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Spargelgeschichte(n)

Wie der Spargel in die Kurpfalz kam

Ein Bund Spargel

Dorothea Jacob/pixelio.de

Und Spargel – lateinisch asparagus officinalis – wurde lange zur Familie der Liliengewächse gerechnet. Ob der Spargel deshalb auch als „königliches Gemüse“ bezeichnet wird, ist nicht belegt, interessant ist dieser Umstand allemal. Spargelbauern sagen ja, die Bezeichnung rühre daher, weil man sich beim Ernten vor jedem einzelnen Spargel verbeugen müsse. Da ist auch was dran.

Klar ist hingegen eines: Das „weiße Gold“ darf heute im Frühjahr eigentlich an keinem Walldorfer Tisch mehr fehlen. Aber wer weiß schon, dass die Geschichte des Stangengemüses sogar bis ins alte China reicht? Dort verordneten Heilkundige und Ärzte den Spargel in seiner wild wachsenden, grünen Variante vermutlich schon 5000 v. Chr. als Heilmittel gegen Husten, Blasenprobleme und Geschwüre. Auch den alten Ägyptern war Spargel eventuell bekannt. Auch wenn dies nicht zweifelsfrei belegt ist, lassen Abbildungen es vermuten.

Alte Darstellung einer Spargelpflanze

Repro: NM

Darstellung des Spargel aus Hieronymus Bocks "Newes Kreutterbuch"

Von der Heil- zur Kulturpflanze

Belegt ist die Verwendung als Heilpflanze ab dem 5. Jahrhundert vor Christus hingegen in Persien und Griechenland. Der Urvater der Ärzte, Hippokrates von Kos beschrieb bereits 460 v. Chr. den wilden Spargel als medizinisch wirksam. Von den Griechen hat der Spargel übrigens auch seinen Namen: aspáragos bedeutet „junger Trieb“, denn verspeist und verarbeitet werden damals wie heute die Triebe der Pflanze. Von den Griechen war der Weg zu den Römern nicht weit, und auch der landwirtschaftliche Anbau ist in dieser Zeit erstmals belegt. In Marcus Porcius Catos (234 - 149 v. Chr.) bahnbrechendem Werk „De Agri Cultura“ wird der Anbau von Spargel im Garten erstmals ausführlich erklärt, nur ein Hinweis darauf, dass Spargel bei den Römern bekannt und geschätzt war.

Mit den Römern über die Alpen

Die Römer brachten die Pflanze wohl auch nach Deutschland: 1994 entdeckte man bei Ausgrabungen in der Römermetropole Trier ein kleines Bleietikett mit der Gravierung Asparagus, ebenfalls von dort stammen bronzene Messergriffe in Form von Spargelstangen aus der Römerzeit. Plinius der Ältere beschreibt in seiner „Naturgeschichte“ eine Spargelart aus Obergermanien, die geringerer Pflege als Gartenspargel bedürfe, dabei aber zarter als wilder Spargel sei.

Apothekenpflichtig

Mit dem Niedergang des römischen Imperiums verschwand der Spargel hierzulande zunächst wieder von der Ackerfläche, erst durch christliche Mönche und die Überlieferung antiker Schriften in den frühmittelalterlichen Klosterskriptorien fand er den Weg über die Alpen zurück, zunächst erneut als Heilpflanze in den Klostergärten. So wurde im Benediktinerkloster St. Gallen um 900 Spargel für die Klosterapotheke gezogen, spätere Schriften belegten ihn als heilsam gegen Nieren- und Leberleiden. Der Botaniker und Arzt Hieronymus Bock, der ebenfalls aus dem heute nordbadischen Raum stammte, beschrieb ihn 1539 in seinem „New Kreuterbuch“ überdies als wirksame Arznei gegen Fieber und Wassersucht – als Hausmittel gegen Wasser in den Beinen ist der Spargel bis heute bekannt. Lange Jahre war Spargel auch apothekenpflichtig.

