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Pinocchios Abenteuer im theater am puls

Von den Irrungen und Wirrungen einer Holzpuppe

Premiere von Pinocchio im theater am puls Schwetzingen

Nicole Böhm/tap

Felicitas Fuchs und Lothar Katze bringen Pinocchio regelmäßig vom rechten Weg ab.

Wer kennt sie nicht? Die Holzpuppe Pinocchio, deren sehnlichster Wunsch es ist, einmal ein richtiger Junge zu werden. Und die auf dem Weg dorthin durch die Wirren des Lebens immer wieder auf die hölzerne Nase fällt, die im übrigen ab und an in der Länge variiert – je nachdem, wie ehrlich ihr Besitzer gerade durchs Leben geht.

Eine Geschichte für alle

Seit sein „Vater“ Carlo Lorenzini, besser bekannt unter seinem Pseudonym Carlo Collodi, 1882 ihn und seine Geschichte ersann, sind 140 Jahre vergangen. Eigentlich eine lange Zeit, in der sich doch auch einiges geändert hat in Gesellschaft und Erziehung. Doch der Kern der Handlung, die Suche nach Anerkennung und Akzeptanz, aber auch die Unterscheidung zwischen Gut und Böse und die Konsequenzen für das Handeln daraus sind gleich geblieben, damals wie heute. Denn Pinocchio ist vor allem eines: Eine Coming-of-Age-Geschichte, die weit mehr zu bieten hat, als antiquierte Moralvorstellungen und pädagogische Binsenwahrheiten. Und auch durchaus wertvoll sein kann für Erwachsene.

Premiere Pinocchio im theater am puls Schwetzingen

Nicole Böhm/tap

Gleich und gleich gesellt sich gern: Beim Puppenspieler lernt Pinocchio weitere Holzpuppen kennen.

Liebe zum Detail

Das zeigt auch die aktuelle Inszenierung im theater am puls. Intendant und Hausregisseur Joerg Mohr hat sich dem hölzernen Bengel angenommen und den Pinocchio-Stoff für das diesjährige Familienstück auf die Bühne gebracht. Dicht am Buch und mit viel Liebe zum Detail. Was herausgekommen ist, hat durchaus auch mal seine Längen, aber einmal mehr ist es die Besetzung, die die Kurzweil ausmacht: So verleiht Simon Speer dem kleinen Titelhelden Tiefgang und macht ihn schnell zum Sympathieträger.

Starke Besetzung

Auch die Handlung hat Mohr geschickt in ein Erzähltheaterstück eingewoben. Wechselnde Erzähler, die in verschiedene Rollen schlüpfen, stark besetzte Nebenrollen und ein Bühnenbild, das mit wenigen und einfachen Mitteln große Dichte erzeugt – das alles macht Pinocchio zu einem Theatererlebnis für Groß und Klein gleichermaßen.

Klamauk

Schon die Auftakt-Szene, die aus einer trostlosen Szenerie, in der sich frierende und hungernde Menschen eine Geschichte erzählen, die Begegnung von Holzschnitzer Geppetto (Klaus Herdel) mit Tischlermeister Kirsche (Johannes Szilvássy) wachsen lässt, macht einfach Spaß. Wenn sich die beiden, gefoppt vom sprechenden Holzscheit, das später einmal zu Pinocchio werden wird, in bester Slapstick-Manier abwechselnd verprügeln und wieder zusammenraufen, gibt das einen guten Ausblick auf die kommenden zwei Stunden Theatervergnügen.

Premiere Pinocchio im theater am puls Schwetzingen

Nicole Böhm/tap

Auch die Schulkameraden haben nichts Gutes im Sinn.

Fiese Typen ...

Auch die Gauner sind ein Highlight im Stück und von Joerg Mohr nicht einfach als stereotype Figuren inszeniert. Nein, Michael Hecht bringt als herrlich affektierte Felicitas Fuchs einen Hauch von Travestie ins theater am puls und Daniele Veterale ist als Lothar Katze so hinreißend doof, dass es eine wahre Pracht ist.

... und gute Seelen

Irina Maier schlüpft gleich in mehrere Rollen, besonders gut gelingt ihr das als Taube, die Pinocchio wieder ein Stück näher zu seinem Vater Geppetto bringt, nachdem er Nahtoderlebnisse hinter sich gebracht hat, um sein mühevoll Erspartes gebracht wurde, beinahe verhungert wäre und im Gefängnis schmoren musste. Besonders stark: Tobias Rieseberg. Schon sein Bruder Felix glänzte in tap-Inszenierungen, zuletzt als Titelheld in Tom Sawyer, nun scheint der Staffelstab weitergegeben an die nächste Generation. Tobias beeindruckt als liebevolle Fee mit blauen Haaren aber auch als Pinocchios Kumpel Docht, der den stets Bemühten mal wieder vom rechten Pfad abbringt. Da ist viel Potential vorhanden, so dass Mohr auch für künftige Inszenierungen wieder auf Schwetzinger Eigenwächse bauen kann.

Premiere von Pinocchio im theater am puls Schwetzingen

Nicole Böhm

Die Taube hilft Pinocchio ...

Frisch und dynamisch

Der Einsatz von Videotechnik und die Musik von tap-Haus- und Hofkomponist Stefan Ebert tragen ihr übriges dazu bei, dass Pinocchio nicht verstaubt und altmodisch, sondern frisch und dynamisch daherkommt. Unterm Strich bleiben so mal wieder zwei Stunden fantastisches und fantasievolles Vergnügen für Kinder ab acht Jahren, aber auch für solche, die das sind, was Pinocchio selbst so gerne wäre: erwachsen. Und die wissen ja, wie das so ist mit dem Erwachsenwerden – man erlebt vieles, auch mal nicht so Schönes und es ist immer gut, dabei eine gute Fee zu haben …

Premiere von Pinocchio im theater am puls Schwetzingen

Nicole Böhm/tap

Kumpel Docht (Tobias Rieseberg) träumt vom Spieleland, Pinocchio (Simon Speer) will mit.