gerold Welch) – seinen Spiegel, aber auch eine Projektionsfläche für alles, was sich Haller selbst versagt: Vergnügen, Lebensfreude, Sexualität, Hedonismus. Schlaksig, sperrig, ungelenk steht Haller da vor der jungen, lebenslustigen Person, die ihn bei der Hand nimmt, mitreißt, ihm das Tanzen, das Lieben und die Eifersucht lehrt.

Küss die Hand: Der Steppenwolf im theater am puls

Nicole Böhm/tap

Schicksalhafte Begegnung: Harry (Michael Hecht) trifft Hermine (Gerold Welch)

Faustische Anleihen

Bezeichnenderweise steht in dieser Spielzeit erneut ein anderes großes Stück Literatur auf dem tap-Spielplan: Goethes Faust. Und vielleicht ist auch der Umstand, dass Hecht dort ebenso die Hauptrolle spielt, ausschlaggebend dafür, dass der Schwetzinger Steppenwolf in vielerlei Hinsicht Faust’sche Züge trägt. Auch wenn das von Hesse sicher durchaus beabsichtigt ist, in der Bearbeitung des selben Regisseurs treten die Gemeinsamkeiten noch deutlicher zu Tage: Ob walpurgisnacht-ähnlicher Maskenball, berauschte Sequenzen, oder Liebesnächte. Wie Faust sucht Harry Haller nach einem Sinn im Leben, will sich hingeben, aus seinem Elfenbeinturm ausbrechen. Und am Ende wartet auch auf ihn die Katastrophe – allerdings mit einem weit positiveren Ende. Denn: „Man muss durch so viel Dreck und Unsinn tappen, bis man nach Hause kommt“ meint Harry Haller selbst einmal während des Stückes.

Hesses Weitsicht

Ob Ewigkeitsdiskurse oder den rasenden Fortschritt – all das, was Hesse 1927 zu Papier gebracht hat, macht ihn zum weitsichtigen Analysten seiner (und künftiger) Zeiten. Und die Schwetzinger Inszenierung versteht es, diese Aspekte zu betonen und ins Jahr 2019 zu bringen: Statt Rundfunk gibt es Handys, statt Jazz Technoparties, dennoch sind die Grundzüge gleich: Hier der fortschrittsbegeistere Radiomensch, dort der klassisch geschulte Mansardenbewohner, hier der Hedonist auf dem Feiertrip, dort der steife Geistesmensch auf der Suche nach einem Weg, beides zu vereinen.

Der Steppenwolf im theater am puls

Nicole Böhm/tap

Der Steppenwolf und die Freuden des Lebens ...

Anarchismus auf der Bühne

Aber ist Joerg Mohr nun die große Herausforderung gelungen, das Seelenleben des Harry Haller auf die Bühne zu bringen? Bedingt, könnte man sagen. Denn das Stück hat durchaus seine Längen, gerade wenn es um die abstrakten Räume der Seele, um Träume oder Visionen geht. Dennoch arbeitet der Regisseur mit einem gelungen-minimalistischen Bühnenbild (Teresa Ungan) und einem starken Ensemble (ergänzend: Lisa Pellegrinon, Sophia Brocker und Nikolas Weber in wechselnden Rollen) die Quintessenz des Stückes heraus: Radikale Gegenwartskritik und die Zerrissenheit von Protagonist und Autor gleichermaßen. Am Ende lernt der Wolf, was auch dem Publikum im Laufe des Stückes verschiedentlich gegeben ist: Das Lachen über sich selbst und die Welt. Und vielleicht ist die Schwetzinger Inszenierung ja auch einfach das, was das „Magische Theater“ im Stück selbst proklamiert: Anarchistische Abendunterhaltung. Nicht weniger und nicht mehr - aber im besten Wortsinn.

Der Steppenwolf im theater am puls

Nicole Böhm/tap

Die Zähmung des Steppenwolfs