Kurfürst Karl I. Ludwig

wiki

Kurfürst Karl I. Ludwig stellte den ersten Schwetzinger Spargelgärtner ein und sorgte so dafür, dass die Stadt heute ihr 350. Jahr des Anbaus feiern kann.
Raugräfin Marie Luise von Degenfeld

wiki

Wohl mitverantwortlich für die Kurpfälzer Spargelgeschichte: Raugräfin Marie Luise von Degenfeld (Miniatur um 1657, Privatbesitz).
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Königliche Rückkehr

Als Küchengemüse geriet der Spargel im Mittelalter hingegen  immer mehr in Vergessenheit. Erst im Barock- und Rokokozeitalter, der Zeit der absolutistischen Fürstenhöfe, erinnerte man sich zurück an den Geschmack des aufwändig zu kultivierenden Gewächses, das an den royalen Tafeln eine wahre Renaissance erlebte. Der erste urkundlich erwähnte Anbau von Spargel in Deutschland ist im fürstlichen Lustgarten zu Stuttgart belegt, und zwar im Jahr 1565.

Liaison mit Folgen

In der Kurpfalz ist der Spargelanbau rund 70 Jahre später erstmals gesichert. An fing damals alles mit einer Jobausschreibung. Und die wiederum hing mit einer Liaison zusammen, die ein verliebter Kurfürst mit einer Mätresse einging. Marie Luise von Degenfeld hieß die junge Frau, auf die Kurfürst Karl Ludwig von der Pfalz ein Auge geworfen hatte. Das Pikante: Sie war Hofdame der Kurfürstin Charlotte, der eigentlichen Gemahlin Karl Ludwigs. Dass diese vor Eifersucht regelmäßig tobte und immer wieder versuchte, die Nebenbuhlerin zu beseitigen, hinderte den Fürsten nicht daran, sich – sehr umstritten - von ihr zu scheiden und Marie Luise schließlich morganatisch, das heißt ohne Aussicht auf Thronerben, zu heiraten. Dass die Ehe recht glücklich war, davon zeugen wohl die 13 Kinder der beiden.

Gärtner gesucht

Das beschauliche Schwetzingen war wie geschaffen für Musestunden und während Karl Ludwig offiziell weiterhin im Heidelberger Schloss residierte, entstand aus den Trümmern des während des 30-jährigen Krieges stark zerstörten Schwetzinger Jagdschlosses wieder ein kleines Schmuckstück: 1665 konnte das Schloss wieder als Sommerquartier genutzt werden, die Degenfeld hielt Einzug und mit ihr auch ein großer Garten. Dafür brauchte es Personal und so kam es, dass auf kurfürstliches Geheiß im Jahre 1668 ein Gärtner namens Heinrich Kampf einen Arbeitsvertrag erhielt.

Blumenkohl, Melonen und Spargel

In der bis heute im Generallandesarchiv erhaltenen „Stellenbeschreibung“, das hat der Schwetzinger Kunsthistoriker Wolfgang Schröck-Schmidt herausgefunden, ist folgende Passage erhalten: „Er soll auch trachten bei allem Fleiß anwenden, fremden Gewächse als Caulifoli (Blumenkohl), Artischocken, Spargel, Colimbi, Cucumeri (Gurken), kleine Melonen und was der gleichen frühen Sachen mehr sind“.

Schaugerichte aus Porzellan im Schloss Favorite Rastatt

Martine Beck Coppola/SSG

Porzellan-Terrinen aus Frankenthaler und Straßburger Produktion lassen vermuten, dass am Hofe Carl Theodors auch Spargel auf den Tisch kam.

Prinzessin aus Florenz

1689 war es dann mit dem Spargelanbau wohl erst einmal vorbei: Während des pfälzischen Erbfolgekriegs hatten die Kurfürsten andere Sorgen als den Ackerbau, das Schwetzinger Schloss wurde von der französischen Allianz bis auf die Grundmauern zerstört. Die beiden Nachfolger Karl Ludwigs, Karl II. und Philipp Wilhelm gingen lieber auf die Jagd und zeigten wenig Interesse am Ackerbau. Interessant wird Schwetzingen für die Wittelsbacher Herrscher erst wieder für Kurfürst Johann Wilhelm (1658 – 1716). Dessen zweite Ehefrau, Anna Maria Luisa de‘ Medici, stammte aus einem der reichsten Häuser Europas, dem der Florentiner Medicis, was dem Kurfürsten ein recht hohes Budget sicherte. Zwar regierte Johann Wilhelm nicht von Mannheim oder Heidelberg, sondern von Düsseldorf aus, das Schwetzinger Jagdschloss ließ er ab 1697 trotzdem wieder aufbauen und zwar wesentlich größer als zuvor.

Cucina Italiana

Es war vermutlich eine Urahnin Anna Marias, die den Spargel aus Italien erst an die Adelshöfe Rest-Europas gebracht hatte: Katharina de‘ Medici hatte durch ihre Heirat mit Heinrich II. von Frankreich die Esskultur ihrer Heimat nach Frankreich exportiert. Die Florentiner Küche ging mit der französischen neue, kreative Verbindungen ein, die zum Teil bis heute auf unseren Speisekarten zu finden sind. Über die französischen und englischen Höfe kam der Spargel auch nach Deutschland. Anna Maria wiederum war ein Kind Italiens, von der Residenzstadt Florenz waren es rund 150 Kilometer bis nach Ravenna, bereits zu Römerzeiten eine Spargelhochburg.  Es steht also zu vermuten, dass auch an Johann Wilhelms Tisch das Stangengemüse serviert wurde.

Spurensuche

Allgemein jedoch sind, was den Spargel betrifft, die Quellen aus der Zeit des 17. und frühen 18. Jahrhunderts recht dürftig. Die Mahlzeiten zu Hofe bestanden zu dieser Zeit in der Hauptsache aus Fleisch, Gemüse wurde als Beilage gereicht, so auch der zur dieser Zeit noch dominierende grüne Spargel. Der heute in Deutschland beliebte, noch aufwändiger zu kultivierende weiße Bleichspargel kam flächendeckend erst Anfang des 19. Jahrhunderts in Mode.

Spargelstecherin auf einer Schwarz-weiß-Aufnahme

Repro: amoos

Spargelstechen war und ist harte Arbeit.

Von Schwetzingen nach Walldorf

Nach Walldorf schaffte es der Spargel spätestens Ende des 19. Jahrhunderts – und zwar aus Schwetzingen. Mathias Hess, Kunstmaler und Ortschronist schreibt in seiner 1950 erschienenen Ortschronik „Mein Walldorf“, dass die weiße Feldfrucht „vor etwas mehr als einem halben Jahrhundert“ durch die „Witwe des Schneidermeisters Johann Georg Schweinfurth, eine geborene Rinklef aus Schwetzingen“ in Walldorf eingeführt wurde. Der Name Rinklef steht in Schwetzingen bis heute für Spargelanbau. Jürgen Herrmann nennt in einem Artikel aus der Spargelmarkt-Postille 1877 als das Datum, an dem erstmals Spargel in Walldorfer Boden geerntet wurde: 240 Pflanzen baute die Witwe Schweinfurth damals am „Schwetzinger Fußpfad“ an, später weitere beim „Sandwingert“.

Es geht bergauf

Nach längerem Zögern zogen auch die lokalen Landwirte nach. Um 1915 konnten 23 Walldorfer Bauern Spargel auf einer Fläche von rund 4 ha ernten. 1928 beschloss der Gemeinderat einen zeitlich befristeten Spezialmarkt für Spargel mit einer entsprechenden Spargelmarktordnung. Vor dem „Pfälzer Hof“ fanden ab dieser Zeit zwischen April und Juni unter der Woche täglich morgens und abends zwei Märkte statt, auf denen Walldorfer Spargelbauern, aber auch Auswärtige aus St. Leon und Rot ihre „frisch gestochenen, ungewässerten Spargel“ verkaufen durften. Im April 1930 wurde der Markt dann auf den Marktplatz im Zentrum der heutigen Fußgängerzone an der katholischen Kirche verlegt. In den 1930er Jahren fand sich auf dem Walldorfer Poststempel ein Hinweis auf den örtlichen Spargelanbau. 1958, nach dem Zweiten Weltkrieg wurde der erste Spargelbauverein gegründet, Gründungsvorsitzender war Wilhem Nauert.

Weniger Bauern, größere Flächen

Inzwischen, rund 60 Jahre später hat sich das grundlegend geändert: Heute bauen in Walldorf noch drei Landwirtschaftsbetriebe Spargel im Haupterwerb an, auf einer Fläche von 50 bis 60 Hektar wohlgemerkt. Doch gerade in Zeiten, in denen lokale Erzeuger wieder eine wichtige Rolle spielen, schwören viele auf den „Spargel von hier“. Dieses und die Tatsache, dass man das „königliche Gemüse“ eben nur saisonal genießen kann, wird wohl auch langfristig dafür sorgen, dass der Walldorfer Spargel sich weiterhin großer Beliebtheit erfreuen kann.